Nach den Attentaten von Barcelona: Peinliche Enthüllungen über einen auffällig unbekannten Imam

Nach den Attentaten von Barcelona: Peinliche Enthüllungen über einen auffällig unbekannten Imam
Der getötete Imam Abdelbaki Es Satty auf einer Aufnahme der spanischen Polizei.
In Spanien beginnt die Aufarbeitung des Terrors in Barcelona. Beinahe täglich tauchen neue Hinweise auf, dass der verantwortliche Imam Abdelbaki Es Satty keineswegs so unbekannt war, wie Spaniens Innenminister zunächst behauptete. Teil 1 einer Spurensuche.

Vor zwei Wochen starben bei Terrorakten in der katalanischen Hauptstadt Barcelona und im nahe gelegenen Cambrils 16 Menschen. Seit dem Attentat konzentrieren sich die Untersuchungen auf einen salafistischen Imam namens Abdelbaki Es Satty. Dieser kam bei einer Explosion am Vorabend der Anschläge ums Leben. Im 300 Kilometer von Barcelona entfernten Alcanar hatte die terroristische Gruppe seit mehreren Monaten ein Haus besetzt. Scheinbar unbemerkt hatten die Dschihadisten die Ferienvilla in eine logistische Zentrale für große Anschläge in Barcelona umfunktioniert.

Dort versuchten sie, mithilfe handelsüblicher Chemikalien 500 Kilo des extrem empfindlichen Sprengstoffs TATP herzustellen. Offensichtlich ereignete sich dabei eine Panne: Das komplette Haus flog buchstäblich in die Luft. In den Trümmern barg die katalanische Polizei nach Tagen die Leiche von Abdelbaki Es Satty. Außerdem fanden die Ermittler einen schwer verletzten jungen Marrokaner. Letzterer wurde nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus verhaftet. Sein Pass und sein Führerschein tauchten etwa 15 Stunden später in dem Lieferwagen auf, der in Barcelona wahllos in flanierende Passanten fuhr.

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Am Abend des gleichen 17. August versuchte eine weitere Gruppe von Dschihadisten im 200 Kilometer entfernten Badeort Cambrils ein ähnliches Attentat auszuführen. Die Männer fuhren mit einem Personenwagen mitten in eine Gruppe von Spaziergängern. Eine Passantin starb, weitere sechs Menschen erlitten schwere Verletzungen.

Unmittelbar am Tag darauf unternahm der spanische Innenminister Juan Ignacio Zoido einen äußerst ungewöhnlichen Schritt, als er keine 24 Stunden nach den Anschlägen die gesamte Terrorzelle für zerschlagen erklärte und es ablehnte, die Terrorwarnstufe anzuheben.

Wir können sagen, dass die Zelle von Barcelona vollständig zerschlagen ist - und zwar auf der Grundlage der Personen, die ums Leben gekommen oder die festgenommen worden sind, sowie aufgrund der Identifizierungen, die wir vornehmen konnten", so Zoido.

Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte sich die katalanische Regionalpolizei noch damit, die Trümmer des zerstörten Hauses in Alcanar aufzuräumen. Die Insassen der Todesfahrzeuge waren noch nicht restlos identifiziert. Bekannt war nur, dass mindestens einer der Fahrer noch auf der Flucht ist. Die Durchsuchungen in dem kleinen Ort Ripoll, aus dem alle bis dahin bekannten Attentäter stammten, hatten gerade erst begonnen.

Unmittelbar danach begann in spanischen Medien eine Diskussion darüber, wer dabei versagt hat, die Anschläge zu verhindern. Konservative Medien, die dem Innenminister nahe stehen, behaupteten unisono, die katalanische Polizei trage die Verantwortung für die Versäumnisse. Der Tenor der ersten Tage lautete, nur so habe ein völlig unbekannter Imam es geschafft, über Jahre unbemerkt einige Jugendliche in Rippol derartig zu radikalisieren, so dass diese sie sich für Selbstmordattentate zur Verfügung stellten.

Ein einschlägig bekannter Rekrutierer

Auch zu Cambrils besteht offensichtlich eine persönliche Verbindung des Imam, der die jugendlichen Attentäter angeleitet hatte. Wie die Zeitung El Pais berichtet, hat Abdelbaki Es Satty Verwandte in dem Badeort, er kannte sich dort offenbar gut aus. Drei seiner Brüder lebten in der Kleinstadt, wobei unklar ist, ob diese sich immer noch dort aufhalten. Inzwischen konzentriert sich die Aufarbeitung des Falles ganz auf den Priester.

Wie alsbald bekannt wurde, hatten spanische Richter Abdelbaki Es Satty bereits im Jahr 2010 in der spanischen Enklave Ceuta zu vier Jahren Haft verurteilt. Er wollte 121 Kilo Haschisch von Marokko nach Spanien transportieren. Damals beschuldigte er seine drei Brüder aus Cambrils, dafür verantwortlich zu sein und ihn getäuscht zu haben.

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Obwohl der Staatsanwalt deren Verurteilung wegen Mittäterschaft beantragte, ließ der Richter die Brüder frei. Das, obwohl sie bereits Vorstrafen wegen Drogenhandels hatten. Die Familie stammt aus einem Ort in Marokko, der im Wesentlichen vom Anbau von Cannabis lebt.

Im Gefängnis soll sich Es Satty mit einem ganz speziellen Gefangenen angefreundet haben. Er verbrachte seine Haft zusammen mit einem der Attentäter von Madrid, Rachid Aglif. Am 11. März 2004 waren in der Umgebung von Madrid Bomben in mehreren Lokalzügen explodiert. Dabei starben 192 Menschen, 1.854 wurden verletzt. Das Attentat hat sich Al-Kaida zugeschrieben.

Kurzzeitig hieß es in der spanischen Öffentlichkeit, dass sich der spätere Imam in dieser Haftzeit radikalisiert haben müsse. Inzwischen stellte sich jedoch heraus, dass Es Satty eine deutlich längere Dschihadisten-Geschichte aufweist. Bereits mehrere Jahre vor seiner vierjährigen Haftzeit verfügte er über Kontakte zu dem radikalen Prediger Mohamed Mrabet aus der Al-Furkan-Moschee im Stadtteil Vilanova in Barcelona.

Mohamed Mrabet nahm die spanische Polizei bereits im Jahr 2005 bei der Operation "Schakal" fest. Die Ermittler beschuldigten ihn, der Kopf eines Netzwerkes zu sein, das im Namen von Al-Kaida Kämpfer für den Dschihad in Afghanistan und im Irak rekrutiert. Trotz umfangreicher Beweise ließ die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen ihn fallen.

Ausgerechnet ein Cousin von Abdelbaki Es Satty, Mustafa Es Satty, arbeitete damals in dieser Moschee als zweiter Prediger. Nach Angaben von El Pais trafen sich in dessen Wohnung mindestens drei der Terroristen, die direkt in die Attentate von 2004 in Madrid verwickelt waren. In seinem Haus fanden die Ermittler auch schon damals Dokumente von Abdelbaki Es Satty.

Ein zuständiger Untersuchungsrichter ordnete deshalb sogar eine Überwachung der Telefone Abdelbakis an. Doch nachdem die Anklage gegen Mustafa Es Satty zurückgezogen worden war, belangte die Justiz auch den ebenfalls richterlich überwachten Abdelbaki nicht weiter. Die Sache verlief im Sande. Angeblich sogar in einem so hohen Ausmaß, dass selbst die Informationen über die damaligen Untersuchungen aus der polizeilichen Datenbank entfernt wurden, desgleichen bei der Justiz. Lediglich der Name des Cousins blieb weiter im Register.

Doch damit nehmen die Wunderlichkeiten um Abdelbaki Es Satty noch lange kein Ende. Als der Marokkaner am 29. April 2014 entlassen wurde, hätte er nach spanischem Recht sofort des Landes verwiesen werden müssen. Der Richter Pablo de la Rubia gab jedoch im Jahr 2015 dem Einspruch des radikalen Predigers statt, mit dem dieser auf internationales Recht pochte. Weil er eine feste Arbeitsstelle nachweisen konnte, durfte er in Spanien bleiben.

Die Brüssel-Connection der spanischen Dschihadisten

Wie Medien mittlerweile enthüllten, reiste Abdelbaki Es Satty häufig nach Belgien. In Vilvoorde, einer Vorstadt von Brüssel, leben Familienangehörige, bei denen er regelmässig unterkam. Der Ort gilt als ein Zentrum dschihadistischer Aktivitäten in Belgien. Von dort zogen 28 junge Leute als Söldner für islamistische Gruppen in den syrischen Krieg. Schon seit dem Jahr 2014 arbeiten die dortigen Behörden mit der muslimischen Bevölkerung zusammen, um über spezielle Programme eine Sensibilisierung gegenüber Hasspredigen zu erzeugen.

Auch zwischen Januar und März 2016 hielt sich Es Satty offensichtlich in der Gemeinde Vilvoorde auf. Im Nachbarort Diegem wollte er in der Moschee als Prediger eingestellt werden. Als man dafür ein Führungszeugnis von ihm verlangte, reagierte er zuerst mit Ausreden, später mit aggressiven Worten gegenüber den Verantwortlichen. Das weckte Verdacht. Der Präsident der Moschee, Soliman Akaychouch, verständigte die örtliche Polizei und wies sie auf das verdächtige Verhalten und die extremistischen Predigten des Bewerbers hin.

Die Ortspolizei von Vilvoorde bat daraufhin die Polizei in Barcelona um Auskünfte über den verdächtigen Geistlichen. Doch dort fand man keine Daten über den Mann. Tatsächlich verfügt die katalanische Regionalpolizei, die Mossos d'Esquadra, auch über keine nachrichtendienstlichen Befugnisse. Zuständig für die Überwachung des politischen Extremismus auf dem Staatsgebiet von Spanien ist das Centro Nacional de Inteligencia im Madrid.

Am 8. März 2016 anwortete Daniel Canals, der zweithöchste Beamte der Abteilung für strategische Analyse des Informationsbüros der Mossos d'Esquadra, per E-Mail an die Polizei von Vilvoorde über die möglichen terroristischen Verbindungen des Imans: Ein Abdelbaki Es Satty sei in Katalonien "nicht bekannt". Lediglich eine Person mit dem gleichen Nachnamen sei einmal im Zusammenhang mit Dschihadisten überprüft worden. Dabei handelte es sich um den mit Es Satty verwandten Prediger Mustafa.

Anschließend konnte Abdelbaki Es Satty unbehelligt zurück nach Spanien reisen und sich in Ripoll, einer Kleinstadt in der Nähe von Barcelona, niederlassen. Als der Bürgermeister Hans Bont aus dem belgischen Vilvoorde nach den Anschlägen vor der Presse bekanntgab, dass sich seine Ortspolizei bereits am 8. März 2016 mit einer Anfrage über den Prediger an die Kollegen in Barcelona gewandt hatte, kam von dort nur ein großes Fragezeichen zurück.

Inzwischen heißt es, dieser Austausch sei weder dem katalanischen Innenministerium noch der spanischen Nationalpolizei mitgeteilt worden. Auch die belgische Bundespolizei hatte keine Ahnung von dem Vorgang. Alle spanischen Polizeieinheiten versicherten bis zu dem Zeitpunkt, dass sie keinerlei Hinweise vorliegen hatten, dass der Prediger sich salafistisch radikalisiert habe. Auch der spanische Innenminister, Juan Ignacio Zoido, versicherte noch am Tag der Pressekonferenz von Hans Bont:

Ich kann nur sagen, was ich weiß. Weder die Guardia Civil noch die spanische Nationalpolizei haben eine Mitteilung von belgischen Autoritäten erhalten.

Kurze Zeit später erklärte das katalanische Innenministerium, dass der Polizeibeamte die Anfrage aus Belgien zwar erhalten habe, betonte aber, es habe sich dabei nur um eine "informelle Anfrage" zwischen zwei Bekannten gehandelt, die sich bei internationalen Konferenzen und Kongressen kennengelernt hätten.

"Das war keine offizielle Kommunikation, die sieht anders aus", erklärte eine Abteilungssprecherin des katalanischen Innenministeriums. Den Originaltext der E-Mail aus Brüssel veröffentlichte inzwischen die Nachrichtenagentur Efe:

Ich möchte Dich fragen, ob Du jemanden untersuchen kannst, der hier in Vilvoorde als Prediger arbeiten will. In der angehängten Datei findest Du seine Daten. Ich weiß, dass er vorhat, im Februar nach Barcelona zu gehen, und dass er dort verheiratet ist. Je mehr Informationen du über diese Person rüberbringen kannst, desto besser!

Der belgische Polizist, der die Botschaft an die persönliche E-Mail des katalanischen Polizisten schickte, schloss seine informelle Mail mit einem freundschaftlichen Gruß: "Ich hoffe, sehr bald von Dir zu hören."

Der Hassprediger Abdelbaki Es Satty konnte sich entsprechend ungestört in dem Ort Ripoll in der Nähe Barcelonas einleben, wo man ihm auch zeitnah eine Stelle als Prediger in der Moschee anbot. Ein Jahr lang konnte er dort junge Menschen für den Terrorismus gewinnen und mit diesen auch die Massenattentate in Barcelona vorbereiten.

Lesen Sie hier Teil 2 der Spurensuche