Reporter ohne Grenzen wollen kritische Pressekonferenz in Genf über syrische Weißhelme verhindern

Reporter ohne Grenzen wollen kritische Pressekonferenz in Genf über syrische Weißhelme verhindern
Mitarbeiter der so genannten Weißhelme in einem Vorort von Aleppo. Einwohner der Stadt bezichtigten die vermeintlichen Zivilschützer der Kooperation mit Terrorgruppen wie Al-Kaida.
Die "Weißhelme" in Syrien polarisieren: Den einen gelten sie als heldenhafte Retter, den anderen als Handlanger von Terroristen. Der Schweizer Presseclub will nun einen kritischen Blick auf die "Zivilschützer" werfen. Zum Ärger der Reporter ohne Grenzen.

Im Westen gelten sie als Helden: Die so genannten Weißhelme in Syrien, die in den von Aufständischen kontrollierten Gebieten als Rettungssanitäter aktiv sind und - zweifellos - zahlreichen Menschen das Leben gerettet haben. Für ihren Einsatz bekam die sich als "Syrischer Zivilschutz" bezeichnende Organisation zahlreiche Preise verliehen, darunter den Alternativen Nobelpreis.

Im Dezember des letzten Jahres erhielt ihr Chef Raed al-Saleh gar den "Deutsch-französischen Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit". Die Bundesregierung fördert die Weißhelme mit Millionenbeträgen. Nach Ansicht des Auswärtigen Amtes ist die Organisation "in ihrer humanitären Arbeit strikt neutral".

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Parteiisch für "die Revolution"

Kritiker sehen in den Weißhelmen hingegen nicht die selbstlosen Retter, als die sie westliche mediale Heldenepen gerne verkaufen, sondern eine Propagandaabteilung der Aufständischen, die auch mit Al-Kaida gemeinsame Sache macht. Nicht umsonst habe der Chef des syrischen Al-Kaida-Ablegers die "Zivilschützer" als "verborgene Soldaten der Revolution" gelobt. Eine Veranstaltung im Schweizer Presseclub am Dienstag will diese dunkle Seite der Weißhelme näher beleuchten. Im Einladungstext heißt es:

Die Weißhelm-Organisation wird im Westen als Held gefeiert, und dieser stellt Millionen von Dollar für die so genannten Retter zur Verfügung. Die Bewohner von Aleppo behaupten jedoch, dass sich die Weißhelme nur um Geld und die Rettung der Rebellen kümmern, nicht aber um die Zivilbevölkerung.

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Auf der Pressekonferenz wollen die Journalisten Vanessa Beeley und Richard Labevière sowie Marcello Ferranda De Noli von der NGO "Schwedische Ärzte für Menschenrechte" einen kritischen Blick auf die "wirkliche Agenda der Weißhelme" werfen. Dazu haben sie vor Ort in Syrien recherchiert und viele Erfahrungsberichte von Menschen eingeholt, die die Weißhelme aus erster Nähe erlebt haben. RT hatte diese Rechercheergebnisse bereits vor zwei Monaten in einem Videobeitrag zusammengefasst. 

Reporter ohne Grenzen fordern Absage 

Doch mittlerweile ist die Pressekonferenz über die umstrittenen Weißhelme selbst zum Streitfall geworden, wie die Tribune de Genève berichtete. Der Präsident der Schweizer Sektion von Reporter ohne Grenzen sowie deren Geschäftsführerin, Gérard Tschopp und Christiane Dubois, protestierten scharf gegen die Veranstaltung. In einem Schreiben an den Gründer und Direktor des Presseclubs, Guy Mettan, verwahrten sie sich dagegen, dass ihre Organisation als Mitglied des Presseclubs im Unterstützungskomitee aufgeführt wird.

In ihrer Äußerung bezeichneten sie die "so genannte Journalistin" Beeley als eine "Apologetin des syrischen Regimes", die vor allem in "russischen Propagandamedien (SputnikNews, RussiaToday)" Erwähnung fände. Auch bei De Noli handele es sich um ein "Werkzeug der russischen Propaganda". Tschopp und Dubois fordern daher eine Absage der Veranstaltung, von der sie glauben, dass sie "dem Ansehen des Schweizer Presseclubs schaden" wird. Um ihrer Aufforderung Nachdruck zu verleihen, drohen sie damit, dass ihre Organisation die Mitgliedschaft im Presseclub widerrufen könnte. 

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Die Antwort von Guy Mettan, einst Mitbegründer von Reporter ohne Grenzen, ließ nicht lange auf sich warten. In seiner Erwiderung auf das Protestschreiben, dessen Inhalt ihn "entsetzt" habe, schreibt er:

Ich kann verstehen, wenn es missbilligt wird, dass wir abweichenden Stimmen einen Raum geben. Aber davon ausgehend die Absage dieser Pressekonferenz zu fordern, ist ein Schritt, den ich von Ihnen niemals erwartet hätte.

In einer Reihe mit Saudi-Arabien und China 

Dieser "ernsthafte Angriff auf die Meinungsfreiheit" stünde in völligem Widerspruch zu den Grundsätzen von Reporter ohne Grenzen, so Mettan. Während seiner 20-jährigen Tätigkeit für den Presseclub sei immer wieder Druck auf ihn ausgeübt worden, bestimmte Veranstaltungen abzusagen.

Aber bislang wurde der Druck immer von autoritären oder diktatorischen Regimen wie China, Saudi-Arabien, Ägypten oder Bahrain ausgeübt. Es ist das erste Mal, dass mich eine Organisation, die Journalisten in einem demokratischen Land vertritt, darum bittet. Es versteht sich von selbst, dass ich dem nicht nachkommen kann. Das wäre eine Schande für einen Beruf, dem Sie sich hoffentlich noch immer angehörig fühlen.

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Statt sich in Zensur zu üben, empfiehlt Mettan den beiden Kritikern wie auch den Unterstützern der Weißhelme, die Pressekonferenz zu besuchen und ihre Fragen direkt an die Vortragenden zu richten.

Im Geiste der Offenheit und der Wahrheitsfindung, die den Schweizer Presseclub seit seiner Gründung geprägt hat, bin ich meinerseits natürlich bereit, ein Pressegespräch mit den Organisationen zu veranstalten, die die Weißhelme unterstützen, damit diese ihre Ansichten darlegen können.

Aus dieser Richtung sei aber noch keine entsprechende Anfrage erfolgt, so Mettan, der die "persönlichen Angriffe" auf Beeley und De Noli als "journalistisch unwürdig" verurteilte.   

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