Fehltritt oder Komplott? Universität Oxford beurlaubt Islamgelehrten Tariq Ramadan

Fehltritt oder Komplott? Universität Oxford beurlaubt Islamgelehrten Tariq Ramadan
Umstritten und gleichzeitig immer wieder gern gesehener Gast bei Talkshows: Tariq Ramadan.
Die Universität Oxford hat den bekannten Islamwissenschaftler Tariq Ramadan beurlaubt. Anlass dafür sind Anschuldigungen mehrerer Frauen, Ramadan habe sich sexuell an ihnen vergangen. Der Gelehrte weist die Vorwürfe zurück.

Der international bekannte Islamgelehrte Tariq Ramadan darf bis auf Weiteres seinem Lehrauftrag an der Universität Oxford nicht nachkommen. Dies geht auf eine Entscheidung der Leitung der britischen Elitehochschule zurück, die Ramadan am Dienstag beurlaubt hat.

Hintergrund der Entscheidung sind Vorwürfe der Vergewaltigung und sexuellen Belästigung, die im Laufe der vorangegangenen Wochen mehrere Frauen gegen den Islamwissenschaftler erhoben hatten. Diese Anschuldigungen, so begründete die Hochschulleitung ihre Entscheidung, hätten an der Einrichtung "verstärkte und verständliche Unruhe" ausgelöst.

Die erste Frau, die bei der Staatsanwaltschaft Rouen im Oktober 2017 eine Anzeige gegen Ramadan eingebracht hat, war die Autorin Henda Ayari. Die über den Salafismus zum Feminismus gelangte Schriftstellerin hat in ihrem 2016 erschienenen Buch "J'ai choisi d'être libre" geschildert, eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens habe sie in einen Pariser Hotel bedrängt und anschließend vergewaltigt.

Argwohn gegenüber Ayari: Anschuldigungen als "PR in eigener Sache"?

Vor drei Wochen erklärte Ayari auf Facebook im Zusammenhang mit der seit der Affäre Weinstein in mehreren Ländern geführten öffentlichen Debatte über sexuelle Übergriffe Prominenter:

Diese Entscheidung ist sehr schwierig, aber auch ich bin zu dem Entschluss gelangt, dass die Zeit auch für mich gekommen ist, meinen Aggressor zu benennen, und es ist Tariq Ramadan.

Bei den aktuellen Vorwürfen, die Ramadan bestreitet, macht er eine Verleumdungs- und Schmutzkampagne gegen ihn als wahren Hintergrund der Anklagen geltend. Skeptiker äußerten die Vermutung, die auf Grund ihrer kontroversen Ansichten in der muslimischen Community umstrittene Ayari würde als Trittbrettfahrerin der #metoo-Debatte versuchen, mithilfe eines schweren Vorwurfs gegen eine im Rampenlicht stehende Persönlichkeit ihre Popularität zu steigern, um noch mehr von ihren Büchern zu verkaufen.

Mehr erfahren -  Todesdrohungen gegen Satiremagazin "Charlie Hebdo" - Untersuchung eingeleitet

Allerdings blieb Henda Ayaris Anschuldigung gegen Tariq Ramadan nicht die einzige. Schon wenige Tage später warfen zwei weitere - selbst nicht im Licht der Öffentlichkeit stehende - Frauen dem Gelehrten schwere sexuelle Übergriffe vor. Le Monde berichtet über eine behinderte französische Konvertitin, die heute 45 Jahre alt sei und die von Ramadan 2009 in ein Hotelzimmer gelockt worden sein will, wo dieser sich anschließend an ihr vergangen hätte. Einer weiteren Frau, die rechtlichen Rat bei ihm gesucht hätte, hätte der Islamwissenschaftler Le Parisien zufolge "pornografische" Nachrichten geschickt und sie mit kompromittierendem Material erpresst, das er angeblich in seinem Besitz gehabt hätte.

Die Universität Oxford betonte in ihrer Erklärung vom Dienstag, dass mit der Beurlaubung keine Vorverurteilung des Professors verbunden sei, so die Zeitung "Der Standard". Vielmehr solle ihm die Gelegenheit gegeben werden, "sich um die äußerst ernsthaften Anschuldigungen zu kümmern, die gegen ihn erhoben worden sind". Die in Wien erscheinende Zeitung schreibt zudem noch von mehreren schweizerischen Frauen, die in dortigen Medien angegeben hätten, in den 1980er und 1990er Jahren von Ramadan sexuell bedrängt worden zu sein. Einige davon wären damals minderjährig gewesen.

Quelle: M. Negm cyclops/CC BY-NC 2.0

Ramadan als anerkannte Autorität in Fragen der Integration

Tariq Ramadan selbst bestreitet die Vorwürfe kategorisch und will sich auf juristischem Wege dagegen zur Wehr setzen. Nicht nur die schiefe Optik angesichts der Tatsache, dass der vierfache Vater Ramadan die sexuelle Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe postuliert, kommt ihm äußerst ungelegen. Ramadan gilt zudem als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten unter muslimischen Intellektuellen und Aufsteigern der zweiten und dritten Einwanderergeneration in Europa.

Zahlreiche Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen fragen Ramadan als Gesprächspartner an, insbesondere wenn es um Themen wie Terrorismus, Integration oder die Auswirkungen islamischer Einwanderung in westlichen Staaten geht.

Auch interessant -  Der Fall Seyran Ates: Wie saudisches Geld den liberalen Islam in Deutschland unterwandert

Befürworter der Ideen des Islamwissenschaftlers halten ihn für eine geeignete Persönlichkeit, um ein Islamverständnis zu kultivieren, das einen Mittelweg zwischen Assimilation und Verwestlichung muslimischer Einwanderer auf der einen Seite und Abschottung oder aktiver Konfrontation gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, wie salafistische oder dschihadistische Extremisten sie vorantreiben.

Der familiäre Hintergrund des 1962 in Genf geborenen Tariq Ramadan umfasst beide Komponenten. Einerseits ist er ein Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der radikal islamistischen Muslimbruderschaft in Ägypten, die vom Verfassungsschutz als eine der einflussreichsten sunnitischen Organisationen im Nahen Osten beschrieben wird. Auch sein Vater Said Ramadan und sein Bruder Hani stehen der unter anderem der Vereinigung und deren Lehren nahe. In Folge des Militärputsches 2013, der mutmaßlich von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wurde, gegen den demokratisch gewählten Muslimbruder-Präsidenten Muhammed Mursi 2013 wurde die Organisation vom ehemaligen General und amtierenden Präsidenten al-Sisi auf die Terrorliste gesetzt. Auf der anderen Seite war der Großonkel Gamal al-Banna von Tariq Ramadan einer der bekanntesten Vertreter einer progressistischen Lesart des Islam, die dessen Lehren der westlichen Vorstellung von Vernunft untergeordnet sehen will.     

Tariq Ramadan gab nicht nur Islamkurse an Universitäten und anderen öffentlichen Einrichtungen, er wurde auch in mehrere Kommissionen des Europaparlamentes als Experte berufen. Der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission Romano Prodi integrierte ihn in die "Gruppe der Weisen für den Dialog der Völker und Kulturen".

Reformer oder verkappter Islamist?

Das moderate Image des selbst ernannten "Reformsalafisten" rührt unter anderem daher, dass Ramadan sich in seinen Lehren immerhin von den strikten Vorstellungen von Islamistengruppen distanzierte, die nichtmuslimische Gebiete wie Europa unwandelbar als "Gebiete des Kampfes" ("Dar ul-harb") betrachten, mit denen im Prinzip kein Frieden geschlossen werden könne. Ramadan hält hingegen den Islam und die Scharia für adaptionsfähig und vertritt die Auffassung, Länder, die Muslimen Religionsfreiheit gewähren, wären eine eigenständige Kategorie, die Dar asch-Schahada ("Gebiet des Bekenntnisses"), die den ursprünglichen Dualismus zwischen islamischen Gebieten und Kampfgebieten durchbreche.

Lesen Sie auch -  Ex-Anti-Terrorchef packt aus: Radikale Islamisten bilden Tiefen Staat in der Türkei (Teil I)

Außerdem sollte, so Ramadan, ein Muslim, der dauerhaft in einem europäischen Land lebe, treu zum so genannten Gesellschaftsvertrag des jeweiligen Landes sein, sich als loyaler Bürger begreifen und sich an die dortigen Gesetze halten. Allerdings gilt Tariq Ramadan auch als ein Anhänger des da'wa-Konzepts, wonach Muslime in Europa lebende Nichtmuslime auch über den Islam informieren dürfen und im Falle einer Überzeugung freiwillig konvertieren können.

Seit 2014 haben 24 radikal-islamische Terroristen in der EU 13 Anschläge verübt. Alle 24 Täter waren ausnahmslos polizeibekannt und galten als gewaltaffin.

Auch Tariq Ramadan scheinen ungeachtet seines gerne gepflegten Reformer-Images angeblich Affinitäten zu extremen Vorstellungen nicht fremd zu sein. In den USA konnte er 2004 eine Professur für Religion, Konflikt- und Friedensforschung an der katholischen Universität von Notre Dame in Indiana (USA) nicht antreten. Das US-Heimatschutzministerium hatte ihm ein Einreiseverbot erteilt, weil er Geld an palästinensische Organisationen im Umfeld der Hamas gespendet hatte, die zwar von Deutschland, der EU und Israel als terroristische Organisation gelistet wird, aber nicht von Russland, der Schweiz oder Türkei. Erst Hillary Clinton hob 2010 als Außenministerin dieses Einreiseverbot wieder auf.

"Persönlich wäre die Enttäuschung - wenn sich das alles als wahr erweisen sollte - so groß, dass ich mir wirklich schwer tun würde, es zu glauben", sagte Pascal Gemperli, Präsident von UVAM, dem Zusammenschluss der muslimischen Verbände im Schweizer Kanton Waadt, gegenüber dem Schweizer Radio RTS.

"Ich weiß, dass er in manchen Kreisen heftig kritisiert wird, aber ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich es nicht glauben kann",kommentierte der Islam-Vertreter Gemperli gegenüber der Schweizer Presse weiter. "Alles, was ich in den letzten Jahren über ihn gelesen habe, setzte sich für die Integration, für einen positiven Beitrag zur Gesellschaft, für das Gute, für Liebe ein. Und ich glaube, aus religiöser Sicht ist er eine große Ressource für viele Menschen in Europa."