Wie der radikale Islam und eine ominöse Rolle der USA die Sicherheit am Balkan bedrohen

Wie der radikale Islam und eine ominöse Rolle der USA die Sicherheit am Balkan bedrohen
IS-Zeichen am Eingang zur bosnischen Stadt Gornja Maoca, Februar 2015
Bosnien und Herzegowina hat Mirsad Kandić nach mehrmonatigem Aufenthalt im Auslieferungsgefängnis von Sarajevo diese Woche in die Vereinigten Staaten ausgeliefert. Auffallend viele Dschihadisten auf dem Balkan verfügen über die US-amerikanische Green Card.

von Marinko Učur

Erst nachdem der mutmaßliche Topterrorist mit einem Sonderflug und unter strengster Geheimhaltung in die Staaten transportiert worden war, ist der breiteren Öffentlichkeit bewusst geworden, um wen es sich bei diesem handelt. Es scheint, als ob selbst die bosnischen Behörden selbst erst danach und nach der Veröffentlichung der Anklage des US-Justizministeriums gegen Kandić das Ausmaß dessen langjähriger terroristischer Aktivitäten wahrgenommen haben.

Vor diesem Hintergrund veröffentlichten die US-Behörden auch zahlreiche Details über dessen Lebenslauf. Kandić wurde 1981 in der serbischen Provinz Kosovo geboren und hat in seinem Alter von 36 Jahren bereits ein beachtliches Dossier als Terrorist angesammelt, welches ihn als wahren Vorkämpfer im Dschihad für den Islamischen Staat klassifiziert.

Nach Bosnien mit ukrainischem Pass eingereist

Muslime beim Betreten der mit saudischen Geldern finanzierten König Fahd-Moschee in Sarajevo

Obwohl Kandić Berichten zufolge ein "kosovarischer Dschihadist" ist, ist nun klar, dass er des Öfteren nicht nur seine Identität geändert hat, sondern auch über eine Vielzahl an Pässen verfügte. Er habe alleine während seiner Tätigkeiten für den IS knapp 11 Identitäten genutzt. Nach Bosnien und Herzegowina ist er über den Flughafen in Sarajevo mit einem gefälschten ukrainischen Reisedokument auf den Namen Ivan Popović eingereist.

Als er davor in den Reihen des IS in Syrien gedient hatte, benutzte er falsche Identitäten, um in vielen weiteren Ländern neue IS-Anhänger werben zu können. Durch soziale Netzwerke kontaktierte er viele Menschen in den USA, Großbritannien, Australien und Europa und kümmerte sich um deren Transfer nach Rakka. Die Kommunikation mit Anhängern des Islamischen Staates war für ihn kein Problem, weil er mehrere Sprachen sprach, darunter Serbisch, Russisch, Albanisch und Englisch.

In diesem Sinne war Kandić der wichtigste Faktor in der Personalakquise des Islamischen Staates, der durch logistische Operationen den Transport von abertausenden Terroristen gewährleistete und das reibungslose Überqueren der türkisch-syrischen Grenze sicherstellte. Er hat sich derart in seine Rolle als Cheforganisator dieses Grenzübertritts versetzt, dass es ihm gelang, auch von anderen als solcher empfunden und angesprochen zu werden.

Haus in der bosnischen Stadt Gornja Maoca, Februar 2015

In diesem Sinne hat er den Freiwilligen auch geraten, sich über die Türkei und nicht über Saudi-Arabien und den Irak auf das IS-Territorium zu begeben. Dies geht aus den Dokumenten der Polizeibehörden hervor, die Kandić Ende Juni dieses Jahres im Stadtteil Grbavica in Sarajevo geortet und seine Kommunikation bis zum 4. Juli, als er dingfest gemacht wurde, verfolgt hatten. Bis vor ein paar Tagen befand Kandić sich im Auslieferungsgefängnis von Sarajevo. Anschließend verfrachteten ihn die Behörden per Sonderflugzeug in die Vereinigten Staaten, wo die zuständige Staatsanwaltschaft infolgedessen unverzüglich eine Anklage gegen ihn erhob. Ansonsten ist bekannt, dass die US-Justizbehörden seit 2014 nach ihm fahnden, aber Interpol erst 2016 eine rote Notiz über ihn veröffentlicht hat. 

Muslimische Männer beten vor Särgen anlässlich eines Massenbegräbnisses in Potocari nahe Srebrenica; Bosnien und Herzegowina, 11. Juli 2016.

In Bosnien knapp 100.000 Anhänger des radikalen Islam

Die Öffentlichkeit in Sarajevo stellt sich nun die Frage, wie es überhaupt möglich ist, dass sich einer der meistgesuchten Dschihadisten unbemerkt von Sicherheits- und Nachrichtendiensten fast ein halbes Jahr in der Stadt aufhalten konnte. Fassungslos sucht man zudem eine Antwort auf die Frage, wie sich dieser Terrorist überhaupt unbehelligt in der Türkei, in Deutschland, im Vereinigten Königreich und in anderen Ländern frei und unbemerkt von den Sicherheitskräften bewegen konnte. Dabei drängt sich der Eindruck auf, dass, im Unterschied zu Vertretern bosnischer Serben und Kroaten, die bosniakischen Politiker und deren religiöse Führer versuchen, die Gefahren, die von verbissenen IS-Anhängern - den so genannten Schläfern - ausgehen, zu relativieren.

Sie behaupten nämlich, diesbezüglich tiefer zu graben, sei ein Ausdruck von Islamophobie, und dass die bosnischen Muslime den gemäßigten Islam predigten. Auffallend ist jedoch das Gefühl der Erleichterung darüber, dass sich Terroristen eines solchen Formats nicht mehr unten den ohnehin verunsicherten Bürgern von Sarajevo befinden. Diese sind auch so schon in hohem Maße mit den potenziellen Bedrohungen durch radikale Gruppen und IS-Anhänger konfrontiert, was in einer Exklusiverklärung für RT Deutsch auch der Experte für Sicherheit und Terrorismus, Dževad Galijašević, andeutet:

Das eigentliche Problem in Bosnien ist das immer noch starke und gut organisierte Terrornetzwerk Al-Kaida. Es wurde mit Wissen und Zustimmung der politischen Führung und mithilfe der größten bosniakischen Partei, der SDA (Partei der Demokratischen Aktion), aber auch mit Unterstützung von Regierungen der führenden westlichen Länder geschaffen. Es war genau dieses Netzwerk, das Terroristen wie Kandić für die Reihen der IS-Kämpfer geworben hat und immer noch eine reale Bedrohung für die regionale und überregionale europäische Sicherheit darstellt. Man sollte die Rolle der berühmtesten Terroristen bei der Schaffung dieses Netzwerks, wie Bin Laden, Al Zawahiri, Abu Musab, Eisar Abu, Zakari, Fatih Kamel, Enver Shaban u. a. [...] nicht vergessen. Die ideologische Ausrichtung dieser Dschihadisten ist nach der Lehre der radikal-islamischen Interpreten Al-Qaradawi und Al-Suheibani entstanden und aus ihnen hat sich ihre ideologische islamische Plattform ergeben. Mirsad Kandić ist in Wirklichkeit aus diesem Netzwerk emporgekommen", bemerkt Galijašević in seiner Erklärung für RT Deutsch.

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz fordert eine Beschleunigung des Annäherungsprozesses des Westbalkans an die Europäische Union.

Ergänzend fügt der wohl bekannteste Experte für Fragen des radikalen Islam und des Terrorismus auf dem Balkan hinzu:

Der Terrorist Kandić befand sich schon zu Beginn des Krieges in der Stadt Rakka in Syrien und schloss sich den IS-Anhängern an. Die bosniakischen Krieger kämpfen hauptsächlich im Stadtgebiet von Idlib, und sie alle stellen eine Bedrohung für den europäischen Frieden dar und nicht nur für die innere Sicherheit von Bosnien und Herzegowina. Was ich jetzt im Fall von Mirsad Kandić im Sinne seiner Verhaftung, schnellen Deportation per Sonderflug nach Amerika und dem Eilverfahren der amerikanischen Justiz sehe, war in einigen der früheren Fälle nicht so zu sehen. So eine Eile war zum Beispiel nicht zu sehen, als es um die jüngste Forderung Russlands nach Auslieferung des dagestanischen Terroristen Isak Magomed ging, der als russischer Staatsbürger aufgrund eines Haftbefehls aus Moskau im April diesen Jahres auf dem Flughafen Sarajevo festgenommen wurde. Er befindet sich immer noch in Auslieferungshaft, da angeblich die Bedingungen für seine Abschiebung nach Russland noch nicht erfüllt worden seien.

Unglücklicherweise stehe das bosnische terroristische Potenzial unter starkem Einfluss westlicher Regierungen und sei ein geopolitisches Instrument auf dem Balkan, meint Dževad Galijašević gegenüber RT Deutsch. Aus diesem Grund setzten sich die Sicherheitsbehörden mit dem radikal-islamischen Terrorismus nicht auseinander. Und natürlich leiden die Bosniaken als Volk darunter, auch wenn sie als Gruppe von niemandem beschuldigt werden angesichts der gemäßigten Form des Islams, welche sie traditionell und überwiegend auch heute noch praktizieren. Europa und der Welt ist bekannt, dass der gemäßigte Islam hier von Generation zu Generation weitervererbt wird. Dennoch irren etwa fünf Prozent der Bosniaken ohne solche geistigen Leitplanken umher und sind in den Bann des radikalen Islam geraten, was etwa 100.000 Menschen betrifft, so Dževad Galijašević weiter.

Für eine ethnische Gruppe, wie es die Bosniaken sind, ist das keine große Zahl, aber für die Sicherheit einer Region ist es eine große Bedrohung, die nicht ignoriert werden darf.

Green Cards der Vereinigten Staaten als Eintrittskarte

Die IS-Terroristen galten lange Zeit als Kämpfer, die bis zum bitteren Ende kämpfen und nicht aufgeben. Doch mittlerweile akzeptieren viele auch den geordneten Rückzug.

Der Dschihadist Mirsad Kandić war Besitzer der US-amerikanischen "Green Card", eines Privilegs, in dessen Genuss auch der aus Usbekistan stammende Sayfullo Habibullaevic Saipov kam, der vor wenigen Wochen in New York acht Menschen getötet hat, nicht weit vom Ort der Anschläge des 11. September 2001 entfernt. Offenbar veranlasste dies US-Präsident Donald Trump, die Abschaffung dieser langjährigen Praxis der legalen Einwanderung in die Vereinigten Staaten anzukündigen.

Zweifellos sind radikal-islamische Gruppen in den Balkanländern, aus deren Reihen die größte Anzahl von Dschihadisten rekrutiert wurde, derzeit in der Defensive, vor allem nach den jüngsten Siegen der von russischen Kräften unterstützten syrischen Armee gegen den IS und nach der Befreiung von Rakka. Es kann jedoch nicht behauptet werden, dass die Gefahr definitiv vorbei sei, von daher erwartet die Öffentlichkeit eine stärkere Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste in der Balkanregion sowie in ganz Europa.

Doch genau dieses Europa wird mehr oder weniger als Mitschuldiger betrachtet - nicht zuletzt angesichts des seinerzeit bewussten Verschließens seiner Augen vor den Verbrechen des radikalen Islam während des Bürgerkriegs in der ehemaligen jugoslawischen Republik Bosnien und Herzegowina.