Auf den Spuren des Manchester-Bombers: Salman Abedi und die Verbindungen zum britischen Geheimdienst

Auf den Spuren des Manchester-Bombers: Salman Abedi und die Verbindungen zum britischen Geheimdienst
Salman Abedi, der Attentäter von Manchester, in einer Aufnahme einer Überwachungskamera, 27. Mai 2017.
Großbritannien kämpft mit der Geschichte des islamistischen Terrors. Während die Medien langsam die Verbindungen der eigenen Geheimdienste zu den islamistischen Kämpfern gegen Gaddafi entdecken, bleibt es in der Politik bis auf weiteres ein Tabu, die Verantwortung der eigenen Außenpolitik zu benennen.

von Malte Daniljuk

Großbritannien streitet über die seine Außenpolitik und die Verantwortung für den Terror. Nachdem Oppositionsführer Jeremy Corbyn am Samstag darauf hinwies, dass die verfehlte Außenpolitik der Vorgängerregierungen eine Mitschuld am Terroranschlag trägt, greifen ihn Vertreter der Konservativen und die viel zitierten Terror-Experten öffentlich an. Der Labour-Führer hatte vorsichtig angedeutet, dass die britische Außenpolitik möglicherweise „nicht dazu beigetragen“ hatte, die Ursachen für Terroranschläge zu reduzieren:

Ramadan Abedi, der Vater von Salman Abedi, dem Selbstmordbomber, der 22 Konzert-Besucher in Manchester tötete, bei einem Reuters-Interview in Tripoli, Libyen, 24. Mai 2017.

„Diese Ursachen können sicherlich nicht auf außenpolitische Entscheidungen allein reduziert werden. Aber die Verantwortung der Regierung ist es, dass unsere Außenpolitik eher die Bedrohung für dieses Land verringert, und dass wir zu Hause die von uns gewonnenen Freiheiten niemals aufgeben, welche die Terroristen uns so entschlossen wegnehmen wollen.“

In der britischen Presse erscheinen seit dem Anschlag auf die jugendlichen Konzertbesucher in Manchester jeden Tag neue Hinweise, dass die Dschihadisten, in deren Umfeld sich Salman Abedi bewegte, ein hausgemachtes Problem sind. Der 22-Jährige wurde entscheidend von den Menschen beeinflusst, welche die Libysche Islamische Kampfgruppe (LIFG) gegründet hatten.

Die Suche nach einer Antwort führt die Briten in das Labyrinth der libyschen extremistischen Politik vor über 20 Jahren. Sie entdecken nun eine Linie ihrer Außenpolitik, die sich von Afghanistan in den 1980er Jahren, über Gaddafis Libyen bis zur „zweiten Hauptstadt“ des nordafrikanischen Landes führt: nach Manchester.

Möglicherweise beginnt die Vorgeschichte des Anschlags mit der Sanabel-Hilfsorganisation, die libysche Exilanten in Manchester gegründet hatten. Die Geschäfte und Liegenschaften, welche die vermeintliche Wohltätigkeitsorganisation einstmals gemietet hatte, sind seit langem geräumt. Der Stiftungsrat wurde aufgelöst und seine Bankkonten geschlossen. Wenn heute noch Akten über Sanabel zu finden sind, dann am ehesten beim britischen Geheimdienst oder in den Akten des US-Finanzministeriums.

Die hatten im Jahr 2006 nach langem internationalen Druck durch die damalige lybische Regierung die Sanabel-Vermögenswerte eingefroren. Plötzlich konnten die angelsächsichen Sicherheitsdienste nicht mehr übersehen, dass es sich um eine Al-Kaida-Filiale mitten in Großbritannien handelt. Die dazu gehörige Libysche Islamische Kampfgruppe (LIFG) hatte seit den 1980er Jahren mit Osama bin Laden in Afghanistan gekämpft.

Seinen Einfluss und seine Philosophie müssen die britischen Medien nun zumindest teilweise für die Gräueltaten des vergangenen Montag verantwortlich machen. In den frühen 1990er Jahren verlagerten die Libyer in Al-Kaida ihre Aktivitäten in ihr Heimatland, um zu versuchen, den Feind des Westens, Muammar Gaddafi, zu ermorden "und sein Regime durch einen soliden islamischen Staat zu ersetzen“, wie der Guardian das US-Finanzministerium zitiert.

Ein junges Mädchen nach dem Anschlag von Manchester mit einem T-Shirt der Sängerin Ariana Grande. Ein Angriff auf die westliche Kultur? Manchester, 23. May  2017.

Diese Kampagne wurde, und das ist inzwischen offizielle britische Geschichtsschreibung, von Auslandsgeheimdienst MI6 unterstützt. Nachdem die Guerilla- und Terroraktivitäten in Libyen scheiterten, hielten die islamistischen Gaddafi-Gegner in Großbritannien Exil. Viele gingen nach Birmingham und Manchester, wo bereits große arabischen Gemeinden existierten. 

Eine Wohlfahrtsorganisation für den Heiligen Krieg

Die Libyer verkehrten dort in der Didsbury-Moschee, die früher von den Moslembrüdern betrieben wurde, in der aber inzwischen ein aggressiver salafistischer Islam gepredigt wird. Das wichtigste Fundraising-Instrument der LIFG war in Großbritannien die Sanabel-Stiftung. Neben Gelder rekrutierte die Stiftung auch an Al-Kaida-Interessierte  und fungierte als Inkubator für Dschihad-Kämpfer.

Unter anderem spielte Basheer Abdel Rahman al-Faqih eine wichtige Rolle in der Stiftung, der laut Sicherheitsbehörden die Selbstmordattentate in Casablanca im Jahr 2003 organisiert haben soll, bei denen mehr als 40 Menschen getötet wurden. In Großbritannien verhafteten ihn die Sicherheitsdienst im Jahr 2007.

Ein weiteres wichtiges Mitglied war Abu Anas al-Libi, ein Afghanistan-Veteran, der die Sanabel-Hilfsorganisation leitete. Später setzten die USA wegen seiner Beteiligung an den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia mehr als 20 Millionen Pfund auf seinen Kopf aus. Bei diesen ersten großen Al-Kaida-Anschlägen wurden 224 Personen getötetet. 

Neben Abu Anas al-Libi gehörte ein dritter Mann zur Leitung der LIFG in Großbritannien, Abd al-Baset Azzouz. Der Guardian zititert Akten aus dem Finanzministerium, nach denen Baset Azzouz im Jahr 2011 von Al-Kaida-Führer Ayman al-Zawahiri geschickt wurde, um „dort eine Kampfkraft aufzubauen und etwa 200 Kämpfer zu mobilisieren“.

Diese drei Männer hingen zusammen mit einem weiteren LIFG-Mitglied, das aus Libyen nach Manchester geflohen war und die Didsbury-Moschee besuchte: Ramadan Abedi alias „Abu Ismail“, der Vater des Selbstmordattentäters Salman Abedi. Nicht wenige aus der arabischen Gemeinde in Manchester sehen einen direkten Zusammenhang zwischen seiner Radikalisierung und der Geschichte seines Vaters: 

„Wie ist er an diesen Punkt gekommen?“ fragt etwa Haras Rafiq, Leiter der muslimischen Anti-Extremismus-Gruppe Quilliam,  „Durch Osmose. Durch seinen Vater, durch dessen Verbindungen, durch die Moschee wurde er von der Salafisten-Ideologie und Theologie absorbiert.“

Die LIFG-Mitglieder behaupten bis heute, dass sie keine Extremisten seien. Sie würden nur darauf bestehen, dass in Libyen strenge islamische Gesetze geführt werden. Ramadan Abedi war einer der vielen, die mit diesen Ansichten nach Großbritannien kamen. Dieses militante islamistische Netzwerk wurde direkt vom britischen Auslandsgeheimdienst MI6 unterstützt, als sie in den 1990er Jahren Gaddafis Regierung attackierten, und auch im Jahr 2011, als es darum ging an der vermeintlichen Revolution teilzunehmen. 

Allerdings sind die Verbindungen der „Libyer“ zu Al-Kaida so organisch, dass sich zwischen der LIFG und Al-Kaida über die Jahrzehnte kaum unterscheiden lässt. Bereits im Jahr 1986 übernahmen Mitarbeiter von Usama Bin Laden das Al-Farisi-Trainingslager, in dem die libyschen Dschihadisten trainierten. Der bekannte marokkanische Al-Kaida-Aktivist L'Houssaine Kherchtou erklärte später gegenüber einem US-Gericht im Verfahren gegen Usama Bin Laden:

„Frage: Gab es andere Länder außer Algerien, die eine Gruppe bei Al-Kaida hatten?

Kherchtou: Wir haben die libysche Kampfgruppe...

Frage: Wussten Sie, wer die Vertreter der libyschen Kampfgruppe in Al-Qaida waren? Wer ist ihr Emir [Kommandeur]?

Kherchtou: Ja. Saif al Liby.

Frage: Kennen Sie irgendwelche anderen Mitglieder der Libyschen Kampfgruppe, die auch Al-Kaida gehörten?

Kherchtou: Ich erinnere mich an Abu Jaffar al Liby und Abu Anas al Liby und Hamzallah al Liby und Abu Abdel Qader al Liby. So erinnere ich mich jetzt

Frage: Sie haben heute Morgen erwähnt, dass es eine Person namens Hamzallah al Liby gab, die in Pakistan arbeitete, um Ihnen zu helfen, die Pässe und Reisedokumente zu bekommen. Ist das die gleiche Person, die Mitglied der Libyschen Kampfgruppe war?

Kherchtou: Ja.

Frage: Sie haben heute Morgen eine Person namens Hamas al Liby erwähnt. Ist das die gleiche Person, die Mitglied der Libyschen Kampfgruppe war?

Kherchtou: Ja.

Die Dschiadisten in Manchester: Von der ersten zur zweiten Generation 

Ist die Annahme irgendwie realistisch, dass der britische Geheimdienst nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte? Was der MI6 mit den libyschen Exilanten unternahm, ist mittlerweile gut dokumentiert. Als die LIFG einen Versuch unternahm, Muammar al Gaddafi im Februar 1996 zu ermorden, finanzierten die britischen Geheimdienste das Projekt mit 160.000 Dollar, wie ein früher Whistleblower, der Ex-M15-Offizier David Shayler, bekannt machte. 

Großbritannien erlaubte es der LIFG, in dem Land eine Basis zur logistischen Unterstützung und für das Fundraising aufzubauen. Gleichzeitig unterstützte Bin Laden die LIFG, indem das saudische Terror-Mastermind der LIFG bis zu 50.000 Dollar für jeden ihrer Militanten zahlte, die auf dem Schlachtfeld getötet wurden. Die überlebenden Mitglieder nahm erhielten in Großbritannien Asyl.

Ein Libyer aus Manchester, der die britischen Exilanten seit Jahren kennt, beschreibt aktuell gegenüber dem Guardian, dass sich diese ihre Ideologie über die Jahrzehnte kaum verändert haben:

„Sie vertreten eine sehr islamistische Sicht auf das, was in ihrem Land passieren sollte“, sagte der Mann. „Sie waren glücklich, Waffen zu tragen, dass sie in Milizen waren, dass sie die Ministerien kontrollierten. Sie müssen die Frage stellen: Was haben sie aus ihrer britischen Erfahrung gelernt? Haben sie etwas über die Zivilgesellschaft gelernt, wie eine Demokratie funktioniert und welche Rolle der Bürger spielt?“

Obwohl die LIFG im Jahr 2007 offiziell ihre Vereinigung mit Al-Kaida bekannt gab, waren deren Aktivisten sofort wieder im britischen Boot, als es darum ging, im Jahr 2011 Gaddafi zu stürzen. Die Mehrheit der ausländischen Kämpfer, die über die libysche Islamisten-Hochburg Derna ins Land gelangten, stammten angeblich aus Manchester, unter ihnen auch „Abu Ismail“, Ramadan Abedi. Nachdem sein Vater nach Libyen zurückgekehrt war, pendelte Abedi angeblich zwischen Manchester und Tripolis hin und her.

Angeblich wurde der spätere Attentäter bereits im Jahr 2014 in Ajdabiya in Ost-Libyen verletzt, als er dort für eine islamistische Gruppe kämpfte. In Manchester hingegen war er als ein zorniger junger Mann bekannt, der dem Alkohol und den Drogen nicht abgeneigt war, Manchester United unterstützte, und aggressiv auf westliche Sexualnormen reagierte. Außerdem war er Teil der Gang-Subkultur.

Beunruhigt durch das unberechenbare Verhalten seines Sohnes, hat Ramadan Abedi ihn in diesem Jahr angeblich nach Libyen gerufen und dort seinen Pass beschlagnahmt. Ob es eine Opposition gegen seinen Vater war, oder er sich eher in den Tradition wähnte, als er sich ISIS anschloss, kann von außen schwer abgeschätzt werden.

Im Gegensatz zu Al-Kaida oder der LIFG, die ihre Aktionen lange und sorgfältig planen, bietet ISIS den jüngeren Dschihadisten eine unmittelbare Antwort. Dass die Söhne der exilierten LIFG-Mitglieder jedenfalls Kontakte in die verschiedenen Fraktionen der Dschiahisten-Szene haben, ist kaum überraschend. Überraschend ist nur, dass die britischen Geheimdienste von den Abwegen ihrer ehemaligen Schützlinge nichts mitbekommen, bis sie mit einer Selbstmordweste auf einem Konzert in Manchster stehen.

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