Oppositioneller ukrainischer Blogger mischt Kiewer Fernsehkanal auf

Oppositioneller ukrainischer Blogger mischt Kiewer Fernsehkanal auf
Symbolbild - Eine alte Frau sieht Fernsehen in Avdeyevka, Ukraine, 10. August 2016.
Der ukrainische 5. Kanal hat Material gesendet, das den oppositionellen Blogger Anatoli Scharij als bezahlten Kreml-Propagandisten und Menschenhändler darstellt. Doch die „Enthüllung“ hatte nur eine Halbwertzeit von wenigen Stunden.

von Ulrich Heyden, Moskau

Neue Informationen über Anatolij Scharij wurden vom 5. Kanal der Ukraine, der dem Präsidenten Petro Poroschenko gehört, veröffentlicht. Der Blogger sei ein bezahlter Kreml-Propagandist und Menschenhändler. Dies gehe aus „Informationen“, die dem Sender vorlägen, hervor, erklärte Roman Tschaika, Moderator der Sendung „Beim Tee“.

„Operation Klempnerzange“

Das waren nicht die ersten Vorwürfe gegen Scharij. Ende April erklärte Anton Geraschenko, ein Berater des ukrainischen Innenministers, Anatolij Scharij könne „seine Sachen packen und seinen ständigen Wohnsitz in der Russischen Föderation beziehen“. Denn bei einer sogenannten „Operation Klempnerzange“ habe man herausgefunden, dass er an der „Finanzierung des internationalen Terrorismus“ beteiligt sei. Was damit gemeint war, blieb jedoch unklar. Gelten die Spenden von Scharijs Stiftung an Rentner in Donezk und Lugansk (Video einer Spendenübergabe) nun schon als „Unterstützung des Terrorismus“?

Anatolij Scharij ist einer der schärfsten Kritiker der ukrainischen Regierung. Er lebt an einem unbekannten Ort in der EU. Dort produziert er süffisante Video-Kommentare über die ukrainische Regierung und das ukrainische Fernsehen. Der Youtube-Kanal des 38-Jährigen hat über eine Million Abonnenten.

Köstlich amüsiert in der Sendung „Beim Tee“

In der Sendung "Beim Tee" des 5. Kanals wurden „Beweise“ gezeigt, dass Scharij ein bezahlter Kreml-Agent und Menschenhändler sei. So wurde ein handgeschriebener Zettel eingeblendet, auf dem Zahlungen an sechs Personen mit Kurznamen aufgelistet waren. Neben dem Namen „Scharik“ stand der Betrag von 16.000 Dollar.

Für Moderator Tschaika war klar, dass es sich bei „Scharik“ um den oppositionellen Blogger handelt. Außerdem tauchten in der Geld-Empfänger-Liste noch fünf andere Personen auf, die zum Teil noch größere Beträge erhalten haben sollen. Merkwürdig ist, dass auf der Liste als Endsumme 115.000 Dollar steht. Wenn man jedoch die sechs Beträge zusammenrechnet, kommt man auf 107.000 Dollar. War das den „Enthüllern“ gar nicht aufgefallen? Vielleicht war es den Journalisten aber auch egal. Hauptsache, sie konnten den bekannten Blogger an den Pranger stellen.

Als weiteren „Beweis“ veröffentlichte der 5. Kanal ein Video. Es zeigt Scharij, wie er angeblich für eine polnische Personalbeschaffungsfirma arbeitet, die Ukrainern angeblich illegale Arbeitspapiere beschafft.

Moderator Roman Tschaika und der Journalist Bogdan Butkewitsch amüsierten sich köstlich über ihre Enthüllung. Schließlich blendeten sie auch noch 30 Sekunden lang die angebliche Wohnadresse und Telefonnummer von Scharij im polnischen Gdynia ein.

Scharij hat sich einen Namen als Investigativ-Journalist gemacht. Er wurde 1978 in Kiew geboren und arbeitet seit 2005 als Journalist für die Kiewer Zeitung Sewodnja und andere liberale Blätter. Dabei deckte er brisante Kriminalfälle in den Bereichen Pädophilie und illegale Kasinos auf. Nachdem Unbekannte zwei Anschläge auf ihn verübt hatten, verließ er im Januar 2012 die Ukraine und beantragte politisches Asyl in Litauen. Seitdem lebt der Journalist und Blogger an einem unbekannten Ort in der Europäischen Union.

„Wie eine Katze, die gern mit dummen Mäusen spielt“

Einen Tag nach Ausstrahlung der Sendung entlarvte Scharij die Enthüllungen des 5. Kanals über seine Person als Fake, den er selbst produziert habe. Mit einem spöttischen Grinsen erklärte er in einem Antwort-Video (das Video mit englischen Untertiteln), er spiele gern „wie eine Katze mit dummen Mäusen“. Das Video wurde über eine Million Mal angeklickt.

Zunächst sieht man in dem Video des Bloggers Ausschnitte, die vom 5. Kanal ausgestrahlt wurden. Sie zeigen Scharij, der vor der angeblichen polnischen Personalbeschaffungsfirma auf jemanden wartet. Dabei wurde er angeblich mit einer versteckten Kamera gefilmt.

Kurze Zeit später sieht man das gleiche Video noch einmal. Doch dieses Mal wartet der Blogger nicht nur. Er geht direkt zur „versteckten“ Kamera und beschimpft den ukrainischen Präsidenten.

Dann zeigt Scharij, wie er auf einer Bettdecke den Zettel mit den angeblichen Honoraren des Kreml selbst schreibt. Im Hintergrund hört man eine Frauenstimme kichern.

Der Informationsminister tritt zurück

Dermaßen bloßgestellt erklärte der Fernsehmoderator Roman Tschaika, dass er ein „Opfer  einer Spezialoperation“ geworden sei. Ja, er habe zunächst gezweifelt, ob das Material echt sei, habe sich aber dann doch entschlossen, es zu veröffentlichen, weil es sich offenbar „um ein schweres kriminelles Verbrechen handelte“.

Wladimir Putin im Interview mit Le Figaro

Am 31. Mai tritt der ukrainische Informationsminister Juri Stez – der Kurator des 5. Kanals - zurück, angeblich „aus gesundheitlichen Gründen“. Politische Gründe gäbe es nicht, erklärte der ukrainische Staatssekretär Artjom Bidenko. Merkwürdig: Die ukrainischen Medien berichteten nicht über den Skandal. Natürlich hänge der  Rücktritt mit dem Fake-Skandal zusammen, sagt Scharij im Interview mit dem russischen Internet-Portal Lenta.ru. Der Blogger: „Ich kenne die Überreiztheit von Poroschenko und kann mir vorstellen, was es für einen Skandal in seiner Administration gab und wie er Stez zusammengestaucht hat.“ Was der 5. Kanal betreibe sei kein Journalismus, sondern „Lüge und Propaganda“.

Merkwürdiger Gast in der „Enthüllungssendung"

Der Journalist Roman Butkewitsch war Gast in der Sendung des 5. Kanals in der Scharij „überführt“ wurde. Schon häufig ist er durch extreme Äußerungen aufgefallen. Am 10. Mai hatte Butkewitsch im Kiewer Fernsehkanal Espresso.tv erklärt, man müsse die Demonstranten, die in Kiew am 9. Mai zum Gedenken an den Sieg über den deutschen Faschismus demonstrieren, „erschießen“. 

Im April 2014 hatte Butkewitsch in einem Interview für den Internet-Fernsehkanal hromadske.tv gesagt, der Donbass sei eine „depressive Region“. Man müsse sie „als Ressource“ nutzen, aber es gäbe dort „eineinhalb Millionen überflüssige Menschen“. Die müsse man „umbringen.“ Der Interview-Ausschnitt wurde am 29. Mai vom 5. Kanal – offenbar zur allgemeinen Aufheiterung - noch einmal vorgeführt. Dabei schmunzelt Butkewitsch genüsslich. Von Scham keine Spur. Im Gegenteil, er ist mit sich selbst zufrieden.