Nach NATO-Ausbildung werden wir ins Kriegsgebiet geschickt: Überläufer aus der Ukraine erzählt

Nach NATO-Ausbildung werden wir ins Kriegsgebiet geschickt: Überläufer aus der Ukraine erzählt
Ukrainische Militärangehörige während der NATO-Übung Rapid Trident im Sommer 2017 in der Westukraine.
Ein ukrainischer Soldat hat die Grenze zu Russland durchquert und sich ergeben. Seine Erzählung klärt über die Zustände bei der ukrainischen Armee und die Verletzungen der Minsker Abkommen auf. Auch zur Rolle der NATO-Instrukteure gibt er Auskunft.

Zunächst war es eine russische Meldung am 9. Oktober über eine Grenzverletzung durch einen ukrainischen Militärangehörigen. Seit mehreren Wochen gibt es einen dritten Vorfall. Doch dieses Mal ist es nicht zur Schießerei wie am 2. Oktober, als ein russischer Grenzer starb, gekommen.

Im Gegenteil, die Flucht nach Russland war gewollt und seit langem geplant. Einen Tag später bestätigten die ukrainischen Behörden die Fahnenflucht durch eine Facebook-Meldung des Militärstabs. Der Armeeangehörige habe bereits am 6. Oktober sein Quartier verlassen und sei in eine „unbekannte Richtung“ verschwunden.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko tritt wahrend einer Ausstellung ukrainischer Militärtechnik am 23. August 2017 auf.

Mit schweren Waffen auf zivile Ziele

Am gleichen Tag sagte Wladislaw Teslenko vor der Kamera zu den Gründen seiner Flucht im russischen Fernsehen aus. Der 21-Jährige war als Fahrer eines multifunktionalen Militärlastwagens im Krisengebiet im Einsatz – als Vertragssoldat bei der 92. mechanisierten Brigade.

Er erzählte, wie er mit seinem Fahrzeug die vom Minsker Abkommen verbotenen schweren Waffen an die Trennlinie nachts herangekarrt hatte. Darunter waren selbstfahrende Artilleriefahrzeuge wie „Akazia“ und „Gwozdika“. Er nannte auch Zahlen. Einmal wären es vier Haubitzen MT-12 und zwei Ruten sowie andere Waffen mit Kalibern über 100 Millimeter gewesen, die laut Minsker Abkommen fern der Front bleiben müssen. Jede Nacht hätten die Soldaten das Kriegsgerät an die Demarkationslinie und auch zum Einsatz gebracht, damit die OSZE-Beobachter nicht angelockt werden, so Teslenko.

Ich habe die Schüsse gehört und das Blinken bei den Schüssen gesehen – die Haubitzen wurden gebraucht, das ist Tatsache", ergänzte er.

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Die Koordinaten bekommen sie von oben, und diese sind beliebig – auch zivile Objekte wie Wohnhäuser, Schulen oder Krankenhäuser können zur Zielscheibe werden.  

Zum Militärdienst gezwungen

Teslenko hatte seine Flucht von Anfang an geplant, nachdem er im Frühling dieses Jahres zum Militärdienst gezwungen wurde. Dies geschah, als er bei der Militärbehörde seines Heimatortes im Laugansker Oblast gewesen war, um seinen Wehrpass zu verlängern. Zu diesem Zweck ist er extra aus Russland eingereist, wo er bereits mehrere Jahre mit seiner Mutter gelebt und studiert hat.

Der junge Mann wurde im Kabinett vor die Wahl gestellt, entweder seinen Vertrag bei der Armee zu unterschreiben oder Angeklagter zu sein. Im Fall der Verweigerung würden die Behörden gegen ihn ein Strafverfahren einleiten.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und ukrainischer Präsident Petro Poroschenko in Kiew am 10. Juli 2017

NATO-Instrukteure als Ausbilder

Als frischer Soldat wurde er zur Grundausbildung in das Lwower Gebiet in der Westukraine geschickt, wo die Armeeanfänger NATO-Instrukteure unterrichten. Die US-Amerikaner hätten den Ukrainern beigebracht, wie man ein Maschinengewehr bedient, eine Granate wirft und Molotow-Cocktails bastelt. In nur 30 Tagen sollten Soldaten für den Kriegseinsatz in der Ostukraine fit sein.

Der Zustand der ukrainischen Armee sei nach Teslenko schlecht. Es herrschten Alkohol- und Drogenkonsum, die Produkte in der Kantine seien oft verdorben. Die Versorgung lasse sich aber durch Korruptionsmechanismen und Eigeninitiative verbessern. Woran es aber nicht mangelte, war NATO-Equipment.

Es war nicht Teslenkos erster Fluchtversuch am 6. Oktober. Um über die Grenze zu kommen, habe der Überläufer die Grenzer bestochen. Gegen Bezahlung hätten sie ihm einen Passierkorridor ermöglicht.

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Die Enthüllungen des ukrainischen Soldaten sind ein offenes Geheimnis. Bei dem Ukraine-Konflikt geht es um einen US-Stellvertreterkrieg, dessen Fortsetzung von den ukrainischen Streitkräften systematisch provoziert wird. Als Glaubwürdigkeitsnachweis zeigte der Fernsehkanal Rossia 24 Dokumente des Überläufers: den Studierendenausweis der Orlowski-Universität in Russland und den ukrainischen Wehrpass.

Nach der anfänglichen Bestätigung des Verschwindens „eines Militärangehörigen“ gab es vonseiten der ukrainischen Behörden bislang keine Stellungnahmen. Ukrainische Medien, darunter auch regierungskritische, schweigen zu dem Vorfall.

Fernsehbeitrag mit Wladislaw Teslenko: