Keine Zeit für Pausen: Amazon-Fahrer in Großbritannien urinieren in Flaschen

Keine Zeit für Pausen: Amazon-Fahrer in Großbritannien urinieren in Flaschen
(Symbolbild). Über 200 Pakete am Tag - Das Weihnachtsgeschäft verlangt den Kurieren auch dieses Jahr wieder viel ab.
Sie sollen bis zu 200 Pakete am Tag liefern, arbeiten zum Teil 14 Stunden pro Tag und bekommen nicht einmal den Mindestlohn: Fahrer, die in Großbritannien Pakete für Amazon liefern, berichten von unzumutbaren Arbeitsverhältnissen. Nun könnte es rechtliche Konsequenzen geben.

Wie die britische Daily Mail berichtet, beschweren sich Fahrer, die Pakete für Amazon ausliefern, zunehmend über unzumutbare Arbeitsbedingungen. Es sollen zum Teil bis zu 200 Pakete pro Tag sein, die auf die Kuriere warten. Dies führe zu 14-stündigen Arbeitstagen, und das obwohl noch nicht einmal der Mindestlohn bezahlt werde. Zudem sollen die Fahrer in Flaschen urinieren, da es keine Zeit für eine Pause gäbe.

Es ist zwar allgemein bekannt, dass das Weihnachtsgeschäft den Kurierunternehmen zwangsläufig mehr Aufwand abverlangt, doch offenbar überraschen die diesjährigen Auswüchse selbst die hartgesottenen Kuriere. Die Prüfstelle Driving and Vehicle Standards Agency des britischen Transport- und Verkehrsministerium hat zu den Vorwürfen eine Untersuchung angekündigt. Zudem vertritt die Anwaltskanzlei Leigh Day sieben Fahrer, die sich von den mit Amazon kooperierenden Unternehmen misshandelt fühlen.

Die Anwaltskanzlei hatte schon erfolgreich gegen das Personenbeförderungsunternehmen Uber prozessiert. Seit Oktober 2016 haben Uber-Fahrer Anspruch auf Urlaubsgeld, Krankengeld und den britischen Mindestlohn von derzeit 7,50 Pfund (ungefähr 8,50 Euro). Die Fahrer seien als Angestellte zu betrachten, stellte ein Arbeitsgericht in London fest. Zwei Uber-Fahrer hatten damals Klage gegen das Unternehmen erhoben.

Laut dem Artikel in der Daily Mail arbeiten die Fahrer zwar nicht direkt für Amazon, nutzen aber die App des Unternehmens, um die Lieferrouten zu kalkulieren. Die Fahrer werfen der App vor, dass sie Staus, Wetterbedingungen und Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht berücksichtige. Es sei praktisch unmöglich, alle Pakete innerhalb der regulären Arbeitszeit auszuliefern. Amazon sagte, dass die Routen mit Hilfe einer ausgeklügelten Software berechnet würden, die Verkehrsmuster und Geschwindigkeitsbegrenzungen berücksichtige.

Ein Kurier berichtete gegenüber der britischen Zeitung The Sunday Mirror, dass Amazon eine E-Mail an alle Manager geschickt habe, um das Urinieren in Flaschen zu unterbinden. Sicherheitskräfte, die für die Unternehmen arbeiten, sollen die Fahrer dafür melden.

Zudem verdienen die Kuriere offenbar nur 103 britische Pfund pro Tag (ungefähr 117 Euro) und zahlen schon rund 200 britische Pfund pro Woche für die Mietung und Versicherung der Lieferwagen. Laut der Daily Mail berichtete ein Fahrer, dass er nur 160 britische Pfund in der Woche mit nach Hause nehme, nachdem die Kosten für den Wagen und den Kraftstoff abgezogen worden seien. Diese Kosten werden den Fahrern später wieder zurückerstattet.

Ein Sprecher von Amazon sagte gegenüber dem Sunday Mirror:

Über 100 Unternehmen in ganz Großbritannien bieten tausenden von Menschen, die Pakete an Kunden ausliefern, Arbeitsmöglichkeiten. Wir verpflichten uns, dafür zu sorgen, dass die von unseren unabhängigen Lieferanten beauftragten Personen angemessen entschädigt, respektvoll behandelt, alle anwendbaren Gesetze und Fahrvorschriften befolgt werden, und das sicher gefahren wird.“

Auch in Deutschland regt sich Widerstand gegen Amazon. Im Streit um eine Tarifbindung beim Onlinehändler Amazon hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Montag erneut zum Streik aufgerufen. Der Versandhändler lehne nach wie vor jede Tarifbindung seiner Mitarbeiter in Deutschland ab. Im November hatte Verdi die Geschäftsführung der NRW-Standorte von Amazon angeschrieben und zu Verhandlungen über einen Tarifvertrag "Gute und gesunde Arbeit" aufgefordert. Das Unternehmen habe in einem Antwortschreiben deutlich gemacht, dass es einen solchen Tarifvertrag für "unnötig" halte, erklärte die Gewerkschaft.

Dies sei "erst recht ein Grund weiterzumachen", kündigte Silke Zimmer vom Verdi-Landesbezirk NRW am Montag mit. "Die Beschäftigten werden einen sehr langen Atem zeigen, um dem Konzern deutlich zu machen, dass Amazon keine tarifvertragsfreie Zone bleiben darf", erklärte Zimmer. Der Tarifstreit zwischen Amazon und Verdi zieht sich bereits seit Jahren hin.

Verdi will erreichen, dass die Beschäftigten nach dem Tarif des Einzel- und Versandhandels bezahlt werden. Amazon betont stets, es könne auch ohne Tarifvertrag ein fairer und verantwortungsvoller Arbeitgeber sein. Das Unternehmen zahle in den Logistikzentren "am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten üblich ist".

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