Kleinrussland: Reintegration der Ukraine durch Donezker Volksrepublik?

Kleinrussland: Reintegration der Ukraine durch Donezker Volksrepublik?
Ein als Nikolai Gogol verkleideter Schauspieler bei der Eröffnung der Moskauer Filmfestspiele. Gogol stand in der klassischen russischen Literatur für die russisch-kleinrussische Identität.
Ein Vorstoß vom Chef der Donezker Volksrepublik, Alexander Sachartschenko, war letzte Woche das Hauptthema bei Ukraine-Gesprächen. Kritik an seinem Projekt Malorossija bekam er auch aus Moskau. Doch, nicht alle hier im Westen haben verstanden, worum es Sachartschenko geht.

von Wladislaw Sankin 

Eigentlich bekommen die „Separatistenführer“ – die Vertreter der selbsterklärten Volksrepublik Donezk und Lugansk – in der westlichen Presse nur selten das Wort: Sie werden für gesichtslose „Kreml-Marionetten“ gehalten. Doch, letzte Woche platzte in den Redaktionen eine Bombe, die Alexander Sachartschenko, das Staatsoberhaupt eines nicht anerkannten Staates Volksrepublik Donezk, gezündet hat.

Auf einem kleinen Kongress, einer Konferenz „der Vertreter der Regionen der ehemaligen Ukraine“ am 17. Juli in Donezk, verkündete der in Tarnfarben gekleidete Republiken-Chef das Projekt „Ukraine“ für beendet. Stattdessen proklamierte Sachartschenko die Neubildung eines staatlichen Gebilde namens „Kleinrussland“.

Die Welt brachte sogar mehrere Artikel zu dem Thema. Der Ton in ihnen war nicht mehr so feindselig wie früher. Ausschnitt aus dem Online-Portal der Welt .

„Ukraine ist gescheiterter Staat“

Das klang neu, obwohl der Name „Malorossija“ (Kleinrussland) seit dem späten Mittelalter für verschiedene Regionen der heutigen Ukraine, zunächst im Westen, danach im Zentrum, gebräuchlich war. Als klassische Zeit der Malorossija und ihrer Identität gilt die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der aus damaligem Kleinrussland stammende Schriftsteller Nikolai Gogol, der Autor von „Die toten Seelen“, die Region mit ihren eindrucksvollen Eigenarten als untrennbaren Teil Russlands beschrieb. Die kleinrussische Identität wusste auch der im Jahr 2015 von den ukrainischen Ultranationalisten getötete Historiker und Schriftsteller Oles Buzina zu pflegen.

Der Teilnehmer eines nationalistischen Marsches zu den Ehren der Ukrainischen Aufstandsarmee unter der Führung von Roman Schuchewitsch im Oktober 2014.

Auf diese „historischen Prämissen“ baute auch Sachartschenko. Er legte seinen Plan in einer zehnminütigen Rede vor, in der er ihn vor allem aus ideologischer Sicht begründete. Das Ukrainetum hielt er für nationalistisch verseucht und daher für irreparabel. Dieses brächte nur Krieg, Hass, Desintegration und Depopulation mit sich. Der neue Staat dagegen sollte auf Basis der gerechteren sozial-ökonomischen Basis, Freundschaft und Zusammenarbeit entstehen.

In der Vorbemerkung sagte er, dass die Idee nicht neu ist. Diese reife schon lange durch Gespräche mit den Menschen auf dem Gebiet der Rest-Ukraine und den von ihr kontrollierten Gebieten des Donbass heran. Laut Sachartschenko baten diese Menschen ihn, sie in der Ukraine nicht im Stich zu lassen:

Sind wir nicht etwa auch Landsleute?

So kam das humanitäres Programm der Integration des von der Ukraine kontrollierten Teil des Donbass zustande. Die Reintegration der Ukraine in einen neu gebildeten Staat sollte dabei nicht durch Krieg, sondern durch Verträge erfolgen.

Alexander Sachartschenko (Mitte). Gelernter Elektriker, war er vor dem Krieg Unternehmer. Zu Zeiten der Maidan-Proteste Mitglied der Antimaidan-Bewegung "Optot" (Stütze). In April 2014 besetze mit 7 Personen die Donezker Administration, danach Rebellenfüher, seit August 2014 Premier-Minister.

Dabei war Sachartschenko gerade der Name wichtig. Der Begriff „Ukraine“ ist für ihn für immer durch Nazismus befleckt:

Das ukrainische galizische nationalistische Projekt hat sich durch Blutvergießen der Bürger des Landes diskreditiert. Die Ideologie des Ukrainetums hat sich als menschenverachtend und xenophob erwiesen. Infolge der historischen Entwicklung nach dem Maidan ist das Wort „Ukraine“ für immer mit Bandera und Schuchewitsch und ihren zahlreichen Verbrechen verbunden.

Diese alte Ukraine erklärte Sachartschenko für gescheitert, als Staat, der unter anderem keine „friedliche Zukunft für seine Bürger gewährleisten kann“.

Andrej Babizki im Film

Kritik im Westen: Gewöhnlich bis halbherzig

Harte Worte über den Partner des Westens. Erwartungsgemäß hat das Sachartchenko-Projekt Kritik der westlichen Medien über sich gebracht.

„Eine Provokation Moskaus“ nannte die FAZ den Vorstoß, die den Minsker Prozess unterminiere. Zu gerne würde sich der FAZ-Autor dem von ihm zitierten Petro Poroschenko anschließen:

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sagte, dem Projekt „Kleinrussland“ blühe dasselbe Schicksal wie „Neurussland“. Separatistenführer Sachartschenko sei „keine politische Figur, sondern eine Marionette, welche die Mitteilungen des Kremls überbringt.

Mehr dazu:  Was tun mit der Ukraine? Inszenierung außen, Kopfzerbrechen innen

Die Sprecherin des US-Außenministeriums Haser Hauert erklärte daraufhin, dass ihr die Pläne der „Separatisten“ bekannt seien:

Dieser neue Staat anstelle der Ukraine. Das stört uns natürlich, darüber hinaus haben wir keine Kommentare, sagte sie.

Im US-Außenministerium gibt es Menschen mit guten Russischkenntnissen. Haben sie die ganze Rede von Sachartschenko tatsächlich angehört und sich von ihm überzeugen lassen? Die Kritik aus den USA fiel jedenfalls recht halbherzig aus.

Russland: Diskussion über die Ukraine ist jetzt richtig eröffnet

Interessant wird es erst recht, wenn man sich die russischen Reaktionen auf das Projekt anschaut.

Bereits der Kreml gab für Interpretationen viel Spielraum. Der Vorschlag bedürfe weiterer Analyse, sagte zunächst Dmitri Peskow dazu, später nannte er die Idee eine „eigene Initiative“ von Sachartschenko und wies auf das Minsker Format hin. Minsk betrachtet die Ukraine nicht als „gescheiterten Staat“, wie es Sachartschenko meint, sondern als legitime Streitpartei.

Mehr dazu:  "Wir halten uns an Minsk II": Russische Reaktion auf Vorschlag zur Gründung "Kleinrusslands"

Doch der beiläufige Kommentar von Alexej Tschesnakow, der den Moskaus Beauftragten für den Donbass Wladislaw Surkow vertritt, wirft etwas Licht ins Dunkel der Moskauer Strategien. Laut Tschesnakow nannte der in der deutschen Presse als der einstige geheimnisumwobene Kreml-Chefideologe Wladislaw Surkow die Idee von Sachartschenko Idee diskussionswürdig.

Kiew hat Euroutopie. Donezk antwortet mit der Idee des Kleinrusslands. Es wird eine breite innerukrainische Diskussion entflammen, bei der sichtbar wird, welche Argumente und welchen IQ jede Partei an den Tag legt. Und hier ist es so, wie man es auf kleinrussisch so schön sagt (Zitat auf Ukrainisch) „wie ein Land ist, so ist auch IQ“.

Die offizielle Krim-Flagge weht über die Demonstranten am 15. März 2014 in Simferopol. Auf dem Hintergrund ist Statue des Grunders der UdSSR Wladimir Lenin.

Laut Surkow besitzt der Begriff 'Kleinrussland' genug Hype, um für gute Debatte zu sorgen. Und der Vorstoß habe mit Separatismus nichts zu tun:

Wichtig ist hier, dass der Donbass nicht für die Abspaltung gegen die Ukraine kämpft, sondern für ihre Ganzheit. Für die ganze Ukraine und nicht für ihren Teil. Es herrscht also in der Ukraine ein Krieg unter den Menschen, die die Zukunft ihres Landes unterschiedlich sehen, so Surkow weiter.

Wenn die Ideen eines Kleinrusslands die Einladung zur Diskussion sein sollte, dann ist sie gelungen. Seit Anfängen des Konfliktes im Osten der Ukraine hat die russische Führung immer wieder betont, ihr Ziel sei es, die Vertreter der selbsternannten Republiken als gleichberechtigte Verhandlungspartner anerkennen zu lassen.

Und es geht hier nicht nur darum, dass man im Westen den Namen von Sachartschenko dank seinem Vorstoß unfreiwillig aussprechen musste. Der Westen wird sowieso weder die Ukraine noch Russland und umso weniger noch Kleinrussland angemessen verstehen können. Aufgewühlt ist vor allem der politisch-ideologische Diskurs in Russland und der diskussionsfähige Teil der Ukraine: Die politischen Talkrunden und Blogosphäre sind nach der Sachartschenko-Rede am hochkochen. 

Das Projekt wird mitunter auch von denjenigen kritisiert, die mit der Donezker Volksrepublik sympathisieren. Für die einen stellt es wieder eine Abspaltung von Russland dar, für die anderen nur noch eine weitere polittechnologische Totgeburt, die „den einfachen Menschen nichts bringt“. Die anderen Skeptiker sehen vor allem in der Ukraine keine politische Kraft, die diese Vision umsetzen könnte.

Zwar nannten einige russische Außenpolitiker wie der OSZE-Vertreter Alexander Lukaschewitsch den Vorstoß von Sachartschenko als „träumerisch“, er kann auch bei den realpolitischen Verhandlungen als „Schrei der Seele“ der Menschen in Donezk über den schleppenden Verhandlungen im Minsker Prozess mitschwingen.