Neuer Lehrplan in der Türkei: Dschihad statt Darwin

Neuer Lehrplan in der Türkei: Dschihad statt Darwin
Vor einer Schule im türkischen Hatay versammeln sich die Schüler und Lehrer, um gemeinsam vor Unterrichtsbeginn die Nationalhymne zu singen.
In dem vom türkischen Bildungsminister verkündeten neuen Lehrplan kommen Charles Darwin und seine Evolutionstheorie nicht mehr vor. Dafür wird dem Konzept des Dschihad weitreichend Platz eingeräumt – allerdings nicht in der Bedeutung als "Heiliger Krieg".

Der türkische Bildungsminister hat nun genaue Einzelheiten über den neuen Lehrplan für das weitgehend in staatlicher Hand befindliche Schulwesen bekannt gegeben. Dieser soll den Schülern künftig auch das Konzept des Dschihad nahebringen – jedoch nicht als "Heiliger Krieg", sondern als Ausdruck von Patriotismus. "Der Dschihad ist ein Element unserer Religion. Es ist die Pflicht des Bildungsministeriums, darüber in einer korrekten Weise zu lehren. Es ist ebenso unsere Aufgabe, Dinge zu korrigieren, die falsch wahrgenommen oder gelehrt werden", sagte der Bildungsminister Ismet Yilmaz laut der Zeitung Hürriyet während einer Pressekonferenz am Dienstag.

Bedeutet "Dschihad" in Wahrheit Vaterlandsliebe?

"Seiner wirklichen Bedeutung nach drückt Dschihad die Liebe zur Nation aus", so der Minister. Das Konzept werde im Unterricht über die Lehrinhalte des islamisches Rechts und der grundlegenden Religionswissenschaften aufgenommen, die Teil des Lehrplans sind.

Unser Prophet Mohammed sagt, dass wir, wenn wir aus einem Krieg zurückkehren, von einem kleinen Dschihad zu einem großen Dschihad schreiten. Was ist dieser große Dschihad? Er fördert ein größeres Wohlergehen unserer Gesellschaft und dient dem Erhalt des Friedens sowie der Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse. In einen Krieg zu ziehen und zu kämpfen, ist eine leichte Sache. Die schwierigere Herausforderung ist es, Frieden und Ruhe zu sichern", sagte Yilmaz.

Der Begriff Dschihad wird oft - und nach Meinung der überwiegenden Mehrheit weltweiter Islamwissenschaftler fälschlicherweise - als "Heiliger Krieg" übersetzt. Laut muslimischen Gelehrten bezeichnet er aber vor allem einen inneren Kampf, nämlich die persönlichen Anstrengungen eines Menschen, ein Leben ohne Sünden zu führen.

Archivbild

Der neue Lehrplan sieht auch eine Beschäftigung mit dem vor einem Jahr gescheiterten Putsch vor, in Folge dessen tausende Regierungsgegner inhaftiert wurden. Das Datum des Putschversuchs, der 15. Juli, wurde offiziell zum "Tag der Demokratie und Nationalen Einheit" erklärt.

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Laut Yilmaz wird auch die Gülen-Bewegung, die Ankara für den Putschversuch verantwortlich macht, Teil des Unterrichtsstoffes sein. Der Lehrplan sieht auch eine Beschäftigung mit der in der Türkei als Terrororganisation verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und dem "Islamischen Staat" vor.

Evolutionstheorie nur noch an Universitäten

Bereits vor einem Monat hatte der Vorsitzende des Bildungsausschusses des türkischen Bildungsministeriums, Alparslan Durmus, angekündigt, dass die Evolutionstheorie von Charles Darwin künftig in den Lehrplänen nicht mehr vorkomme. Dazu erklärte Yilmaz, die Evolutionstheorie sei "nicht direkt relevant" für die Schüler und übersteige deren Lernpegel. Darwin soll aber nicht völlig aus den türkischen Bildungseinrichtungen verbannt werden. Studenten sollen sich an Universitäten mit seiner Evolutionstheorie beschäftigen können.

Mehhmet Balik, Vorsitzender des Verbandes der Bildungs- und Wissenschaftsarbeiter (Eğitim İş), hat den neuen Lehrplan verurteilt. Es handele sich dabei um den Versuch, eine Generation großzuziehen, "die keine Fragen stellt", berichtete Reuters. "Die neuen Richtlinien, die die Lehre der Evolution verbannen und alle Schulen verpflichten, einen Gebetsraum einzurichten, diese Aktionen zerstören das Prinzip des Säkularismus und die wissenschaftlichen Grundsätze der Bildung", sagte er.

Der neue Lehrplan gilt zunächst für die erste, fünfte und neunte Klasse des anstehenden Schuljahres. Zwischen 2018 und 2019 soll er auch auf andere Klassenstufen ausgeweitet werden.

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