Trauer um Irina Bereschnaja - Erneut ukrainische Oppositionelle bei Autounfall gestorben

Trauer um Irina Bereschnaja - Erneut ukrainische Oppositionelle bei Autounfall gestorben
In Warschau nahm Irina Bereschnaja 2016 an der OSZE-Menschenrechtskonferenz teil
Irina Bereschnaja war bis 2014 Rada-Abgeordnete, anschließend als Menschenrechtlerin engagiert. Sie war in der ganzen Ukraine als Stimme der Opposition bekannt. Ultranationalisten quittieren ihren Tod mit Hasskommentaren. Der mutmaßliche Unfalltod Bereschnajas hat die Aufmerksamkeit wieder auf die Reihe zweifelhafter Todesfälle gelenkt, die sich seit dem Maidan-Putsch ereignet hatten.

von Ulrich Heyden, Moskau

Sie war eine der bekanntesten und - auch diese Anmerkung sei erlaubt - schönsten Vertreterinnen der ukrainischen Opposition. Am Samstagvormittag starb die bekannte ukrainische Menschenrechtlerin und ehemalige Rada-Abgeordnete Irina Bereschnaja bei einem Autounfall. Bei der Katastrophe starb auch der Fahrer des Wagens. Die achtjährige Tochter der Menschenrechtlerin, Daniella, überlebte dank eines Kindersitzes den Unfall mit geringen Verletzungen.

Der Unfall ereignete sich auf einer Straße, die von Kroatien aus in Richtung Italien führte. "Der Fahrer, welcher Bereschnaja zusammen mit ihrer achtjährigen Tochter fuhr, hat wahrscheinlich die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Das Auto flog aus einer Serpentine", schrieb die Kiewer Internetzeitung "Linkes Ufer". Wie es genau zu dem Unfall kam, steht bisher nicht fest.

Ultranationalistische Hasskommentare: "Kein Mitleid für die Separatistin"

Irina Bereschnaja war 36 Jahre alt. Das ukrainische Internet war nach ihrem Tod voll von hämischen und Jubel-Kommentaren von nationalistischen Bürger und Bloggern. Ein ganzer Schwall an Hass-Kommentaren ergoss sich direkt auf die Facebook-Seite Jelena Bereschnajas, der Mutter der Toten. Wie könne es sein, dass an der Front seit drei Jahren Ukrainer sterben "und jetzt alle wegen eines unersetzlichen Verlustes aufstöhnen, weil eine Separatistin einen Unfall hatte", schreibt der Internet-User Georgi Schamli aus Mariupol.

Irina Bereschnaja (zweite von links) auf dem Podium zur Ukraine auf OSZE-Menschenrechtskonferenz

Die bekannte ukrainische Bloggerin und Journalistin Marina Daniljuk-Jarmolajewa riet der Mutter von Irina, sich jetzt zurückzuhalten. "Ich hoffe, dass der Tod der Tochter die Mutter Jelena davon abhält, antiukrainischen Staub aufzuwirbeln." Vielleicht zwinge "die persönliche Tragödie das Mamachen, weniger zu lügen und die Fakten zugunsten eines persönlichen Vorteils zu verdrehen". Wenn Irina Bereschnaja nicht an den Sendungen des russischen Fernsehkanals Rossija 24 "mit Kolorado-Bändchen" (gemeint ist das orange-schwarze St.-Georgs-Band) teilgenommen hätte, "dann würde sie bis ins hohe Alter absolut ruhig leben", warnt die Bloggerin alle, die es wagen sollten, Irina nachzueifern.

Mehr erfahren:Ulrich Heyden im Gespräch mit Irina Bereschnaja

Mir selbst geht der Tod von Irina Bereschnaja nahe, weil ich sie zweimal getroffen und sie als kluge und schlagfertige Gesprächspartnerin schätzen gelernt habe. Ich interviewte Irina am Rande einer OSZE-Konferenz in Warschau über die von Kiewer Regierung verfügte Streichung der Renten für Pensionäre in den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Das zweite Mal traf ich Irina in Moskau, wo wir über den immer stärker werdenden Antisemitismus in der Ukraine sprachen.

"Ein Springbrunnen von Energie und Lebensfreude"

Jelena Bondarenko, eine Journalistin, die wie Irina Abgeordnete der Partei der Regionen war, pflegte ein enges, freundschaftliches Verhältnis zu der Menschenrechtlerin. In einem Nachruf beschrieb Jelena die Freundin als einen "Springbrunnen von Energie und Lebensfreude". Jelena erinnert sich an ihre Freundin als vielseitige Frau, die Reisen liebte und einen Schrank voller Kino-Klassiker hatte. Dort fanden sich Filme von Jim Jarmusch, Polanski, Paolo Sorrentino, Fellini und Woody Allen. Trotz ihrer politischen Tätigkeit habe sich Irina sehr um ihre Tochter gekümmert und sich jeden Abend mit ihr unterhalten.

Sie wusste, mit wem Daniella sich im Kindergarten befreundet und mit wem sie sich zerstritten hatte.

Irina sorgte dafür, dass die Tochter immer beschäftigt war. Singen, Tanzen, Sprachen lernen, Modellieren - das waren die Beschäftigungen der Tochter. Der Krieg im Donbass sei Irina sehr nahegegangen, denn sie stammte selbst aus Lugansk. Am 2. Juli 2014, als die ukrainische Luftwaffe Lugansk bombardierte, habe sie Irina weinen gesehen.

Erfolgreicher Kampf gegen die Umbenennung von Straßen

Von 2007 bis zum Staatsstreich 2014 war Irina Abgeordnete der Partei der Regionen in der Werchowna Rada. Nach dem Putsch im Februar 2014 plädierte sie dafür, dass die Partei, die 2015 noch 450.000 Mitglieder zählte, nicht wieder zu den Wahlen antritt. Man dürfe das Putschregime nicht durch Teilnahme am Wahlprozess legitimieren, sagte sie.

Bevor Bereschnaja in die Rada gewählt wurde, hatte sie an der Kiewer Schewtschenko-Universität eine Ausbildung als Juristin absolviert und als Notarin gearbeitet. Nach dem Staatsstreich 2014 begann sie zusammen mit ihrer Mutter, Jelena Bereschnaja, das Institut für Rechtspolitik und sozialen Schutz aufzubauen. Die beiden Frauen klagten vor Kiewer Gerichten gegen die 2015 von der Kiewer Regierung verfügte Streichung der Renten für die Pensionäre in den selbsternannten Volksrepubliken.

Sie klagten zudem vor einem Kiewer Schiedsgericht gegen die Umbenennung der General-Watutin- in Roman-Schuchewytsch-Straße. Schuchewytsch war der Anführer der Ukrainischen Aufstandsarmee, welche mit der Hitler-Wehrmacht kollaborierte. Am 20. Juli wurde die bereits verfügte Umbenennung in Schuchewytsch-Straße von einem Kiewer Schiedsgericht auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Irina gehörte auch zu jenen Aktivisten, welche für den 9. Mai 2017 in Kiew einen Marsch von mehreren tausend Menschen zum Angedenken an den Sieg über den Hitler-Faschismus organisiert hatten.

Die Aktivistin informierte die Botschaften der EU und anderer Länder zudem über Menschenrechtsverletzungen und den wachsenden Antisemitismus in der Ukraine. Eigens zu diesem Zweck produzierte sie ein Video und ließ eine Broschüre drucken. Irina Bereschnaja besuchte auch die Fraktion von "Die Linke" im Bundestag. Sie war außerdem häufig Gast von Polit-Talkshows im russischen Fernsehkanal Rossija 1. Weggefährten haben zu Ehren der Journalistin und Politikerin besondere Momente aus ihren Auftritten im russischen Fernsehen in einem Video zusammengeschnitten:

Mysteriöse Morde an Mitgliedern der Partei der Regionen

Der mutmaßliche Unfalltod Bereschnajas hat unterdessen die Aufmerksamkeit wieder auf einige zweifelhafte Todesfälle gelenkt, die sich seit dem Maidan-Putsch im Umfeld der früheren Regierungspartei ereignet hatten. Das Kiewer Internetportal korrespondent.net stellte aus Anlass des Todes von Irina Bereschnaja eine Liste von hohen Funktionären der Partei der Regionen zusammen, die seit 2014 auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sind.

Mehrere der Toten hatten vor dem Hintergrund der Gewaltexzesse ultranationalistischer Gruppen im Januar 2014 in der Rada für die Verschärfung des Demonstrationsrechtes gestimmt. Zu den Toten gehörten u. a. folgende Personen:

+ Michail Tschetschetow, ehem. stellvertretender Fraktionschef der Partei der Regionen: Er stürzte am 28. Febuar 2015 aus dem Fenster seiner Wohnung in der 16. Etage. Nach offiziellen Angaben soll es sich um Selbstmord gehandelt haben. Aleskandr Popow, ein Freund des Toten, erklärte, er glaube nicht an einen Suizid. Tschetschetow sei es "gewohnt gewesen, Schläge einzustecken".

+ Stanislaw Melnik, ein früherer Rada-Abgeordneter und Geschäftsmann, wurde nur wenige Wochen nach dem Ableben von Tschetschetow tot in seiner Wohnung im Kiewer Gebiet gefunden. Nach Angaben der Ermittler erschoss sich Melnik mit einem Jagdgewehr.

+ Aleksandr Pekluschenko war seit 2011 Rada-Abgeordneter. Der Politiker wurde zwei Tage nach dem Tod von Melnik tot in seiner Wohnung gefunden. Angeblich habe auch er sich mit einem Jagdgewehr erschossen. Doch auch hier erklärten Freunde von Pekluschenko, der Politiker sei keiner, der sich selbst umbringen würde.

+ Viktor Janukowytsch "der Jüngere" war der Sohn des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowytsch. Er ertrank am 20. März 2015 im Baikal-See, als ein von ihm gesteuerter Volkswagen-Bus im Eis einbrach. Viktor Janukowytsch jr. war angeschnallt und starb. Die anderen fünf Fahrzeuginsassen konnten sich retten.

Mordserie gegen Oppositionspolitiker in der Ukraine hält an

+ Oleg Kalaschnikow, ein ehemaliger Abgeordneter der Partei der Regionen und Organisator des Antimaidan in Kiew, wurde am 15. April 2015 tot in seiner Wohnung am Prospekt Prawda in Kiew gefunden. Vermutlich wurde der Politiker erschossen, als er den Aufzug verließ und in seine Wohnung gehen wollte. Seine Frau - aufgeschreckt durch den Krach - rief die Polizei. Der Politiker wurde von fünf Kugeln getroffen. Eine Kugel traf ihn am Kopf. Verwandte des Toten erklärten, Kalaschnikow habe in der Zeit davor Drohungen erhalten.

Milliarden Euro trotz Menschenrechtsverletzungen

Wegen ständiger Bedrohung und Lebensgefahr sind in den Jahren 2014 und 2015 Hunderte von Oppositionellen aus der Ukraine nach Russland und in die EU emigriert. Die Oppositionellen, die es in der Ukraine heute noch wagen, öffentlich aufzutreten, sind zweifellos sehr mutige Menschen. Über das Schicksal von Regierungskritikern in der Ukraine schweigen die deutschen Medien und westliche Menschenrechtsorganisationen. Sie passen nicht in das Bild der neuen, "demokratischen" Ukraine, welche vom IWF, den USA und der EU unterstützt mit Milliarden unterstützt wird.