Lesbos: Horror-Zustände im Flüchtlingslager Moria - Fünfjähriges Mädchen stirbt in ungeheiztem Zelt

Lesbos: Horror-Zustände im Flüchtlingslager Moria - Fünfjähriges Mädchen stirbt in ungeheiztem Zelt
Grab des fünfjährigen Mädchens, welches auf Lesbos verstarb
Das Flüchtlingslager Moria war die Endstation für das erst fünf Jahre alte syrische Mädchen. Den Krieg und den gefährlichen Fluchtweg auf der Schlepperroute hatte das Kind überlebt. Aber die Bedingungen im Lager auf der Insel Lesbos führten zu seinem Tod.

Dem Mädchen, ihren Eltern und den fünf Geschwistern blieb in dem Lager nur ein ungeheiztes Zelt. Erst eine Woche vor dem Todesfall waren sie dort eingetroffen. Ihre Eltern fanden das Kind leblos im Zelt vor. Wärmere Decken hat die Lagerleitung ihnen verwehrt und nur Paracetamol überreicht, um ihre Tochter zu behandeln. Delilah, eine freiwillige Helferin, die die Familie besuchte, berichtete RT-UK: 

Ich kroch hinein, die Decken auf dem Boden waren nass, alles war kalt, dreckig und feucht. Ihre Tochter war gerade verstorben und sie wurden zurückgelassen. Sie hatten nichts. Kein Besuch eines Psychiaters. Die Mutter war stumm. Sie stand unter Schock und die Kinder sagten: Meine Schwester ist gestorben, sie ist einfach hier gestorben. Es gab eine Hilfsperson in Tränen. Er sagte mir, dass sie den Leichnam des Mädchens wie einen Hund hinausgezogen hätten und ihn mitnahmen. Ohne Würde. 

Das Zelt, in welchem das syrische Mädchen verstarb

"Wie einen Hund hinausgezogen"

Es folgte ein Begräbnis ohne Beisein der Mutter und nicht nach islamischen Ritual. Daliah mahnte an, dass das tote Kind zu nichts als einer Nummer wurde. Das Mädchen ist ein weiteres Opfer der Flüchtlingskrise. Die Ironie ist, dass sich die Minister der Europäischen Union für die Rettung von Flüchtlingen aus weltweiten Kriegsgebieten und für die Finanzierung von Lagern wie dem auf Lesbos selbst feiern. 

Migranten erzählen, dass sie geschlagen und so schlecht behandelt würden, dass sie sich wünschten, wieder in die Kriegsgebiete zurückzukehren. Der Syrer Mohammad Khalid gegenüber RT-UK:

In einem Monate bin ich am Ende. Ich werde mein Leben beenden.  

Familien verbringen die Tage lieber außerhalb des Lagers im Freien

Überbelegt und abgeschottet von der Außenwelt

Der 20 Jahre alte Mann hat Narben auf den Armen, wo er sich immer wieder ritzte. Seine Beine sind versehrt durch Granatsplitter aus dem Krieg im syrischen Rakka. Seit einem Jahr weilt er auf Lesbos und hofft auf die Zusammenführung mit seiner Familie: 

Es gibt Wasser, aber man muss sich um 8 Uhr morgens anstellen, um es zu bekommen. Wenn man nicht ansteht, bekommen man es nicht. Das Essen ist sehr schlecht, es gibt keine Seife und kein Shampoo. Ich erhalte keine Asylentscheidung, weil ich nicht minderjährig bin, aber ich bin auch kein Erwachsener. 

Der Arm von Mohammad Khalid ist von Narben gezeichnet

Die Außenwelt wird durch Stacheldrahtzäune ferngehalten. Die Zeltstadt sollte ursprünglich 3.000 Personen Unterschlupf gewähren, derzeit sind es circa 4.000 Menschen, die hier ausharren müssen. Physische und psychische Wunden werden hier nicht behandelt, freiwillige Ärzte stoßen an ihre Grenzen und Kinder müssen neben Erwachsenen schlafen, die nachts wegen posttraumatischem Belastungsstörungen schreien. 

Gastländer haben bereits so viele Flüchtlinge aufgenommen, dass der Wille zur Aufnahme weiterer Neuankömmlinge gering ist. Polen, Ungarn und Österreich wollen gar keine Flüchtlinge mehr aufnehmen.

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"Kein Ort, um Kinder aufzuziehen"

Barkat Scharaf Josef, 30 Jahre alt, reiste von Sindschar nach Europa, nachdem der "Islamische Staat" kurdische Jesiden in der Bergregion umgebracht hatte. Mit seiner Frau Oatha und ihren vier Kindern flohen sie über die Türkei nach Griechenland. Jetzt lebt die Familie auf dem Boden, gemeinsam mit fünf anderen Familien. Ein Übersetzer zur Situation der Familie: 

Es ist gefährlich und die Mädchen haben Angst. Dies ist kein Ort, um Kinder aufzuziehen.  

Mahmud, 22, wuchs im Irak auf und hat in diesem Jahr in Griechenland viel Gewalt erfahren: 

Es war ein friedlicher Sitzstreik für Flüchtlinge, um die Asylverfahren zu beschleunigen. Die Polizei belästigte die Flüchtlinge, nutzte Tränengas, verhaftete sie und steckte sie ins Gefängnis in Athen. Es ist die Hölle.

Bis zum Jahr 2020 hat die EU 1,3 Milliarden Euro an Hilfen für Griechenland aus dem Hilfsfonds für Asyl, Migration und Integration (AMIF) und dem Internationalen Sicherheitsfonds (ISF) zugesagt.

Weitere 700 Millionen Euro wurden durch das Emergency Support Instrument bereitgestellt. Großbritannien gab 17 Milliarden US-Dollar zwischen 2015 und 2016. Wieviel davon das Lager Moria erreichte, war der britischen Abteilung für Internationale Entwicklung (DfID) auf Nachfrage von RT nicht bekannt.

Panagiotii Koustantonis von Ärzte ohne Grenzen (MSF) sagte RT-UK, dass viele Menschen sechs Monate warten müssten, um einen Arzt konsultieren zu können.

Nur ein Psychiater im Krankenhaus der Insel

Ärzte erzählen von dem Horror, der ihnen in Moria begegnet. Von einer Frau, die vergewaltigt wurde und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung erhielt, und einem Mann mit einer Kugel im Gesicht, der nicht operiert wurde. Liza Papadimitriou von MSF: 

Wir behandeln extrem verletzliche Menschen. Opfer von Folter und Gewalt, schier nicht kommunizierbare Krankheiten, unbegleitete Minderjährige. Es gibt nur einen Psychiater im Krankenhaus auf der Insel und dies ist die größte Herausforderung für die mental kranken Patienten. Es ist, einfach gesagt, ein totales Chaos. 

Papadimitriou sagte, es fehle Transparenz darüber, wie viele Migranten sich tatsächlich auf der Insel befinden - und wie viele in Moria sind - weil jede Woche neue hinzu kommen. Das EU-Hilfsdepartment Echo gab dem UNHCR seit April mehr als 14 Millionen Euro, um die Lager für den Winter zu rüsten. Vor dem Frühling könnte das fünf Jahre alte Mädchen nicht das letzte sein, das angesichts der Missstände ums Leben kommt.

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