Exklusiv - Fortschritt bei Turkish Stream-Pipeline: Drei Länder wollen Gas aus Russland

Exklusiv - Fortschritt bei Turkish Stream-Pipeline: Drei Länder wollen Gas aus Russland
Osteuropäische Staaten wollen Kunden des russisch-türkischen Erdgasprojekts Turkish Stream werden. Fast der gesamte Balkan könnte schon bald seine Energie aus Russland beziehen. Die EU kann dem nicht viel entgegensetzen. RT-Deutsch spricht mit Experten.

von Ali Özkök

Bulgarien beabsichtigt, mit Serbien ein Abkommen über den Transit von Erdgas aus dem russisch-türkischen Pipelineprojekt Turkish Stream zu unterzeichnen. Dies erklärte der bulgarische Premierminister Boiko Borisow.

"Wir haben vor einigen Wochen eine Roadmap unterschrieben. Das Abkommen umfasst die Lieferung von 15,7 Milliarden Kubikmetern Erdgas. Morgen unterschreiben wir ein ähnliches Abkommen mit Serbien. Wir werden einen Strom von zehn Milliarden Kubikmeter von Bulgarien nach Serbien erhalten", zitierte die Nachrichtenagentur Vestnik Kavkaza den bulgarischen Premier am Montag.

Die schwindende Bedeutung der EU auf dem Balkan ist vor allem auf das wachsende wirtschaftliche, kulturelle und militärische Engagement der Türkei zurückzuführen. Auch Russland gewinnt an Einfluss.

Der Regierungschef hat darauf aufmerksam gemacht, dass Bulgarien auf Turkish Stream zurückgreifen kann, wenn Russland seine Energielieferungen über das Transitland Ukraine einstellt, schrieb die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti.

Bulgarien hätte selbst Einstiegspunkt werden können

Georgi Gotev, der in leitender Position für das europäische Nachrichtenportal EurActiv arbeitet, sprach mit RT Deutsch über die bulgarische Entscheidung, einen Anschluss an Turkish Stream zu suchen. Der bulgarisch-belgische Journalist sagte:

Bulgarien war dumm genug, die goldene Chance zu vergeben, zum Einstiegspunkt des russischen Energieprojekts South Stream zu werden. Damals sollten nur bulgarische, russische und griechische Akteure am Bauprojekt teilnehmen. Das war nicht mit der EU-Politik kompatibel. Die Kommission legte das Projekt auf Eis.

Mit Blick auf Sofias strategische Interessen beim zweiten Anlauf kommentierte Gotev auf Anfrage von RT Deutsch:

Bulgarien wünscht sich, dass die zweite Leitung von Turkish Stream an das bulgarische Ufer in Varna angeschlossen wird. Sollten beide Leitungen durch die Türkei gehen, dann möchte Sofia, dass der Einstiegspunkt in die Europäische Union über Bulgarien und nicht Griechenland erfolgt. Das wird natürlich nicht öffentlich gesagt.

Die dubiose Firma Alguns Ltd. beliefert syrische Rebellen mit Waffen, die von US-Militärberatern ausgebildet werden. (Symbolbild)

Auf die Frage, ob die Gefahr besteht, dass die EU das Turkish-Stream-Projekt stoppt, sagte Gotev:

Wenn die EU beim Nord Stream 2 schon kein Hindernis ist, dann sollte das Gleiche für eine mögliche zweite Leitung von Turkish Stream nach Varna gelten. Gazprom wird abwarten und beobachten. Andere so genannte EU-Interessen sind irrelevant.

Russland bleibt mächtiger Player auf dem Balkan

Der Journalist von EurActiv betonte im Gespräch mit RT Deutsch, dass das russisch-türkische Energieprojekt auf dem Balkan ein weiterer Baustein für Russlands erfolgreiche Präsenz in der Region ist. Er kommentierte:

Russland hat den Balkan nie verlassen. Für Russland gibt es sowas wie ein 'Game over' nicht.

Der mazedonische Politikwissenschaftler Gjorgji Kostojchin vom Graduate Insititut in Genf ordnete im Gespräch mit RT Deutsch das Projekt in einen größeren Fokus ein, wonach Russland mittel- bis langfristig fast den gesamten Balkan exklusiv mit Energie beliefern könnte. Kostojchin erklärte:

Bulgarien möchte zum Erdgaszentrum in Osteuropa werden. Als Projekt ist Turkish Stream bedeutsam für die gesamteuropäische Erdgas-Infrastruktur.

"Der Präsident von Serbien sagte zuletzt, dass Deutschland den Schritt Bulgariens unterstützt, Teil von Turkish Stream zu werden", fügte der mazedonische Politikwissenschaftler hinzu. Seiner Meinung nach öffnet Turkish Stream zahlreiche neue Türen auf dem Balkan:

Das Energieprojekt gibt Russland ganz neue Möglichkeiten, neue Entwicklungsprojekte auf dem Balkan ins Leben zu rufen. Auch Serbien wird davon profitieren als wohl künftiges Transitland. Hinzu kommen mögliche Pipeline-Abzweigungen nach Kroatien, Bosnien, Kosovo und die Republika Srpska. Das trägt zusätzlich zur regionalen Macht Russlands bei.

Der türkische Präsident Tayyip Erdogan auf dem NATO-Gipfel in Warschau, 9. Juli 2016.

Gazprom begann am 7. Mai mit dem Bau der Offshore-Sektion von Turkish Stream im Schwarzen Meer. Die Pipeline besteht aus zwei Leitungen. Eine ist ausschließlich für den türkischen Verbraucher konzipiert, während die zweite Länder in Süd- und Südosteuropa beliefern wird. Jede Leitung hat eine Transportkapazität von 15,75 Milliarden Kubikmetern Erdgas im Jahr. Die erste Leitung wird voraussichtlich im März 2018 fertiggestellt. Die zweite folgt 2019.

Erdogan will an enger Energiekooperation mit Moskau festhalten

Am 5. Juli unterzeichnete auch Ungarn ein Abkommen mit Gazprom. Budapest möchte künftig ebenfalls Erdgaslieferungen über Turkish Stream aufkaufen.

Beim 22. Welt-Erdöl-Kongress, der vom 9. bis zum 11. Juli in Istanbul tagte, machte auch die Türkei ihre Ansprüche als Drehscheibe für Energieressourcen zwischen Ost und West deutlich. Während die Türkei mit Russland beim Bau von Turkish Stream kooperiert, arbeitet sie mit Aserbaidschan bei der Umsetzung der Transadriatischen Pipeline zusammen. Deren Herzstück, die Transanatolische Pipeline, soll 2018 in Betrieb gehen.

Bei seiner Rede betonte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, dass Ankara und Moskau bereit sind, neue Projekte mit Blick auf Erdgas im östlichen Mittelmeer und im Irak in Angriff zu nehmen. Das lasse sich nur realisieren, wenn beide Staaten an der "Win-Win"-Herangehensweise festhalten. Laut Medienberichten könnten Russland und die Türkei erwägen, ein gemeinsames Zentrum für Erdgas zu errichten, das nach Europa fließen soll.

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