Umstritten, aber russisch: New York Times färbt Krim in gleicher Farbe wie Russland ein

Umstritten, aber russisch: New York Times färbt Krim in gleicher Farbe wie Russland ein
Ein Bericht in der New York Times über den Bau der Krimbrücke lässt die Halbinsel in der gleichen Farbe wie Restrussland erscheinen. Selbstredend sorgte dies in Russland für Aufsehen. Für die NYT aber nur "folgerichtige Politik" zu umstrittenen Territorien.

Was in Kiew regelmäßig Empörungsstürme über vermeintlichen Verrat hervorruft, kann in Moskau Begeisterung auslösen: Der Weg zur Anerkennung der Halbinsel Krim als Teil des russischen Staatsgebiets ist mit Emotionen gesät. Jüngst wurde ein Longread in der New York Times, in dem es um den Bau der Krimbrücke geht, die die Halbinsel mit dem kontinentalen Teil Russlands verbindet, zum politischen Zankapfel.

Die Zeitung gehört im Westen zu den wichtigsten Trendsettern. Entsprechend ist es umso auffälliger, wenn der Chef des Hauptstadtbüros beginnt, etwas zu tun, was bislang nicht in den Rahmen des politisch Sagbaren gepasst hat. Mittlerweile besucht Neil MacFarquhar immer öfter die vom Westen mit Sanktionen überzogene Krim oder lässt von dort fundierte und vergleichsweise neutrale Berichte liefern.

Viele Fotos - wenig Wertungen

Nach einem Artikel im Oktober über die Winzer auf der Krim schrieb er im November über die "Baustelle des Jahrhunderts" – die Krim-Brücke. Ob dies nur der Alleingang eines einzelnen Reporters ist oder der Anfang eines neuen, veränderten Trends, ist noch schwer abzusehen. Aber der Artikel blieb in Russland nicht unbemerkt. Und das nicht nur wegen der vielen Fotos und der erstaunlich wertungsfreien Darstellung russischer Krim-Politik. Vor allem aber die in der gleichen Farbe wie Russland dargestellte Krim sorgte für Aufsehen. Nur eine mit Strichlinie gezeichnete Grenze zur Ukraine deutete noch darauf hin, dass die Krim in den Augen des Verfassers einen Sonderstatus hat.

Die Krim-Karte im Artikel der New York Times "Putins Brücke zur Krim ist eher ein Symbol als eine Transportader" vom 11. November 2017.

Das ukrainische Außenministerium brachte unterdessen seine "Besorgnis" zum Ausdruck und teilte mit, dass es eine Korrektur im Artikel bewirken möchte. Das Medium ließ aber auf Anfrage russischer Medien erklären, dass sowohl die Karte als auch der Artikel "eine genaue Darstellung der Situation auf der Krim" gaben. 

Was die Karte angeht, ist die Krim dort als umstrittenes Territorium gekennzeichnet. Die Herangehensweise zeigt vom inhaltlichen Gesichtspunkt aus keineswegs eine Akzeptanz russischer Positionen. Und gäbe es um den Status und die Zukunft der Region nicht diesen Streit, hätten wir diesen Artikel nicht an so prominenter Stelle platziert", fügte der Vertreter des Mediums Daniel Roades hinzu. 

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Auch in UN bröckelt der ukrainische Opfernarrativ

Die NYT halte sich bei der Darstellung der umstrittenen Territorien an eine "folgerichtige Politik", da solche Fragen "sensibel" seien. Ob vorsätzlich oder nicht: Der langsame Trend hin zu einer neuen Perspektive lässt sich auch an der Statistik zur letzten UN-Abstimmung ablesen. Zwar hat der dritte UN-Ausschuss am 14. November ein weiteres Mal vor für einen ukrainischen Resolutionsentwurf gestimmt,der die Halbinsel betraf. Doch sind es jedes Mal immer weniger Länder, die der ukrainischen Propaganda über "massive Menschenrechtsverletzungen" auf der Krim aufs Wort glauben. Für das Projekt stimmten diesmal 71 Staaten - bislang die niedrigste Zahl -, 25 waren dagegen und 77 enthielten sich. Unter den Nein-Stimmen war zum Verdruss der ukrainischen Delegation auch der Nachbarstaat Belarus. China und Indien bezogen eine neutrale Position.

Abgesehen davon: Mit jeder solchen Resolution wird die Situation um die Halbinsel immer absurder. In den Beschlüssen zur Menschenrechtslage auf der Krim heißt es immer wieder, Russland solle den Zugang für Beobachtermissionen verschaffen. Sowohl die zentrale Regierung in Moskau als auch die Verwaltung auf der Krim werden ihrerseits aber nicht müde, die UN-Beobachter auf die Halbinsel einzuladen. Allerdings ließ sich die UN-Mission bislang auf dem Territorium ihrer ach so großen Sorge nicht blicken: Die internationalen Gremien glauben der Regierung in Kiew immer noch aufs Wort. Es scheint aber, als ob gerade die Neugier der Journalisten die ersten Breschen in die Dämme der Unwissenheit und der Ignoranz schlagen könnte.