Südbalkan: Sprungbrett des wahhabitischen Terrors in Europa

Südbalkan: Sprungbrett des wahhabitischen Terrors in Europa
Eine maskierte Anti-Terror-Einheit im Einsatz in Pristina.
Die islamistische Unterwanderung auf dem Balkan ist ein Thema, das seit Jahr und Tag nur ein stiefmütterliches Dasein in Politik und Medien fristet. Zu Unrecht, wie unser Autor darlegt: Der radikale Islam ist dort mehr als nur ein Randphänomen.

von Zlatko Percinic

Die Ideologie, die Terror-Attentäter mit islamistischem Hintergrund in Europa antreibt, stammt nahezu ausschließlich vom saudischen Wahhabismus ab. Auf die dabei benutzten Waffen - sofern es keine Fahrzeuge oder Messer sind – trifft dies weniger zu. Diese haben immer wieder ihren Ursprung im ehemaligen Jugoslawien bzw. Albanien. Die religiösen wahhabitischen Strukturen, die seit dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaates auf dem Balkan Fuß fassen konnten, sind sehr oft eine Art Bündnis mit der organisierten Kriminalität eingegangen. Insbesondere die albanische Mafia, die durch ihre Organisation und Aufteilung von "Verantwortungsbereichen" nach Klans eine in sich geschlossene Gesellschaft bildet, war für die ebenfalls nach wenig Aufmerksamkeit trachtenden islamischen Gesellschaften und Terrororganisationen wie Al-Kaida wie geschaffen.

An dieser Stelle sei ein Blick auf einige Brennpunkte gerichtet:

Albanien

Fast gleichzeitig mit dem Ausbruch des Krieges in Bosnien trat Albanien der von Saudi-Arabien dominierten "Organisation für Islamische Zusammenarbeit" (OIC) bei. Dieser Beitritt öffnete die Geldschleusen der arabischen Petromonarchien sowie der Türkei, die hunderte Millionen von US-Dollar in den Bau neuer Moscheen, Medressen, Kinderheime und die Ausbildung neuer Imame steckten. Im Windschatten dieses Baubooms, an dem sich auch die albanische Mafia beteiligte, kamen aber auch Terrororganisationen wie der Islamische Ägyptische Dschihad, Gamaa Islamija, Islamische Algerische Heilsfront oder die Groupe Islamique Armé (GIA) zu größerer Bedeutung.

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Mit dem Aufruf des damaligen Präsidenten von Bosnien und Herzegowina, Alija Izetbegovic, zum Dschihad gegen Serben und Kroaten in dem Bürgerkriegsland bildeten diese ausländischen Terrororganisationen in Albanien, daneben auch unzählige islamische NGOs mit Verbindungen zum Terror, die ideale Grundlage als logistische Basis für Dschihadisten, von denen viele aus Afghanistan kamen und ein neues Betätigungsfeld suchten. Unterstützt wurde dieser Prozess auch vom albanischen Geheimdienstchef Bashkim Gazedede, der die Re-Islamisierung seines Landes nach Jahrzehnten des strikten Atheismus vorantreiben wollte. Und wieder waren es die vorherrschenden Klanstrukturen, die dieser Entwicklung Vorschub leisteten. Mit wenigen Dollars pro Monat wurden die Familienoberhäupter geködert, um ihre Kinder auf islamische Schulen zu schicken, wo diese im Wahhabismus indoktriniert wurden.

Wie gut die Zusammenarbeit zwischen Terrororganisationen und albanischer Mafia funktioniert, erklärte der von 1997 bis 2002 tätige Geheimdienstchef Fatos Klosi:

[...] die Zellen benutzten Albanien als Sprungbrett für ihre Aktionen in Europa und operierten unter dem Deckmantel verschiedener humanitärer Einsätze. [...] Die Terroristen haben bereits andere Teile von Europa infiltriert, indem sie die Basen in Albanien für Schleusertransporte von illegalen Immigranten benutzten, die mit Schnellbooten in großer Zahl über die Adria nach Italien geschmuggelt wurden.

Die IS-Terroristen galten lange Zeit als Kämpfer, die bis zum bitteren Ende kämpfen und nicht aufgeben. Doch mittlerweile akzeptieren viele auch den geordneten Rückzug.

Nach Einschätzung von albanischen und italienischen Behörden sollen in der Amtszeit von Fatos Klosi etwa 150.000 Menschen auf diesem Weg nach Italien geschleust worden sein. Mafia und Dschihadisten ergänzten einander sogar so gut, dass es für die Behörden schier unmöglich wurde, zu unterscheiden, wo die Mafiastrukturen aufhörten und wo die Terrororganisation anfing. Beide profitierten von Drogengeschäften, Geldwäsche, gefälschten Pässen, Menschenhandel und Schmuggel, illegalem Waffenhandel, Prostitution. Außerdem verwischte man auch die Linie zwischen Mafia und Politik zusehends. Zum selben Schluss kam auch eine Studie für das Europaparlament aus dem Jahr 2012, welche diese gleichsame Fusion von Terrororganisationen und organisierter Kriminalität als eine Art "Zweckehe" bezeichnet.

Kosovo

Wie eng die albanische Mafia mit dem Kosovo verbunden ist, zeigt die Aussage von Ralf Mutschke, Assistenzdirektor des Interpol-Generalsekretariats, vor einer Anhörung im US-Senat im Jahr 2000:

Albanische Gruppierungen des organisierten Verbrechens sind Hybridorganisationen, oft involviert in kriminelle Aktivitäten organisierter Natur, und in politische Aktivitäten, hauptsächlich bezüglich des Kosovo. Es gibt gesicherte Beweise, dass die politischen und kriminellen Aktivitäten tief miteinander verflochten sind.

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Die Probleme der albanischen Bevölkerung des Kosovo im ehemaligen Jugoslawien waren vielfältig. Sie reichten vom Wunsch nach Erhalt der albanischen Identität in öffentlichen Schulen über Benachteiligung und Diskriminierung bei Behörden und Wirtschaft, eine resistente Haltung gegenüber Bildungsvorgaben der Zentralregierung bis hin zu inneren Machtkämpfen der verschiedenen Klans. Doch die Töne waren mehrheitlich nationalistisch gefärbt, nur selten spielte die Religion eine Rolle. Die Rufe nach einem "ethnisch reinen Kosovo" wurden bei der serbischen Minderheit entsprechend mit größter Sorge aufgenommen.

Ein Jahr nach dem Tod des jugoslawischen Staatslenkers Josip Broz Tito, brachen im März 1981 in Priština Massendemonstrationen aus. Die anfänglichen Parolen der Protestführer, "Kosovo Republika", wo eine Gleichstellung und Anerkennung der Albaner als "jugoslawisches Volk" gefordert wurde, wich mit der Zeit Rufen zur "Vereinigung aller albanischen Völker". Dies wertete die Zentralregierung in Belgrad als "Gefahr für die nationale Einheit" und beschloss am 2. April, die Volksarmee (JNA) aus den Kasernen zu holen, um Recht und Ordnung wiederherzustellen. Schließlich führte die Regierung in Belgrad in der Universität von Priština eine Säuberungswelle durch, im Zuge derer alle Lehrer und Professoren aus Albanien von ihren Lehrstühlen entlassen wurden, da man ihnen die Schuld an diesem Aufstand zuschob.

Symbolbild

Die Regierung im damals noch sozialistischen Albanien hingegen verurteilte das jugoslawische Vorgehen und stimmte am 8. Volkskongress im November desselben Jahres für eine Unterstützung der Anliegen ihrer Volksgenossen im Kosovo.

Die Proteste von 1981 vergifteten vollständig das Klima zwischen Albanern und Nicht-Albanern. Weder politisch noch ethnisch ließ sich seitdem eine Annäherung erzielen. Stattdessen wuchs auf beiden Seiten die Unzufriedenheit über den Status Quo, was sich in sporadischen Angriffen auf serbische Dörfer im Kosovo entlud. Mit dem Aufstieg von Slobodan Milošević an die Macht in Belgrad, die von den US-Geheimdiensten als Gefahr für die Stabilität des jugoslawischen Vielvölkerstaates eingestuft wurde, sollte sich die gesamte Zusammensetzung des von Tito gegründeten Jugoslawien verändern. Milošević setzte auf Unterdrückung und hob den Autonomiestatus der beiden Autonomieprovinzen Kosovo und Wojwodina im September 1989 auf.

Was folgte, war die unmittelbare Reaktion vonseiten der Kosovo-Albaner, mit Angriffen auf Polizeistationen und andere staatliche Organe. Im Jahr 1992 wählte man Ibrahim Rugova zum "Präsidenten" in einer Wahl, die international keine Anerkennung fand. Rugova verfolgte eine pazifistische Linie und wollte auf demokratischem Weg die Unabhängigkeit des Kosovo erreichen. Inzwischen konnte natürlich auch er beobachten, wie schnell ein blutiger Krieg ausbrechen kann. Kroatien und Bosnien mahnten. Für seine Bemühungen um eine friedliche Erreichung dieser Ziele wurde Rugova von seinen Partnern auch "Gandhi des Balkans" genannt.

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Doch einige Albaner hatten etwas Anderes im Sinn. Wie zum Beispiel Adem Jashari, der "legendäre Kommandeur" der Kosovarischen Befreiungsarmee (UCK), nach welchem heute sogar der Flughafen von Priština benannt wurde. Deutsche Medien feiern ihn ebenfalls als "Symbol des Widerstandes", wie die UCK überhaupt in diesem Sinne wahrgenommen wird. Es passt daher auch besser ins Bild, wenn die Gründung der Kosovarischen Befreiungsarmee je nach gewünschtem Narrativ irgendwo zwischen 1996 und 1997 angesetzt wird. Hauptsache, es ist um und bei dem Jahr 1998, welches als entscheidend in der Frage galt, ob und wie die internationale Wertegemeinschaft auf den blutigen Konflikt reagieren soll.

Dass aber selbst Robert Gelbard, der US-Sondergesandte für Bosnien, die UCK noch am 23. Februar 1998 als "ohne Frage eine Terrorgruppe" bezeichnete, interessiert heute niemanden mehr. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Adem Jashari bereits im Spätherbst von 1991 in Albanien eine Terrorausbildung erhalten hatte, was sogar in einem offiziellem Bericht des albanischen Verteidigungsministeriums erwähnt wird. Oder dass die UCK laut eigenen Angaben offiziell 1993 gegründet wurde, zuvor aber bereits Terrorangriffe gegen serbische Siedlungen und Armeeposten im Kosovo verübt hatte, was sowohl in diesem Bericht als auch von der UCK selbst bestätigt wird.

Großalbanische Nationalisten, George Soros und die EU sind nur einige der zahlreichen Akteure, die einen aktiven Gestaltungsanspruch auf dem Westbalkan erheben. Für den außenpolitischen Ausschussvorsitzenden im EP, David McAllister, stört hingegen nur Moskau die andernfalls absehbare Harmonie.

Als 1997 die albanische Regierung - und mit ihr nahezu der gesamte Staat - zerbrach, verschwanden nebst Geheimdienstchef Bashkim Gazedede und ihn kompromittierendem Material über Islamisten auch große aus den Waffendepots der Armee: 38.000 Handfeuerwaffen, 226.000 Kalaschnikows, 25.000 Maschinengewehre, 2.400 panzerbrechende Raketenwerfer, 3,5 Millionen Handgranaten und 3.600 Tonnen Sprengstoff. Ein großer Teil von diesem "verschwundenen" Kriegsgerät tauchte noch im selben Jahr in den Händen der UCK auf.

Mit der Ausbildung von Adem Jashari in einem Terrorcamp in Region um Tropoja/Albanien, woher auch der damalige Präsident Sali Berisha stammte, begann der Siegeszug der Zweckehen zwischen wahhabitischen Terrorgruppen und der albanischen Mafia. Bis 1994 schossen weitere Terrorcamps in Zenica, Malisevo und Mitrovica - alle im Kosovo – aus dem Boden, während sich deren Kommandozentren bei vermeintlichen Hilfsorganisationen in Zagreb/Kroatien und Tetovo/Mazedonien befanden. Die Frage, ob die UCK ebenfalls wie die islamistischen Milizen in Bosnien Dschihadisten in den eigenen Reihen unterhält, beantwortete Albaniens Geheimdienstchef Fatos Klosi in der Zeitung "Albania" am 16. Mai 1998:

Die UCK wird von Bin Laden finanziert.

Nebenbei kommandierte laut Aussage von Ralf Mutschke vor dem US-Senat der Bruder des heutigen Al-Kaida-Führers Ayman al-Zawahiri, Mohammed al-Zawahiri, eine Eliteeinheit der UCK.

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Die Verbindung zwischen organisierter Kriminalität und wahhabitisch inspirierten Terrorgruppen zur kosovarisch-albanischen UCK kann daher nicht deutlich genug betont werden, auch wenn sich deren Führer vehement bemühten, diese Tatsache in Abrede zu stellen. Wie auch INTERPOL bestätigte, finanzierte sich die UCK mindestens zur Hälfte aus Einnahmen aus dem Drogengeschäft der albanischen Mafia, welche die Absatzmärkte in der Schweiz, Deutschland, Österreich und einigen skandinavischen Ländern dominierte. Selbst in Amerika sollte die albanische Mafia höchst erfolgreich Fuß fassen und sich an die Spitze der organisierten Kriminalität setzen.

Der Krieg in Bosnien wurde bereits bei der zweiten "Arabischen und Islamischen Volkskonferenz" Ende 1993 in Khartum/Sudan als "Krieg gegen den Islam" definiert, zwei Jahre später wurde dieser Narrativ auch auf das Kosovo übertragen. Die Islamische Konferenz 1998 in Pakistan definierte den Kampf der Albaner als "Dschihad", was für viele Islamisten einem Aufruf zur Partizipation gleichkam.

Daher darf es auch nicht überraschen, dass das Kosovo, gemessen an seiner Einwohnerzahl, die meisten Kämpfer aus dem Balkan für den so genannten Islamischen Staat stellte. Laut CIA-Schätzungen aus dem Jahr 2014 kamen 150 Kämpfer aus dem Kosovo, 140 aus Albanien und 350 aus Bosnien.

Österreich

Seit Beginn des Krieges in Bosnien und Herzegowina suchten Dschihadisten auch nach einem sicheren Ort in der Europäischen Gemeinschaft, um ihren Finanzgeschäften und dem Aufbau der Strukturen in Europa nachzugehen. Als ideales Gastland zeigte sich ganz offensichtlich Österreich und dabei insbesondere dessen Hauptstadt Wien. Der Kulturattaché des Sudan war Anfang der 1990er Jahre El Fathi al-Hassanein, der die Leitung der 1987 gegründeten Organisation "Third World Relief Agency" (TWRA) mit Sitz in Wien übernahm. Mit Millionen US-Dollar aus Saudi-Arabien ausgestattet, sollte TWRA zu einem der wichtigsten Vehikel zur Organisation und Durchführung von Waffenschmuggel und Kämpfern für den bosnischen Dschihad werden. Wie eng TWRA mit der bosnischen Regierung zusammenarbeitete und diese damit auch mit Al-Kaida, zeigte sich in der Zusammensetzung des Vorstandes: nebst El Fathi al-Hassanein zählten auch engste Vertraute von Alija Izetbegović zu den Vorstandsmitgliedern.

Auch Bakir Izetbegović, der Sohn von Alija Izetbegović und heutiges Mitglied des dreiköpfigen Staatspräsidiums von BiH, war zeitweise im Vorstand von TWRA - der gleiche Bakir, der "aus Versehen" Boden-Luft-Raketen an Al-Kaida im Irak verkaufen wollte.

Selbst Saudi-Arabiens König Salman bin Abdulaziz Al Saud sorgte persönlich dafür, dass verschiedene der Al-Kaida nahestehende Organisationen - darunter eben auch TWRA - mit finanziellen Mitteln von seinem privaten Konto ausgestattet wurden.

Während die Anfänge der Dschihadistenszene in Wien von Ausländern dominiert wurde, sollte sich dieses Bild mit der Zeit ändern. Insbesondere Österreicher bosnischer Herkunft, wie Nedžad Balkan (richtiger Familienname ist Kučević) alias Ebu Muhammed, der Imam der Sahaba-Moschee, Muhamed Porča, der Imam der Al-Tawhid-Moschee, und Mirsad Omerović alias Ebu Tejm, Imam der Altum-Alem-Moschee, sollten zu den führenden Köpfen für den Dschihad in Wien werden. Omerović stand sogar in direktem Kontakt zum selbstausgerufenen IS-Kalifen Abu-Bakr al-Baghdadi.

Quelle: Marco Fieber/CC BY-NC-ND 2.0

Weshalb die österreichische Regierung erst 2015 zuschlug und selbst dabei lediglich Mirsad Omerović verhaftete, um dann Anfang 2017 nochmal zuzuschlagen und Nedžad Balkan zu fassen, bleibt ein Rätsel. Bereits 2005 stand derselbe Vorwurf gegen ihn im Raum wie bei seiner Verhaftung 2015. Zufrieden über diesen Schlag erklärte Christian Pilnacek, zuständiger Sektionschef des Justizministeriums:

Sie planten, einen Gottesstaat hier in Österreich zu errichten.

Dass sich durch diese Verhaftungen, die viel zu spät erfolgten, nicht die Indoktrination durch den Wahhabismus aufhalten lässt, die bei dem hohen muslimischen Anteil in Wien immer wieder fruchtbaren Boden findet, wird dabei außer Acht gelassen.

Das bestätigt sich auch im aktuellen Bericht des Österreichischen Integrationsfonds zum Thema "Die Rolle der Moschee im Integrationsprozess". Das Urteil fällt dabei eindeutig aus:

Die Ergebnisse zeigen: Während einige Imame im Einklang mit westlichen Werte predigen und gesellschaftliche Integration befürworten, lassen sich in anderen Moscheen klare Tendenzen zu einer Abwendung von der österreichischen Gesellschaft feststellen. In manchen Moscheen zeigen sich sogar radikale Tendenzen.