Im Windschatten neuer Russland-Sanktionen: US-Frachter mit Fracking-Gas erreichen Großbritannien

Im Windschatten neuer Russland-Sanktionen: US-Frachter mit Fracking-Gas erreichen Großbritannien
Symbolbild
Die Tinte ist noch nicht trocken unter dem Dokument, mit dem das US-Repräsentantenhauses neue Sanktionen gegen Russland beschlossen hat. Doch die Eroberung des europäischen Gasmarkts läuft bereits auf vollen Touren. Neues Ziel des US-Fracking-Gas: Großbritannien.

Mit unverhohlener Offenheit hielten die US-Advokaten in ihrem neuesten Streich gegen Russland das wahre Ziel der neuen Sanktionen fest. Es gehe darum, unter dem Deckmantel der Bestrafung Russlands die Kontrolle über den europäischen Gasmarkt zu erlangen. Polen hatte sich den Amerikanern bereits als williger Abnehmer des teuren Schiefergases angedient und bereits erste Lieferungen erhalten.

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Weitestgehend unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung machten sich bereits weitere Frachter auf den Weg, um erstmals auch Großbritannien mit dem kostbaren Gut zu versorgen. Die erste Lieferung erreichte die östlich von London gelegene, größte LNG-Speicheranlage in Europa, den Isle of Grain-Terminal in Kent. Somit dürfte es nicht mehr lange dauern, bis die ersten britischen Haushalte ihren Tee mit Fracking-Gas "Made in USA" kochen.

Der LNG-Frachter Galea machte sich vom Sabine Pass Export-Terminal im Golf von Mexiko auf den Weg in Richtung Großbritannien, dass nach dem sogenannten Brexit-Referendum die symbiotische Partnerschaft mit den USA weiter auszubauen gedenkt. Im Hintergrund scharren die US-Unternehmen bereits mit den Hufen und auch Präsident Donald Trump reibt sich bereits die Hände.

So verkündete der vermeintliche Milliardär am Dienstag über den Kurznachrichtendienst Twitter, dass die US-Regierung an einem „großen und spannenden Handelsabkommen" mit den Briten arbeite:

Die EU ist sehr protektionistisch gegenüber den USA. STOP!“, fügte der US-Präsident hinzu.

Mithilfe der neuen Sanktionen gegen Russland und den Iran wollen die Vereinigten Staaten ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen durchsetzen. Was ist der offizielle Slogan der US-Regierung, dem zufolge „America First“ käme, anderes als eine Metapher für die Absicht die Interessen der USA noch geradliniger als bisher zu protegieren?

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Bereits US-Präsident Barack Obama hatte den amerikanischen Wählern versprochen, dass die USA sehr bald unabhängig von Gas-Importen werden und vielmehr zum Exportland aufsteigen würden. Dies scheint nun erreicht. Fünf Terminals zum Export des ökologisch und finanziell äußerst bedenklichen Schiefergases befinden sich im Bau. Parallel startet die Suche nach neuen Absatzmärkten. Dabei scheint der EU-Markt mit seinen zerstrittenen Mitgliedsstaaten besonders lukrative Gewinne zu versprechen.

Simon Culkin, Isle of Grain Terminal-Manager, kann sich derweil kaum positivere Nachrichten vorstellen:

Es ist großartig dass Schiefer-Moleküle zu so einer spannenden Zeit für unsere Industrie nun den Weg nach Großbritannien finden“, frohlockt Culkin.

Damit verweist der Manager auch auf die Tatsache, dass bisher lediglich aus natürlichem Gas gewonnenes Ethan seinen Weg aus den USA in die Raffinerie im britischen Grangemouth fand und hauptsächlich in der Ölindustrie und nicht in Privathaushalten oder zur Gewinnung von Strom verwendet wird.  

Wie der britische Telegraph zu berichten weiß, reicht die nun erhaltene Menge US-Fracking-Gas aus, um etwa die Hälfte des durchschnittlichen britischen Gas- und Strombedarfs im Sommer zu decken.

Die Gaslieferung erreicht das Vereinigte Königreich just zu einem Zeitpunkt, da der britische Gasversorger Centrica bekannt gab, dass er die bis dato größten britischen Gasspeicher schließen wolle. Auch aufgrund der Tatsache, dass die Gasreserven in den Gewässern der Nordsee zur Neige gehen, steigt die Abhängigkeit des ehemaligen Empires von norwegischem Gas und Fracking-Gas-Importen aus Katar. Noch im letzten Jahren bezog Großbritannien 34 Prozent seines Gasbedarfs aus Norwegen. Nach Angaben des Marktanalysten ICIS, beliefen sich die entsprechenden Importe im laufenden Jahr bereits auf stattliche 42 Prozent.

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Grund genug für Simon Culkin sich über die Diversifizierung der Bezugsquellen durch die US-Lieferung zu freuen:

Die Lieferung erhöht die Zahl unserer Bezugsquellen“, so Culkin.

Neben den USA und Katar gehört zu den neuen Gas-Lieferanten auch Algerien:

Je mehr Quellen, desto besser“, resümiert der britische Grain Manager Culkin.

Was die Frage anbelangt, wer für den Kauf der Gas-Lieferung verantwortlich zeichnet, hält sich das britische Unternehmen jedoch bislang bedeckt. Dabei ist es wahrscheinlich, dass es sich um eine der folgenden Grain-Kunden handelt: BP, Centrica, Sonatrach (Algerien), Iberdrola (Spanien), Engie (Frankreich) oder Uniper (Deutschland).

Nach Angaben des LNG-Experten Ed Cox vom Marktanalysten ICIS werde das Vereinigte Königreich in den kommenden Jahren weitere Schiffsladungen Fracking-Gas erhalten. Dabei spiele vor allem auch der Wettbewerb unter den potentiellen Abnehmern eine entscheidende Rolle:

Verglichen mit Premium-Märkten in Asien, die keinen Zugang zu Pipeline-Gas haben, legen die aktuellen Preis-Signale nicht nahe, dass Großbritannien in diesem Winter ein attraktiver Käufer von LNG-Gas sein wird“, zeigt sich Cox überzeugt.

Dennoch wird Großbritannien aller Voraussicht nach ein interessanter Markt für Fracking-Gas bleiben. Dies liegt vor allem am globalen Anstieg der LNG-Produktion und der im europäischen Maßstab wettbewerbfähigsten britischen Infrastruktur zur Aufbewahrung und Einspeisung von LNG.

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Derweil sorgen die jüngst vom US-Repräsentantenhaus verabschiedeten Russland-Sanktionen für eine weitere Entfremdung zwischen den USA und der EU. So könne etwa laut EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker "America first nicht bedeuten, dass die europäischen Interessen als letztes kommen. Dessen gänzlich ungeachtet erreichte im Juni 2017 eine weitere Lieferung US-Fracking-Gas den polnischen Schiffsterminal von Swinemünde.