Kein Ruhm den Helden: Taxifahrer in der Ukraine angeschossen, weil er Nationalistengruß verweigerte

Der angeschossene Fahrer
Der angeschossene Taxifahrer in der ostukrainsichen Stadt Kamenki wird von den Rettungskräften weggetragen.
Ein Wortgefecht, das blutig endete: In der ukrainischen Stadt Kameski schossen drei Taxi-Insassen den Fahrer an, als dieser sich weigerte, einen nationalistischen Gruß zu erwidern. Der mutmaßliche Schütze gehört der Partei des Rechtsextremisten Jarosch an und agiert als dessen Leibwächter.

Der Vorfall vom Sonntag spielte sich am hellichten Tag in der Nähe des Hauses Nr. 47 an der Medizinskaja Straße in der ostukrainischen Kleinstadt Kamenski ab. Die Weigerung des Taxifahrers, auf den Gruß der Nationalisten - "Ruhm der Ukraine" - angemessen zu antworten, rief eine drastische Reaktion dreier Insassen hervor. Da der Fahrer den Gruß nicht erwiderte, wollten sie ihn mithilfe der Waffe davon überzeugen.

Das ukrainische Portal sobytia.com.ua (Ereignisse) berichtete über den Sachverhalt. Augenzeugenberichten zufolge spielte sich der Vorfall vor Wagen ab. Zwei Insassen schlugen von hinten auf den Fahrer ein, als dieser sich umdrehte, um das Geld für die Rückgabe zu zählen. Den beiden eilte noch ein weiterer Beteiligter zur Hilfe.

Die Kriegsteilnehmerinnen und Zwillingsschwestern Maria und Galina mit dem Porträt des Marschalls Georgi Schukow beim Marsch des Unsterblichen Regiments in Kiew am 9. Mai 2017. Georgi Schukow unterschrieb in der Nacht zum 9. Mai 1945 in Berlin-Karlhorst den Akt der Kapitulation.

Die Männer rasteten aus, nachdem der Fahrer auf die von nationalistischen Ukrainern verwendete Grußformel "Ruhm der Ukraine" nicht wie erwartet mit "Den Helden Ruhm" geantwortet hatte, sondern stumm blieb.

Die Parole geht auf die Organisation der ukrainischen Nationalisten zurück und wird seit dem Zweiten Weltkrieg mit Bandera-Anhängern und sonstigen paramilitärischen Truppen assoziiert, die in der Ukraine mit den Nazi-Besatzern zusammenarbeiteten. 

Weiterer Taxifahrer durch Geschoss verletzt

Während des ungleichen Streits begannen die Angreifer auch, den Wagen zu demolieren. Anschließend schoss einer von ihnen dem Taxifahrer mit einer Gummigeschosswaffe aus nächster Nähe auf die Beine. Als die anderen Taxifahrer ihrem Kollegen zur Hilfe eilten, schoss der Bewaffnete auch auf diese und verletzte eine weitere Person.

Im Moment befinden sich die Verwundeten im Krankenhaus, die Polizei konnte zwei Beteiligte fassen, der dritte konnte flüchten. Augenzeugen erzählen, dass die angreifenden Männer sich aggressiv verhielten und außer der Pistole noch über einen ausziehbaren Schlagstock besaßen. Sie haben eine Wohnung im ersten Stock des Hauses gemietet, zu dem sie das Taxi brachte.

Der verwundete Taxifahrer sagt aus, nur eine der beteiligten Personen habe auf ihn eingeprügelt und ihn angeschossen. Der Verdächtige ist gefasst und konnte identifiziert werden. Ersten Berichten zufolge ist er Mitglied der paramilitärischen Vereinigung Rechter Sektor in Kamenski. Dies dementierte Askold Mozhejko, der Pressesprecher der Organisation, die in Russland als terroristische Vereinigung eingestuft ist.

Das Ausweisdokument von Roman Malisewitsch, aus dem hervorgeht, dass er Leibwächter des Rada-Abgeordneten Dmytro Jarosch ist.
Der gefasste Roman Malisewitsch.

Laut Mozhejko ist Roman Malisewitsch kein Mitglied des Rechten Sektors, sondern der Partei "Die staatliche Initiative" von Dmytro Jarosch. Dieser war der Gründer des Rechten Sektors, in den Ereignissen auf dem Maidan 2013 und 2014 war er eine der Schlüsselfiguren. Später verließ er seine Vereinigung und gründete eine eigene Partei. Der studierte Philologe gilt trotzdem als Vorzeige-Nationalist und macht als Medienpersönlichkeit von sich reden. Dmitro Jarosch ist auch Abgeordneter des ukrainischen Parlaments.

"Schusswaffengebrauch in alkoholisiertem Zustand ist Nationalisten nicht gestattet"

Der gefasste Malischewitsch war der Leibwächter von Jarosch, gibt Mozhejko weiter in seinem Facebook-Eintrag zu.

Wir wissen nichts über die Gründe des Vorfalls und die ganzen Umstände, die zum Konflikt geführt haben. Wir wollen deshalb keine übereilten Urteile fällen. Man kann aber mit Sicherheit sagen: Das Genuss von Alkohol für einen Nationalisten, und - was noch schlimmer ist - die Anwendung einer Waffe im angetrunkenen Zustand, sind bei uns strengstens verboten. Wir sind der Meinung, dass Jarosch und die Parteiführung den Fall klären müssen", schrieb Mozhejko.

Er rief die Polizei zu einer unabhängigen Ermittlung auf, ohne dass "die eine oder andere Konfliktpartei" Druck auf Ermittler ausüben könne. Zu dieser Sorge hat der nationalistische Funktionär mittlerweile einen Grund mehr: Die Nationalisten können sich nicht mehr hundertprozentig auf die Unterstützung vonseiten der offiziellen Sicherheitskräfte verlassen.

In der Großstadt Dnepr (vormals Dnepropetrowsk), in deren Landkreis sich der Vorfall ereignete, und in anderen Städten im ukrainischen Südosten wie Charkow, Nikolajew, Saporoschje, Odessa sowie in Kiew gab es am 9. Mai mehrere Zusammenstöße zwischen neonazistischen Aktivisten und den Teilnehmern des Volksmarsches "Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen".

Ein Scharfschütze der ukrainischen Nationalgarde im Ausbildungszentrum, 18. März 2016.

An diesem Tag gingen im ganzen Land bis zu 600.000 Menschen auf die Straße und bekundeten auf diese Weise, dass sie mit einer Umschreibung der Geschichte zugunsten von Nazi-Kollaborateuren nicht einverstanden sind. Eine solche würde die ukrainische Regierung im Verbund mit Ultranationalisten seit dem Putsch auf dem Maidan betreiben.

Übergriffe auf Gedenkmärsche und Gegenwehr durch Afghanistan-Veteranen

Die Aktivisten nationalistischer Parteien und Vereinigungen handelten an jenem Tag bei allen ihren Aktionen nach dem gleichen Szenario: Sie griffen die Träger der roten Sieges-Flaggen an oder rissen den Menschen ihre Sankt-Georgs-Bänder von der Brust.  

Als die Polizei sich in Dnepr auf die Seite der friedlichen Demonstranten schlug, kam es zu Zusammenstößen. In weiterer Folge schlugen auch Veteranen des Afganistankrieges auf die Aktivisten ein. Am Tag darauf entließ Innenminister Arsen Awakow die gesamte Polizeiführung in Dnepr. Bürgermeister Borys Filatow stoppte die Finanzierung der Veteranvereine in der Stadt und ließ diese fortan den Veteranen der so genannten "Antiterror-Operation" zu – den Kriegsheimkehrern aus dem Donbass-Krieg.

Die Veteranen, von denen nun keiner mehr jünger als 90 Jahre alt ist, mussten zudem ihre angemieteten Räume sofort verlassen. Nationalisten griffen zudem die Büros der Partei "Oppositionsblock" und des Vereins der Veteranen des Afghanistankrieges an und demolierten diese.

Es ist vor dem Hintergrund der jüngsten Vorfälle mit einer weiteren Zunahme der Spannungen im ganzen Land zu rechnen. Der Bürgermeister von Dnepr drohte in einem viel zitierten Eintrag mit einer Machtergreifung durch eine Junta und mit der Bildung von Freikorps nach dem bekannten Vorbild der 1920er Jahre, um für, wie er es nennt, "Ordnung" zu sorgen.