Polen: Ein Löwe gegenüber Deutschland - ein Bettvorleger in Kiew

Polen: Ein Löwe gegenüber Deutschland - ein Bettvorleger in Kiew
"Amerika liebt Polen!" sagte Donald Trump während seiner Rede in Warschau vor dem Kriegsdenkmal am 6. Juli 2017. Seit seinem Besuch hat sich einiges geändert im Verhältnis von Polen zu Nachbarn.
Letzte Woche überraschte Polen seinen westlichen Nachbar mit Reparationsforderungen. Gleichzeitig nahmen polnische Soldaten am Marsch der NATO-Streitkräfte in Kiew teil und duldeten still den dortigen Bandera-Mummenschanz. Welches Spiel treibt Polen?

von Wiktor Marachowski

Es ist etwas Unerwartetes geschehen. Eine nicht zum ersten Mal geäußerte, aber neuerlich aufgewärmte Idee des polnischen Verteidigungsministers – Deutschland um weitere Reparationen für den Zweiten Weltkrieg zu erleichtern – bekam plötzlich offizielle Rückendeckung.

Das Bemerkenswerte daran: Der Urheber dieses Vorhabens, Minister Antoni Macierewicz, gilt als ein durchaus sonderbares Wesen. Die Frage nach seiner Zurechnungsfähigkeit nährt selbst in Polen den Boden für ständige Witze. Zur Erinnerung: Er stand nicht nur hinter der Theorie einer angeblichen russischen Verschwörung hinter dem Flugzeugabsturz des früheren Präsidenten Lech Kaczynski. Vor kurzem gab er zudem eine vermeintlich supergeheime Information seiner Quellen preis – darüber, dass französische "Mistral"-Kriegsschiffe, die Russland nicht bekommen sollte, bereits für nur einen Dollar von den stattdessen belieferten Ägyptern an die Russen weiterverkauft worden wären.

Und so weiter.

 Die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydło (r.) und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg (l.) am 25. August 2017.

Deshalb galt seine vor ein paar Tagen geäußerte, besonders helle Idee, von der BRD weiteres Geld einzufordern, als ein weiterer Fauxpas in der an Fettnäpfchen reichen Geschichte des polnischen Ministers.

Polen packt die große Keule aus

Aber jetzt erfahren wir aus der Ansprache der Regierungschefin der polnischen Republik, Beata Szydlo, dass

Polen von Gerechtigkeit spricht. Polen spricht davon, was noch getan werden muss. Wir sind Opfer des Zweiten Weltkrieges. Wir sind Opfer, deren Verluste noch in keinster Weise wiedergutgemacht wurden.

Mit anderen Worten: Das offizielle Polen ist anscheinend allen Ernstes gewillt, jene Ansprüche wieder zu erheben, die vonseiten der Polnischen Volksrepublik mit den Deutschen vor mehr als einem halben Jahrhundert geklärt worden waren. Und Warschau begründet es nicht bloß irgendwie und mit irgendetwas, sondern mit der Unmöglichkeit, oberste Prinzipien und die historische Gerechtigkeit zu opfern.  

So weit, so gut. Aber es gibt eine Nuance.

Die Sache ist die, dass am 24. August auch polnische Soldaten, als treue NATO-Verbündete, an einer Militärparade in Kiew teilgenommen haben.

Mehr dazu - Ukrainischer Unabhängigkeitstag: Militärparade vor NATO-Verteidigungsministern [VIDEO]

Und dort haben sie, mit gemischten Gefühlen zwar, aber still, der ersten öffentlichen Interpretation der neuen Hymne der ukrainischen Streitkräfte gelauscht - die wohlgemerkt eine nur unwesentlich modifizierte Variante der Hymne der Bandera-UPA ist.

Derjenigen UPA, die das Massaker von Wolyn verübte und zwischen 60.000 und 120.000 Polen abschlachtete. Und derowegen bis vor kurzem Polen aktiv protestiert und wiederholt beschworen hatte, dass es "für die Ukraine in Europa mit Bandera keinen Platz gibt".

Bandera-Kult: Regierungsnahe Zeitung fordert "Schwamm drüber"

Der Auftritt in Kiew scheint kein Versehen zu sein. Dieser Tage scheint sich ausgerechnet in dieser Frage eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur zu vollziehen. Am Vorabend des schillernden Ereignisses in der ukrainischen Hauptstadt preschte die offiziöse Rzeczpospolita plötzlich mit dem Kommentar "Besser mit Bandera als mit Moskau" vor.

Teilnehmer am Gedenkmarsch an die Opfer des Wolhynien-Massakers, Polen, Pschemyschl, 10. Juli 2016.

Im Kommentar - der Autor ist Experte einer hiesigen Stiftung, die ein Teil des amerikanischen Atlas-Networks ist - wird der neue Ansatz erläutert. Und zwar geht dieser so:

Große Völker können Emotionen von strategischen Bedürfnissen trennen. Kleine Nationen halten sich an strenge moralische Positionen, die natürlich ihre Selbsteinschätzung fördern, aber politische Positionen untergraben.

Dann folgen mehrere Beispiele davon, wie große Nationen, die nach vorne schauen, ungeachtet von Belastungen "Partner" suchten. Die USA konnten sich etwa in den 1970er Jahren über Emotionen hinwegsetzen und näherten sich China an – ungeachtet tausender Amerikaner, die während Korea-Krieges ums Leben gekommen waren. Auch die "menschenverachtende kommunistische Ideologie" der Volksrepublik China stand der Kooperation nicht im Weg. In Folge dessen haben sie die UdSSR besiegt.

Jetzt aber kann Polen seine Zugehörigkeit zu den "großen, erwachsenen Völkern" zeigen:

Eine Ukraine, die von Polen und vom Westen abgelehnt wird, ist in Zukunft dazu verdammt, Satellit Moskaus zu werden, und wir müssen alles tun, um dieses Szenario zu verhindern.

Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hält eine Rede in Warschau vor dem Denkmal für den Warschauer Aufstand am 6. Juli 2017.

Deswegen muss Polen die Ukraine auch mit ihrem Bandera-Kult akzeptieren.

Das Gerechtigkeitsempfinden gebietet uns, laut gegen Banderamärsche zu protestieren. Die Staatsräson aber gebietet uns, zu schweigen und mit Kiew so eng wie möglich zu kooperieren, trotz ihrer Glorifizierung der OUN und UPA.

Ist das die Vorgehensweise einer souveränen Nation?

Wie wir wissen, ist es auch so gekommen. Aber Achtung, jetzt kommt die Frage:

Warum schreit Polen einerseits ziemlich laut nach historischer Gerechtigkeit und trumpft dabei forsch gegen den nächsten Nachbarn, den stärksten Staat in der EU und den größten wirtschaftlichen Partner auf? Und ist gleichzeitig aber sanftmütig gegenüber der schwachen und abhängigen Ukraine und schweigt zum Zwecke des strategischen Nutzens - trotz der dortigen unverhohlenen Bandera-Werbung?

Es scheint hier irgendeinen Widerspruch zu geben.

Ich habe eine mögliche Erklärung: Den Widerspruch gibt es nur dann, wenn man Polen für einen unabhängigen Staat hält. Aber wenn man es nur als eine der Haremsdamen des Welthegemons betrachtet, dann ist alles an seinem Platz. 

Denn die plötzliche Anmache Deutschlands - dieses bildet sich ja zu viel ein - durch das größte Land in Osteuropa schwächt deutsche Positionen in der EU und stärkt die amerikanische.

Ob Polen dafür den Sozialismus abgeschüttelt hat?

Und plötzlich ist die Bereitschaft da, das Alte zu vergessen und angesichts ukrainischer Bubenstücke beide Augen zuzudrücken, weil "Russland fürchterlicher ist" – und das ist zweifellos auch im Interesse der USA. Diese brauchen an der Ostflanke kein Geschwätz in den Reihen der Vasallen, und keinen Streit um – na ja, bloß irgendwelche Genozide.

Mehr zum Thema - Russischer Politiker zu polnischen Reparationsforderungen an Deutschland: "Leere Worte"

Natürlich bleibt hier noch eine Frage: Hat Polen tatsächlich für so eine Freiheit gekämpft, als es den, wie wir wissen totalitären, sozialistischen Block zerstörte? Gehorsam bei dem Hegemon für Milliarden ältere Raketen einkaufen, brav das Dreifache für das "freiheitliche" Gas zahlen, bereitwillig seine eigenen Soldaten in die Eroberungsfeldzüge des Hegemons zu entsenden, gehorsam auf das "Fass"-Kommando hin die ungehorsamen Länder attackieren, und sich pflichtschuldigst damit abfinden, dass die "Kameraden im Kampf gegen Russland" die Polenschlächter von gestern verehren? Und so weiter.

Aber auf diese Frage kann und soll nur Polen antworten.

Wiktor Marachowski schreibt regelmäßig für RT, RIA Nowosti und andere Medien. Im Original ist Artikel bei RIA Nowosti erschien.