Zapad 17: Stille in den polnischen Medien nach Ausbleiben des 3. Weltkrieges

Zapad 17: Stille in den polnischen Medien nach Ausbleiben des 3. Weltkrieges
Letzter Tag auf dem Militärmanöver Zapad-2017, Kampfjets setzen Leuchtfeuer frei (Borissow, Weißrussland, 20. September 2017)
Bereits einen Monat vor der Militärübung begannen die ersten Berichte die Meinungsbildung in der polnischen Gesellschaft voranzutreiben. Viele Spezialisten kamen zu Wort und haben keine Mühe gescheut, teils unwahrscheinliche Szenarios als hoch wahrscheinlich darzustellen.

Die Militärübung Zapad-17 war ein gemeinsames Manöver zwischen Weißrussland und Russland, das vom 14. bis zum 20. September 2017 stattgefunden hat. Im Zuge der nahenden Manöver, sowie währenddessen, war die polnische Berichterstattung auf Hochtouren damit beschäftigt, eine Atmosphäre der immanenten Gefahr zu kreieren. RT Deutsch ordnete die ausschlaggebendsten Artikel in einer kleinen, übersichtlichen Anthologie. Geordnet ist diese nach den Spezialisten, ihren Einschätzungen und Prognosen, jeder mit seinen Stiftungen und Organisationen, denen sie entsprangen.

Das Manöver Zapad 2017 löste wilde Anschuldigungen der NATO gegenüber Russland aus.

Die Experten kommen zu Wort

Dr. Phillip Petersen, Vize-Vorsitzende der The Potomac Foundation, äußerte bei der Online-Zeitung niezalezna.pl, dass „die Manöver von Zapad-2017 unter anderem der Probe einer Invasion Polens dienen.“ Mit dem letzten Zitat Petersens wird der Artikel wieder etwas ausgewogener: „Die Tatsache, dass der Westen zur selben Zeit auch seine Übungen durchführt, gibt Mut. Dank dessen sind wir besser vorbereitet, falls die Russen sich entscheiden, den Auslöser zu ziehen und zu schießen. Wenn es aber um die Wahrscheinlichkeit geht, so meine ich, dass es nicht passiert, aber als Analytiker würde ich meine Verpflichtungen vernachlässigen, wenn ich das nicht ernst nehmen würde.“ Laut eigenen Aussagen der Website, ist The Potomac Foundation eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung für Forschung, die sich in der Verbesserung des öffentlichen Diskurses und der Ausformulierung innenpolitischer Strategien engagiert. Deren Sitz ist im Bundesstaat Virginia, in den USA.

Dr. hab. Agnieszka Legucka ist eine polnische Politologin und war von 2015 bis 2016 Prorektorin der Akademie für Nationale Verteidigung. Sie wurde dieses Jahr vom polnischen Thinktank PISM (Polish Institute of International Affairs) geworben, welches in den letzten Jahren unter anderem Gastgeber solcher Politstrategen wie Henry Kissinger war. Im Interview mit der Polnischen Presse-Agentur deklarierte Dr. Legucka, dass es strikt auf Bitten Weißrusslands geschah, drei NATO-Beobachter zum Militärmanöver einzuladen. Das erklärte sie folgendermaßen: „Dies geschah, aufgrund der Tatsache, dass Weißrussland sich selbst absichern wollte und beobachten wollte, was Wladimir Putin machen will.“

Nach den Ausführungen der Politologin bleibt der Eindruck, dass Russland an keiner Transparenz seinerseits interessiert gewesen wäre und Weißrussland uneigenständig und fremdbestimmt sei. Außerdem fügt die Expertin das Offensichtliche hinzu: „Wir hier in Polen sollten mal auf die Landkarte der Manöver schauen: Es handelt sich nicht nur um weißrussisches Territorium. Inbegriffen ist auch russisches Gebiet, die Kaliningrader Oblast und die Ostsee-Flotte. Das ist alles nah an unseren Nachbarn, also den baltischen Staaten, unserer NATO-Ostflanke.“ Zuletzt fügte sie hinzu, dass „man genau beobachten solle, wie die Bewegungen der Truppen sind und wie das russische Militär geschult wird. Um vorbereitet zu sein für eine eventuelle Grenzüberschreitung oder Konzentration der Truppen in diesen Gebieten.“

Russische Militärangehörige bei den Internationalen Armee Spielen 2017 bei Tjumen, Russland (August 2017)

Von den nuklearen Angriffsfantasien und Falschaussagen General Roman Polkos hat RT bereits berichtet

Ein weiterer General, der sich zu Wort meldete, war Mirosław Różański, von der Stiftung für Sicherheit und Entwicklung STRATPOINTS. Eins der zwei größten polnischen Internetportale, Gazeta.pl, befragte den ehemaligen Oberbefehlshaber der polnischen Verteidigungsstreitkräfte (RSZ) zu Zapad 17.

Różański erklärte in ruhigerer Manier als Polko: "Ich denke, dass die Bedingungen für eine weitere Militäroperation von Russland nicht erfüllt wurden. Zapad 2017 ist eher eine Prüfung der Streitkräfte im Bereich der Informationssphäre zu inneren Gunsten (für die russische und weißrussische Bevölkerung), als auch um Einfluss zu nehmen auf die öffentliche Meinung der NATO-Länder und der Nachbarn der Russischen Föderation." Desweiteren erläutert der General einen wichtigen Punkt:

Deren Drehbuch wird eine russisch-weißrussische Verteidigungsoperation vorsehen, die auf weißrussischem Gebiet, in Kaliningrad und in nord-westlichen Gebieten Russlands geführt wird, nach einer [vorherigen] Aggression seitens der NATO.

Dieses wichtige Detail wurde allzu selten erwähnt, nämlich die eigentliche Beschaffenheit der Militärübung Zapad 17: Der polnische General erklärte selber, dass diese Übungen für den hypothetischen Fall eines Angriffs der NATO auf Russland und Weißrussland veranstaltet werden.

Trotzdem kann auch Różański sich nicht vollkommen von Spekulation trennen, als er behauptete: "Die russische Seite könnte sich während Zapad 17 entscheiden, eine Provokation an der ukrainischen Grenze zu initiieren, dasselbe gilt für die baltischen Staaten [...] Im Falle, dass keines dieser Szenarien eintritt, wird Russland stattdessen die Unrechtmäßigkeit der NATO-Besorgnis argumentieren." Wenn man den General richtig versteht, so wäre der Mangel an solchen Provokationen seitens Russlands lediglich ein Vorwand, um später die NATO argumentativ anzugreifen.

Der ehemalige Vize-Verteidigungsminister Polens, Romuald Szeremietiew, hat in seinem Gespräch mit der polnischen Boulevardzeitung Super Express seine außenpolitische Analyse zum Thema wie folgt wiedergegeben: "Das, was am meisten Sorge macht, ist die Intensität der Übungen. Sie umfasst beträchtliche Teile der Russischen Föderation. Enorme Massen an Streitkräften werden anwesend sein, die nichts anderes üben werden, als Kriegsführung." Der hochrangige Diplomat ergänzte: "Man kann sich vorstellen, dass die übenden Soldaten sich plötzlich 'vergessen' und zum Beispiel die Grenze Lettlands übertreten. Das ist ein echtes Szenario."

Besonders das letzte Beispiel, geäußert von einem ehemaligen, hochrangigen polnischen Staatsmann, ist ein besorgniserregender Fall der invasiven Meinungsbildung. Herr Szeremietiew macht Behauptungen, die unter keinen Umständen haltbar sind: "Beträchtliche Teile der Russischen Föderation" sind riesige, eurasische Landmassen, dessen müsste sich ein Vize-Verteidigungsminister bewusst sein. Zapad 17 hatte konkrete territoriale Maßstäbe, die auch nach den Militärübungen sich nicht als größer entpuppt haben, als sie es letztendlich waren.

Russland hat wieder keinen Krieg begonnen

Weder wurde Polen angegriffen, noch eine Atomwaffe gezündet. Die baltischen Staaten wurden in ihrer territorialen Integrität nicht verletzt und eine Provokation an der ukrainischen Grenze fand nicht statt. Der Krieg, den so viele in der polnischen Presse wahrsagten, wurde bis auf Weiteres verschoben. Die üblichen Versuche in den westlichen Leitmedien wurden getätigt, um den geregelten, legitimen und zwischen Russland und Weißrussland einvernehmlich organisierten Verlauf der Übungen zu torpedieren. Lediglich ein Argument bleibt den NATO-Ideologen und ihren Unterstützern noch übrig: Russland hätte mit Absicht keinen Krieg begonnen, um die NATO und ihre Prognosen vorsätzlich zu entlarven. 

Ein Augenmerk kann auf die viel umfangreichere Militärübung Polens gelegt werden: DRAGON 2017 ist zugleich das größte Militärmanöver in der Geschichte der polnischen Republik. Der amerikanische Analytiker Dr. Philipp Petersen, dessen Aussagen zu Zapad 17 als erstes Beispiel in diesem Artikel genannt wurden, bezeichnet DRAGON 2017 folgendermaßen: 

Die Manöver stellen eine simulierte Invasion Russlands dar. [...] in deren Plänen sind unter anderem Szenarien der Einnahme strittiger Gebiete, Störung der staatlichen Administrationsorgane sowie der Selbstverwaltungen, als auch Versuche der Destabilisierung der politischen Situation [Russlands] inbegriffen.

An den Manövern von DRAGON 2017 nehmen 17.000 Soldaten teil, 4.300 Soldaten mehr als bei Zapad 17. Außerdem werden 3.500 Militär-Rüstungseinheiten allein aus Polen eingesetzt. Bei den Manövern von Zapad 17 wurden ungefähr 600 benutzt. DRAGON 2017 findet vom 25. bis zum 29. September statt - an der Grenze zu Russland.