Am seidenen Faden: Nach Wahlen wankt Premierministerin May

Am seidenen Faden: Nach Wahlen wankt Premierministerin May
Die britische Premierministerin Theresa May nach Bekanntwerden des ernüchternden Wahlergebnis
Sämtliche Wahlprognosen sahen den Abstand zwischen den Konservativen und Labour zuletzt wieder deutlich zugunsten der Premierministerin wachsen. Nach dem nun überraschend schlechten Abschneiden der Konservativen blickt die Insel pessimistisch in die Zukunft. Mays Zukunft als Premierministerin scheint ungewiss.

Die konservative Partei von Premierministerin Theresa May hat die absolute Mehrheit im britischen Parlament verloren. Die Tories hatten am Freitagmorgen rechnerisch keine Chance mehr, über die Hälfte der 650 Wahlkreise zu gewinnen. Großbritannien steht damit kurz vor Beginn der Verhandlungen über den EU-Austritt eine komplizierte Regierungsbildung bevor. Wenn keine Minderheitsregierung oder Koalition möglich ist, könnte es eine neue Wahl geben.

Mays Konservative verlieren absolute Mehrheit in Großbritannien

Damit steht fest, dass sich die britische Regierungschefin Theresa May mit den vorgezogenen Wahlen keinen Gefallen getan und sich vielmehr gründlich verkalkuliert hat. May hatte die vorgezogene Wahl im April mit dem Ziel ausgerufen, die Regierungsmehrheit ihrer Partei im Unterhaus zu vergrößern und sich mehr Rückhalt für die Verhandlungen über den EU-Austritt zu schaffen. Ihr Herausforderer Jeremy Corbyn, dessen Labour-Partei stark zulegen konnte, forderte die Regierungschefin noch in der Nacht zum Rücktritt auf.

Sie habe Stimmen, Sitze und Vertrauen verloren, sagte er. Das sei genug, um „zu gehen und Platz zu machen für eine Regierung, die wirklich alle Menschen dieses Landes repräsentiert“. Die britische „Times“ spricht von einer Demütigung Mays durch die britischen Wähler und zeichnet ein pessimistisches Bild der nahen Zukunft:

Theresa May hatte gehofft, vergangene Nacht die politische Landkarte Großbritanniens zu verändern. (...) Stattdessen wurde sie nach ersten Anzeichen gedemütigt und ihre Partei steht ohne Mehrheit da. Sie hat gezockt und verloren. Politische Verwirrung wird folgen.

Eine erste Prognose nach Schließung der Wahllokale am Donnerstagabend hatte die Tories bereits als stärkste Kraft, aber ohne Regierungsmehrheit gesehen. Hochrechnungen im Lauf der Nacht korrigierten die Zahl der Sitze zwar etwas nach oben, die Marke von 326 Sitzen knackten die Konservativen aber zuletzt der BBC zufolge nicht.

Der „Daily Mirror“ prognostiziert gar, dass die Premierministerin nach der Wahl nicht mehr lange Premierministerin bleiben wird:

Theresa May steht seit vergangener Nacht vor dem größten politischen Desaster seit Generationen. Die Wahlprognose sagt, dass sie ihre konservative Mehrheit verlieren wird. (...) Sollte sich dieses Ergebnis bestätigen, wenn alle Stimmen ausgezählt sind, wäre May nach ihrer kolossalen Fehleinschätzung nicht mehr lange Premierministerin.

Die britische Premierministerin Theresa May mit ihrem Ehemann Philip nach Abgabe ihrer Stimme in Sonning, Großbritannien.

Die Liberaldemokraten, die von 2010 bis 2015 mit dem konservativen Premier David Cameron regiert hatten, schlossen eine Koalition und einen „Deal“ aus. Auch grundsätzlich unterschiedliche Haltungen der Parteien zum Brexit machen eine Zusammenarbeit schwer.

Als May die Neuwahl ausgerufen hatte, galt noch ein überragender Sieg mit einem Zugewinn von 100 Sitzen für die Tories als wahrscheinlich. Mehrere Fehler im Wahlkampf und die Sicherheitsdebatte nach den Terroranschlägen in London und Manchester hatten die Premierministerin aber in Bedrängnis gebracht. In ihrer Amtszeit als Innenministerin waren Stellen bei der Polizei gekürzt worden. Corbyn hatte zudem auf die Kriege unter Beteiligung Großbritanniens im Nahen Osten als Legitimationsbasis islamistisch begründeten Terrors ausgemacht und damit einen Nerv getroffen.

(dpa/rt deutsch)

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