UK-Wahlsieger Corbyn: Allen Widerständen des Establishments getrotzt

UK-Wahlsieger Corbyn: Allen Widerständen des Establishments getrotzt
Strahlendes Gesicht: Nach zwei Jahren der Anfeindungen durch Mainstream-Medien und dem Establishment seiner eigenen Partei geht Jeremy Corbyn aus den britischen Parlamentswahlen als Sieger hervor.
Die Labour-Partei hat bei den Wahlen in Großbritannien einen beachtlichen Erfolg errungen. Zu verdanken hat sie das ihrem linken Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Noch vor Kurzem arbeitete das Partei-Establishment an seinem Sturz. Martin Schulz würde sich Corbyns fulminante Aufholjagd gerne zum Vorbild nehmen.

Es ist noch nicht lange her, da hatte ihn kaum ein politischer Beobachter auf dem Zettel stehen: Jeremy Corbyn, der bei den britischen Unterhauswahlen am Donnerstag zwar keine Mehrheit für seine Labour-Partei erringen konnte, dennoch als moralischer Sieger aus dem Urnengang hervorgeht.

Noch vor knapp zwei Monaten, als Theresa May überraschend die Neuwahlen verkündete, lag Labour in Umfragen weit abgeschlagen hinter der Premierministerin – die genau deshalb das Volk zu Abstimmung rief, um mit einem starken Verhandlungsmandat in die anstehenden Brexit-Verhandlungen gehen zu können. Corbyn hat ihr einen Strich durch diese Rechnung gemacht.

Seit mehr als drei Jahrzehnten sitzt der Londoner im Unterhaus des Parlaments. Während dieser Zeit machte er sich in seiner eigenen Partei nicht nur Freunde. Konsequent verweigerte er sich dem „New Labour“-Kurs seiner Partei und der Zeitenwende, die der damalige Parteichef Tony Blair einläutete, und in deren Folge aus der sozialdemokratischen Partei eine neoliberale wurde.

Die britische Premierministerin Theresa May nach Bekanntwerden des  ernüchternden Wahlergebnis

Der 68-Jährige stimmte stets gegen Privatisierungen staatlicher Einrichtungen und Sozialkürzungen. Der Beteiligung am Irakkrieg unter der Blair-Regierung verweigerte er sich ebenso wie anderen Kriegseinsätzen des Vereinigten Königreichs. Der ehemalige Gewerkschafter ist ein Parteirebell mit einem Anliegen: Er vertritt die Interessen der sogenannten kleinen Leute, ganz gleich, ob er damit auf der Parteilinie liegt. Für das Labour-Establishment war Corbyn lange Zeit nichts weiter als ein zwar unbequemer, aber bedeutungsloser Hinterbänkler.

Zum Entsetzen der Labour-Führung hievte ihn die Parteibasis im September 2015 mit einer satten Mehrheit in das Amt des Vorsitzenden. Die Inthronisierung wurde begleitet von einer beispiellosen Eintrittswelle in die Partei – und einer von Medien und dem rechten Parteiflügel losgetretenen Schmutzkampagne gegen den Linken, der sich selbst als demokratischen Sozialisten bezeichnet.

Putschdrohungen und mediale Diffamierungskampagne

Eine Studie des britischen Department of Media and Communications widmete sich der Medienberichterstattung über Corbyn nach dessen Ernennung zum Labour-Chef. Laut dieser wurde er in einer Weise vom Mainstream diffamiert, „die weit über die gewöhnlichen Grenzen einer fairen Debatte und von Meinungsverschiedenheiten in einer Demokratie“ hinausgeht.

Jeremy Corbyn: Diffamiert und verhöhnt von britischen Medien

Weil sich der Pazifist für eine Abschaffung der britischen Atomwaffen einsetzt und auch der NATO den Rücken kehren will, brachte ein General der britischen Streitkräfte nach Corbyns Wahl zum Parteivorsitzenden gar die Möglichkeit eines Militärputsches ins Gespräch, sollte er Premierminister werden. Und auch der damalige konservative Premierminister David Cameron äußerte sich wenig diplomatisch: Die Labour-Partei sein nun „eine Bedrohung für unsere nationale Sicherheit“.

Vergeblich hat das Labour-Establishment nach der Brexit-Abstimmung im Sommer letzten Jahres versucht, Corbyn aus dem Amt des Vorsitzenden zu putschen. Wieder war es die Parteibasis, die durch ihre Mobilmachung die Intrigen des rechten Flügels zum Scheitern brachte. Die Wahlen am Donnerstag haben Corbyns innerparteiliche Position derart gestärkt, dass offene Angriffe auf seine Person aus dem Parteiapparat in näherer Zukunft nicht zu erwarten sind.

Von Corbyn lernen heißt siegen lernen

Die famose Aufholjagd, die Labour unter Corbyn in den letzten Wochen hinlegte, möchte sich Kanzlerkandidat Martin Schulz gerne zum Beispiel nehmen. Seine SPD liegt derzeit in Umfragen ähnlich weit hinten, wie Labour noch vor zwei Monaten. Kaum hatte Corbyn seinen Wahlsieg errungen, da wanzte sich der Sozialdemokrat schon an den Labour-Führer ran. „Was für eine Aufholjagd!“, twitterte Schulz, „habe gerade mit Jeremy Corbyn telefoniert. Wir haben schnelles Treffen vereinbart.“

Auch auf Facebook kommentierte Schulz den Urnengang: „Das Wahlergebnis im Vereinigten Königreich ist eine krachende Niederlage für Theresa May und ein toller Erfolg für Jeremy Corbyn, den viele schon abgeschrieben hatten.“ Den SPD-Kanzlerkandidaten haben viele ebenfalls schon abgeschrieben. Auch wenn er wie Corbyn über jahrzehntelange Erfahrung als Abgeordneter verfügt, gibt es zwischen beiden Männern doch einen gewaltigen Unterschied: Als Mandatsträger im Europäischen Parlament hatte Schulz nicht die Interessen der kleinen Leute, sondern die des Großkapitals verfolgt. Er ist nicht viel mehr als ein Blender, der sich von Corbyns Wahlerfolg blenden lässt.

 

 

 

ForumVostok
MAKS 2017