Attentate von Barcelona: Organisator der Anschläge war Geheimdienst-Agent

Attentate von Barcelona: Organisator der Anschläge war Geheimdienst-Agent
Der spanische Innenminister Juan Ignacio Zoido im Gespräch mit Premierminister Mariano Rajoy. In der Zeitung steht: "Katalonien, wie sind wir hierher gekommen?", Madrid, 21. Oktober 2017.
Spaniens Geheimdienst CNI räumt ein, dass er jahrelang Kontakte zum Kopf der salafistischen Terrorgruppe von Barcelona unterhielt. Der Geheimdienst finanzierte den Terror-Imam aus Steuermitteln. Der katalanischen Polizei verheimlichte das CNI seine Kontakte.

Ein Missgeschick - oder aber eine bedeutsame Schicksalsfügung - ließ den gefährlichen Sprengstoff TATP explodieren, als die Terrorgruppe ein Bombenattentat auf die weltberühmte Kathedrale Sagrada Familia vorbereitete. Die Islamisten nennen TATP auch die "Mutter des Satans". Die Chemikalie sollte vor der Gaudi-Kathedrale zwei mit 120 Gasflaschen beladene Lastwagen in die Luft jagen. Gleichzeitig sollten sich junge Männer mit Sprengstoffwesten während eines Spätgottesdienstes in die Luft jagen.

Die Gruppe plante, die Kathedrale des Künstlers Antonio Gaudi völlig zu zerstören und dabei Hunderte von Touristen zu töten. Am Tag nach der Explosion in Alcanar südlich von Barcelona, bei dem der Anführer und drei Mitglieder der salafistischen Zelle starben, fuhren andere Mitglieder der Gruppe mit einem Lieferwagen im Zentrum von Barcelona in zufällig ausgewählte Passanten und töteten 16 Menschen. Später ermordeten sie noch eine Fußgängerin im Strandort Cambrils und verletzten weitere Passanten.

Am Tag nach diesen Anschlägen ereignete sich eine ungewöhnliche Szene in Spaniens Hauptstadt Madrid. Der spanische Innenminister Juan Ignacio Zoido trat vor die Presse und erklärte, das Terrornetzwerk und alle Hintergründe seien komplett aufgedeckt, die Polizei könne die Fahndung einstellen. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht einmal geklärt, welche Personen bei der Explosion in Alcanar am 15. August ums Leben gekommen waren. Sicher war nur, dass noch mindestens eine nicht identifizierte Person auf der Flucht war.

Der getötete Imam Abdelbaki Es Satty auf einer Aufnahme der spanischen Polizei.

Allerdings beschuldigten die Behörden der Madrider Zentralregierung in den folgenden Wochen lauthals die katalanische Regionalpolizei, die Mossos d’Esquadra, sie sei dafür verantwortlich, dass die Attentate stattfinden konnten. So verstärkte sich der Eindruck, dass Madrid die schrecklichen Vorkommnisse instrumentalisiert, um das bevorstehende Referendum am 1. Oktober zu beeinflussen, bei dem die Katalanen über ihre Unabhängigkeit von Spanien abstimmen wollten.

Nun, drei Monate nach den Attentaten, bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen: Am 17. November hat der spanische Geheimdienst Centro Nacional de Intelligencia (CNI) zugegeben, dass der Imam Abdelbaki Es Satty, der Organisator der Anschläge, spätestens seit dem Jahr 2010 für den Geheimdienst arbeitete. Zunächst räumte das CNI nur ein, dass man während dessen vierjähriger Haftzeit "geheimdienstliche Kontakte" mit ihm unterhalten hat. 

Abdelbaki Es Satty saß wegen Drogenhandels zwischen 2010 und 2014 in einem Gefängnis, in dem er auch Kontakte zu hochrangigen verurteilten Islamisten hatte, die für die blutigen Anschläge des Jahres 2004 in Madrid verurteilt waren. Welcher Art die Kontakte waren, wird der Öffentlichkeit allerdings weiter vorenthalten. Inzwischen erklärten anonyme Quellen aus dem Geheimdienst gegenüber den Medien, dass das CNI den Terror-Imam auch finanziert hat - und zwar bis zu seinem Tod, einen Tag vor dem Attentat.

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Dafür seien "spezielle staatliche Gelder für die Tätigkeit von Geheimdiensten" verwendet worden. Nicht bekannt ist bisher, seit wann Abdelbaki Es Satty für den spanischen Geheimdienst arbeitete, und worin sein Auftrag bestand. Doch schon jetzt zeigt der Fall Parallelen zu den zahlreichen islamistischen Terroranschlägen der vergangenen Jahre in Europa. Immer wieder stellte sich heraus, dass die Täter bereits vor ihren Terrorakten in den Kreisen von Geheimdiensten, Polizeikräften und hohen Staatsbeamten bekannt waren. Mehr noch: Zwischen den Tätigkeitsfeldern beider Seiten bestanden Schnittmengen, und bisweilen erhielten die Informanten bzw. Terroristen sogar Geld oder sahen sich auf sonstige Weise unterstützt.

Anonyme Quellen sprechen von Finanzierung bis zum letzten Tag

Mit der plötzlichen Veröffentlichung seiner Kontakte zu dem Terror-Imam will der spanische Geheimdienst offensichtlich vermeiden, dass andere den Umstand an die Öffentlichkeit bringen. So nutzt das CNI die Gelegenheit, ein Erklärungsmuster mitzuliefern, damit die Bevölkerung ungeachtet dieser schockierenden Tatsachen nicht auf falsche Gedanken kommt.

"Es ist normal, dass man, um Informationen im Kampf gegen den Terrorismus zu bekommen, diejenigen kontaktiert, die sie haben",

zitierte die Zeitung El Pais am 17. November anonyme Stimmen aus dem Geheimdienst. Und weiter heißt es, es komme immer wieder vor, dass einzelne Zuträger den Geheimdiensten "aus dem Ruder laufen", oder dass sie ein Doppelleben führen. Nach Darstellung des CNI sei die Tatsache, dass der zentrale Organisator der Terroranschläge für den Geheimdienst arbeitet also ganz normal. Die Nachricht an die Öffentlichkeit lautet: Es gibt hier nichts zu sehen, gehen Sie weiter!

Dass Innenminister Juan Ignacio Zoido mit dieser Strategie durchkommt, ist allerdings unwahrscheinlich. Immerhin liegen die Ermittlungen auch bei der katalanischen Polizei, deren populären Chef Josep Lluís Trapero der Innenminister gerade Ablösen und wegen Seperatismus anklagen ließ. Natürlich ist es für alle Seiten schwer vorstellbar, dass das CNI seine Spitzel nicht unter Kontrolle hat.

Um die monatelangen Vorbereitung auf die Anschläge in Barcelona zu übersehen, hätte das CNI weder die Telefone noch die Internetverbindungen seines V-Mannes überwachen dürfen. Sonst hätten die Behörden in Spanien seit langem gewusst, wer die Terrorgruppe um Es Satty ist und was diese plant. Auch deren Leben und Treiben in Alcanar hätte dem Geheimdienst unter normalen Bedingungen kaum verborgen bleiben können. Wo war die GPS-Überwachung? Der Piepser am Auto? Die versteckten Kameras?

Es Satty und sein gleichgesinnter Zellengenosse

Die Gesprächsprotokolle des für Es Satty verantwortlichen Geheimdienstlers müssten Aufschluss darüber geben können, ob das Doppelleben des Salafistenpredigers jahrelang unbemerkt blieb. Schwer nachvollziehbar, wie er monatelang in einer angeblich besetzten Ferienvilla in Alcanar leben konnte, rund 500 Liter Aceton für die Sprengstoffherstellung und 120 Gasflaschen dorthin schaffte, ohne dass seinem Führungsoffizier etwas auffiel. Zudem verlief die Rekrutierung der beteiligten Jugendlichen im gut 500 Kilometer entfernen Ripoll bereits recht auffällig.

Nach bisherigem Stand besuchte der Geheimdienst CNI Jahre vor den aktuellen Ereignissen regelmäßig einen wegen Drogendelikten verurteilten Gefangenen und befragte ihn zum Thema Terrorismus. Seine Haftzeit verbrachte Es Satty in Gesellschaft einer weiteren schillernden Figur des islamistischen Terrorismus: Rachid Aglif, der Attentäter von Madrid, gehörte zu den Personen, die am 11. März 2004 mehrere Lokalzüge in der Umgebung von Madrid in die Luft sprengten. Dabei starben 192 Menschen, fast 2.000 wurden verletzt. Al-Kaida hatte sich zu dem Attentat bekannt.

Natürlich konnte die Gefängnisleitung diese Zellengemeinschaft nicht ohne die Zustimmung einer übergeordneten Instanz erlauben. Wer anderes als der Innenminister und der Geheimdienst selbst könnte dafür die Anweisungen gegeben haben? Schaut man jedoch auf diese Vorgeschichte der spanischen Islamisten, wird klar, dass die Behörden den Namen von Es Satty bereits aus den Telefonlisten von Mittätern des Attentats von Madrid 2004 kannten. Auch diesen Umstand haben anonyme Geheimdienstquellen nun gegenüber El Pais noch einmal bestätigt. Er sei damals zeitweise beschattet worden, doch ohne Ergebnis.

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Der Häftling Es Satty musste von seinen ursprünglich vier Jahren Haft übrigens nur 28 Monate absitzen. Anschließend durfte er wegen "guter Führung" in Spanien bleiben. Die noch im Urteil verfügte sofortige Abschiebung nach Marokko wurde großzügig ausgesetzt. Wäre er damals des Landes verwiesen worden, hätte es die Attentate wahrscheinlich nicht gegeben.

Katalonien-Konflikt überschattet auch Terroruntersuchung

Tatsächlich war der angebliche Imam schon ab dem Jahr 2004 bei Polizei, Richtern und Geheimdiensten bekannt. Damals wurde er im Rahmen der "Operation Schakal" vorübergehend festgenommen und anschließend fünf Monate lang beobachtet. Er gehörte zu einem islamistischen Netzwerk, das Kämpfer im Namen von Al-Kaida nach Afghanistan und in den Irak schickte. Doch schon damals geschah nichts.

Inzwischen gestaltet sich die Aufklärung der Terroranschläge von Barcelona als eine Konfrontation zwischen der Zentralregierung in Madrid und der katalanische Unabhängigkeitsbewegung. Nationalpolizei und Geheimdienst lancierten über die Medien Meldungen, die das Vertrauen vor allem in die katalanische Regierung und die Polizei Kataloniens unterminieren sollen. Offensichtlich gibt es zwei parallele, voneinander unabhängige Untersuchungen.

Die eine führen Agenten der Nationalen Sicherheit im Auftrag des Obersten Gerichts unter dem Richter Fernando Andreu durch, die andere die katalanische Regionalpolizei Mossos d'Esquadra. Praktisch zeitgleich mit dem Medienschocker am 17. November über die Geheimdienstkontakte in die Terrorszene erreicht eine ähnliche Meldung die Agenturen.

Die Regierenden in Spanien stehen nicht unbedingt zusammen: von rechts nach links Innenminister Juan Ignacio Zoido, Barcelona's Bürgermeisterin Ada Colau, der katalanische Generalbeauftragte Carles Puigdemont, König Felipe und Premierminister Mariano Rajoy, 18. August 2017.

Die Nationalpolizei aus Madrid will in dem Handy des Todesfahrers von Barcelona die Telefonnummer eines Büros der Mossos gefunden haben. Ein entsprechendes Telefongespräch habe vier Minuten gedauert und soll zwei Stunden vor dem Attentat stattgefunden haben. Diese Nachrichten kommt nun über drei Monate verspätet, und wurde offensichtlich zeitgleich mit der Nachricht über die Geheimdienstkontakte von Es Satty lanciert. Ohne Zweifel soll die zweite Enthüllung die Wirkung der ersten relativieren.

Einiges spricht dafür, dass die aktuellen Leaks auf einen Informationskrieg zwischen Madrid und Barcelona zurückgehen. Auch zu dem Telefonkontakt fehlen wichtige zusätzliche Informationen. Wo wurde das Telefon wirklich gefunden? Bei dem erschossenen Todesfahrer? Wer hat es zuerst untersucht? Die katalanische oder die Nationalpolizei? Eine Überprüfung muss in kurzer Zeit abgeschlossen gewesen sein. Warum dann aber erst jetzt die Veröffentlichung?

Am 20. November brachte die Zeitung El Pais zudem die Meldung, die katalanische Polizei habe im zerstörten Haus in Alcanares Hinweise auf die Brüder Younes gefunden. Man habe die Familie telefonisch erreichen können. Die Telefonate seien aus den Büros der Mossos geführt worden. Im Zusammenhang mit diesen Telefonaten sei auch Younes angerufen worden. Die Mossos hätten zunächst gedacht, in Alcanares sei eine illegale Drogenküche in die Luft geflogen.

Parallelen zu Anschlägen von 2004

Die Madrider Sicherheitsorgane haben die katalanische Polizei zudem systematisch vom Zugang zu den Daten von Europol abgeschnitten. Diese Vorgänge sind so gravierend, dass sie kaum mit politischen Rivalitäten zu erklären sind. In der Datenbank von Europol ist Abdelbakr Es Satty als salafistischer Aktivist mit Kontakten zu terroristischen Kreisen von Al-Kaida in Spanien registriert, während in den Beständen der Justiz und der Mossos keine Daten über ihn zu finden waren. Diese wurden vor Jahren gelöscht.

Die spanische Presse fragt nun, ob die Attentate hätten verhindert werden können, wenn die katalanische Polizei freien Zugang zu Europol gehabt hätte. Parallelen zu den Vorgängen um das Massaker in Madrid 2004 sind nicht zu übersehen. Auch damals waren mehrere Informanten der Nationalpolizei und der Guardia Civil aus islamistischen Kreisen eng in das Attentat verwickelt. Sie konnten unbehelligt große Mengen an Sprengstoff dafür beschaffen.

Die spanische Zeitung El Mundo veröffentlichte bereits im Jahr 2005 interne Polizeidokumente, die belegen, dass der Geheimdienst CNI und die Nationalpolizei schon damals die Attentäter kannten. Seinerzeit entpuppte sich selbst ein Spitzenpolitiker der PSOE, der Sozialistischen Partei, als Verbindungsmann zwischen Geheimdienst und diversen Terroristen. Fernando Huarte, seit 1992 Mitglied des CNI, besuchte seine Freunde auch noch im Knast, nachdem diese bereits verurteilt worden waren.

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