Kein Kalter Krieg in den Köpfen - Bevölkerung in Deutschland, Russland und Polen wünscht Annäherung

Kein Kalter Krieg in den Köpfen - Bevölkerung in Deutschland, Russland und Polen wünscht Annäherung
"Wir sind verbündet" - Während sich das Poster allerdings auf die NATO bezieht, wünschen sich derzeit die Bevölkerungen Deutschlands, Polens und Russlands eine Wiederannäherung.
Während Medien und politischer Diskurs zum Verhältnis zwischen Europa und Russland von Konfrontation geprägt scheinen, wünscht sich die Bevölkerung vor allem Annäherung. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Körber-Stiftung in Deutschland, Russland und Polen.

Herrscht derzeit Kalter Krieg in den Köpfen der Deutschen, Russen und Polen? Eine Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung hat gezeigt, dass die Bevölkerung in Deutschland, Russland und Polen sich trotz der „politischen Eiszeit“ und teils abweichender Wertevorstellungen vor allem Wiederannäherung und eine Gesundung des Verhältnisses wünscht.

Gabriele Woidelko, die den Arbeitsschwerpunkt Russland bei der Körber-Stiftung leitet, stellt in ihrem Gastbeitrag im Cicero den Hintergrund und einige Ergebnisse der repräsentativen Umfrage mit dem Titel Russland in Europa: Kalter Krieg in den Köpfen? vor.

Wie steht es um die zwischengesellschaftliche Ebene vor angesichts aktueller Unberechenbarkeit?

Insbesondere ging es darum, die "zwischengesellschaftliche und menschliche Ebene der europäisch-russischen Beziehungen" vor dem Hintergrund zahlreicher Problemfelder zu ergründen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow bei einem Gespräch mit dem Vorsitzenden der Arabischen Liga  in Moskau,  5. Juli 2017.

Syrien-Konflikt, Ursachen und Wirkung der NATO-Osterweiterung, vermutete oder tatsächliche Einmischung Russlands in demokratische Wahlen verschiedenster EU-Mitgliedsländer, Informationskrieg im Internet und Hacking: Überall herrscht Konfrontation statt Dialog, überall kommt es zu „eskalierter Entfremdung.“

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Woidelko mahnt die Politik zu diplomatischer Verantwortung und verweist auf die Bedrohlichkeit der aktuellen Lage, die sich von der Zeit des Kalten Krieges vor allem durch ihre Unberechenbarkeit abhebe.

Die heutige Welt ist multipolar, je nach Interessenlage kommt es zu unterschiedlichsten Koalitionen, kaum etwas scheint noch berechenbar. Daher birgt der Konflikt zwischen Russland und dem Westen große Gefahren, denen Russland und die EU mit allen verfügbaren politischen und diplomatischen Mitteln verantwortungsvoll begegnen müssen.“

Rückläufige Zahlen im Austausch zwischen den Bevölkerungen seien ein Hinweis darauf, dass das zwischenmenschliche Miteinander unter der "politischen Eiszeit" leide. Die Autorin warnt:

Wenn das Vertrauen der Menschen zueinander erschüttert wird und vorgefertigte Feindbilder den eigenen Eindruck aus erster Hand ersetzen, dann steht einer weiteren politischen Eskalation nichts mehr im Wege. Wohin das führen kann, hat uns die Geschichte des 20. Jahrhunderts gelehrt."

Kein Kalter Krieg in den Köpfen - Bevölkerung in Deutschland, Russland und Polen wünscht Annäherung

48 Prozent der Deutschen sehen in Russland ein bedrohliches Land, während gerade mal 25 Prozent der Russen in Deutschland eine Bedrohung sehen. 

Unter Deutschen ist der Wunsch, einmal nach Russland zu reisen, stärker ausgeprägt als der Wunsch der Russen, ein Land der EU zu besuchen. Die Umfrage zeigte, dass insgesamt beinahe zwei Drittel der Russen, die noch nie in der EU waren, auch kein Interesse haben, sie zu besuchen. Allerdings zeigten sich deutliche Altersunterschiede, denn immerhin fast die Hälfte der 18- bis 29-jährigen Russen, die noch nicht in der EU waren, würde gern einmal dorthin reisen. Fast 60 Prozent der Deutschen würden Russland gern besuchen.

Wunsch nach Wiederannäherung - Deutsche und Russen wünschen sich intensivere bilaterale Beziehungen 

Die Umfrage mit dem Fokus "Herrscht bei Deutschen, Polen und Russen derzeit Kalter Krieg in den Köpfen? Wie stehen Sie zu den aktuellen Konflikten? Was wünschen Sie sich?", hat nach Einschätzung der Körber-Stiftung gezeigt, dass es sowohl „eine Mauer in den Köpfen“ gebe als auch den Wunsch nach Wiederannäherung.

Vor allem Polen und Deutsche würden Russland als Teil Europas sehen, mit über der Hälfte der Befragten gegenüber nur knapp jedem Zweiten in Russland befragten. Einig sind sich dabei alle, dass es eher eine geografische Zugehörigkeit ist, denn die Zustimmung zu einer gemeinsamen Wertegemeinschaft liegt überall bei nur fünf Prozent oder weniger.

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Doch unterschiedliche Wertevorstellungen müssen nicht zwangsläufig in wechselseitige Furcht voreinander oder in gegenseitige Feindbildprojektionen münden. In dem Bereich hat nach Ansicht zahlreicher Experten auch die mediale Berichterstattung einen Effekt und Verantwortung. 

Knapp die Hälfte der Deutschen sieht der Umfrage zufolge Russland als ein bedrohliches Land, während nur ein Viertel der Russen Deutschland als Bedrohung wahrnimmt. Dabei zeigt sich ein deutlicher Ost-West-Unterschied. Während in den Ländern der alten Bundesrepublik mehr als die Hälfte der Befragten Russland für bedrohlich hält, ist der Anteil der Bevölkerung mit dieser Ansicht in neuen Bundesländern mit nur einem Drittel weitaus geringer.

Auf die Frage, mit wem sie sich intensivere bilaterale Beziehungen wünschen, nennen Deutsche und Russen das jeweils andere Land an zweiter Stelle.

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In Russland wird Deutschland kaum als Bedrohung wahrgenommen.

Denn ein zentrales Ergebnis der Umfrage zeigt, dass 95 Prozent der Deutschen und 84 Prozent der Russen es für wichtig oder sogar sehr wichtig halten, dass sich Russland und die EU in den nächsten Jahren politisch wieder annähern.

Die Aussöhnung und Annäherung zwischen beiden Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg sehen knapp zwei Drittel der Deutschen und beinahe die Hälfte der Russen durch die aktuellen politischen Entwicklungen gefährdet. Als Hauptursachen für die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und der Europäischen Union werden der Konflikt um die Krim und die Ost-Ukraine genannt, gefolgt von der NATO- und EU-Osterweiterung. 

Doch die Mehrheit der Bevölkerungen Deutschlands und Russlands, mit 69 Prozent der Deutschen und 79 Prozent der Russen, wollen die Aufhebung der Sanktionen.

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Mehr als drei Viertel der Russen sehen Präsident Wladimir Putin als geeignet, einen Beitrag zur Besserung des Verhältnisses zu leisten und fast 60 Prozent der Deutschen Merkel. Alternativ hätten sie in der Umfrage Frankreichs Präsident François Hollande oder die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini nennen können.

Auf die Frage, in welchen Bereichen eine Zusammenarbeit zwischen Russland und der EU besonders wichtig sei, entschieden sich 35 Prozent der Russen für die Terrorbekämpfung, 29 Prozent für Wirtschaftsbeziehungen und nur 14 Prozent für den Ukraine-Konflikt. In Deutschland entschieden sich 49 Prozent für die Lösung des Syrien-Konflikts, gefolgt von der Terrorbekämpfung und der Lösung des Ukraine-Konflikts mit jeweils nur 13 Prozent - angegeben werden konnte jeweils nur ein Bereich.

Die Körber-Stiftung, die sich in verschiedenen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Bereichen betätigt, verweist darauf, dass sie Russland als einen Teil Europas sieht und viele politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen in Europa nur gemeinsam mit Russland gemeistert werden können. 

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