PEW-Studie entwirft Szenarien für muslimische Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und Europa 2050

PEW-Studie entwirft Szenarien für muslimische Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und Europa 2050
Mädchen beim Koranstudium, Dortmund, Deutschland, 3. Oktober 2010.
Eine Studie des Pew-Forschungsinstituts beinhaltet drei Zukunftsszenarien zur zahlenmäßigen Entwicklung der muslimischen Bevölkerung in Europa bis 2050. Diese hänge von der Migration ab. Es werde aber in jedem Fall mehr nominelle Christen als Muslime geben.

Eine Detailstudie des Pew-Forschungsinstituts, die Teil einer Großstudie zur weltweiten Zukunftsentwicklung der Religionen war, bezieht sich auf die derzeit 28 EU-Mitgliedsländer sowie auf Norwegen und die Schweiz. Hierfür haben die Forscher und Analysten drei mögliche Entwicklungszenarien entworfen, basierend auf unterschiedlichen Annahmen über die Entwicklung der Neuzuwanderung.

Als Basis ist man von einer derzeitigen Gesamtzahl von 26 Millionen Muslimen in Europa ausgegangen. Diese schloss Flüchtlinge mit nicht geklärtem Aufenthaltsstatus aus. Setzt sich die reguläre Migration wie bisher fort, dann werden bis 2050, so die Forscher, 58 Millionen Muslime in Europa leben. Im Fall einer starken Zuwanderung wären es 75 Millionen. 

Ein weiteres Szenario geht von einem Ende der Neuzuwanderung aus, wie es Vertreter der politischen Rechten fordern. Auch in diesem Fall würde bis 2050 der Anteil der Muslime an der europäischen Gesamtbevölkerung von 4,9 Prozent auf 7,4 Prozent ansteigen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass es heute mehr junge Muslime in Europa gibt und unter der muslimischen Bevölkerung eine höhere Geburtenrate zu verzeichnen ist. 

Jenes Szenario, welches eine Zuwanderung mittlerer Stärke miteinbezieht, sieht den Bevölkerungsanteil der Muslime bis 2050 auf 11,2 Prozent anwachsen. Die Prognose, die von einer hohen Zuwanderung ausgeht, welche den Trend zwischen 2014 und 2016 fortsetzt, lässt bis 2050 hingegen einen Anteil der Muslime an der Bevölkerung in Höhe von 14 Prozent erwarten. Auch in diesem Fall wäre dieser jedoch weitaus geringer als der jener Menschen, die einer christlichen Glaubensgemeinschaft angehören. 

Migrationsströme vorauszusagen ist jedoch unmöglich, so die Anmerkung des Pew-Instituts. Die Forschungseinrichtung verweist auch darauf, dass rund die Hälfte aller Zuwanderer und Flüchtlinge, die nach Europa kamen, nämlich 47 Prozent, Christen sind. Die Gesamtbevölkerung Europas würde ohne Zuwanderung von 521 Millionen auf rund 482 Millionen sinken.

Die muslimische Bevölkerung Europas zeichne sich in ihrer Binnenstruktur durch eine hohe Heterogenität aus. Sie beinhaltet sowohl Muslime, die in Europa geboren wurden, als auch solche, die zugewandert sind. Auch teile sie sich auf unterschiedliche Glaubensrichtungen und Traditionsstränge auf, etwa die Großgruppen der Sunniten und Schiiten, darüber hinaus in die damit verbundenen Untergruppen oder Abspaltungen von Sufis über Aleviten bis hin zu Angehörigen der Ahmadiyya. Zudem sind in den Zahlen der Studie auch Muslime berücksichtigt, die sich selbst möglicherweise nicht als solche bezeichnen würden, da die Religion in ihrem täglichen Leben keine Rolle spielt. Dies könne, so die Forscher, in den Prognosen nicht berücksichtigt werden. Zwischen 2010 und 2016 legten 160.000 Muslime in Europa offiziell ihren Glauben ab. 

Höhe der muslimischen Bevölkerungszunahme abhängig von vorherigen Zuwanderungsströmen

Maria Adebahr (l.), stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amts, und Regierungssprecher Steffen Seibert (r.).

Die jeweilige Höhe des muslimischen Bevölkerungszuwachses in den einzelnen Ländern ist abhängig von der bereits zuvor aufgenommenen Zahl an muslimischen Zuwanderern. Dorthin, wo es bereits mehr und größere muslimische Gemeinschaften gibt, findet auch eine verstärkte muslimische Zuwanderung statt.

Den größten Anteil an Muslimen nach dem Szenario ohne Neuzuwanderung hätte Frankreich mit 12,7 Prozent bis 2050, Bulgarien mit 12,5 und Schweden mit 11,1 Prozent. Deutschland käme auf 8,7 Prozent. Bei einer hohen Zuwanderung würde der Anteil der Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland auf 20 Prozent ansteigen. Für Schweden errechnet sich ein Zuwachs auf 31 Prozent.

Den Berechnungen liegen Daten zur Zuwanderung von Eurostat und den einzelnen Ländern zugrunde. Einen Unsicherheitsfaktor stellt das derzeitige nicht geklärte Aufenthaltsrecht von Asylsuchenden dar. Zwischen 2010 und 2016 erreichten 3,7 Millionen Muslime Europa, davon 2,5 Millionen als legale Arbeitskräfte und Studenten sowie 1,3 Millionen als Flüchtlinge, denen der Flüchtlingsstatus gewährt wurde oder die Aussicht auf ein Bleiberecht haben.

Die meisten Flüchtlinge, die zwischen 2010 und 2016 nach Europa kamen, stammten aus Syrien. Unter diesen gehören 91 Prozent der muslimischen Glaubensgemeinschaft an. Die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe stellten die Afghanen mit 180.000 Personen, gefolgt von den Irakern. Der reguläre Zustrom von Migranten nach Europa stammt hauptsächlich aus Marokko, Pakistan und Bangladesch.

Geburtenrate in Deutschland auch unter Muslimen gering

Die Geburtenrate der Muslime in Europa ist höher als bei Mitgliedern anderer Glaubensgruppen. Muslime, die nach Europa kommen, weisen eine Geburtenrate auf, die jener ihres jeweiligen Herkunftslandes entspricht. Zum Vergleich weisen nichtmuslimische Frauen in Europa eine Geburtenrate von 1,6 auf. Unter muslimischen Frauen liegt diese hingegen bei 2,6. Die Anzahl der Kinder nichtmuslimischer Frauen kann die Sterberate nicht auffangen, die Bevölkerungszahl sinkt. Besonders in Finnland wird dieser Unterschied deutlich. Hier gebären Nichtmusliminnen im Schnitt 1,7 Kinder und Musliminnen 3,1 Kinder. In Deutschland ist die Geburtenzahl auch bei Musliminnen mit 1,9 Kindern relativ gering und jener der Nichtmusliminnen - mit 1,4 Kindern im Durchschnitt - ähnlich. 

Bei der Betrachtung der Altersstruktur wird ebenfalls ein Unterschied zwischen muslimischer und nichtmuslimischer Bevölkerung deutlich. Im vergangenen Jahr war die muslimische Bevölkerung europaweit durchschnittlich im Vergleich um 13 Jahre jünger. In Deutschland sind Menschen muslimischen Glaubens durchschnittlich 31 Jahre alt, die Nichtmuslime 47 Jahre.