Russland zum Macron-Sieg: Viel Skepsis, trotzdem Hoffnung

Russland zum Macron-Sieg: Viel Skepsis, trotzdem Hoffnung
Der für seine westskeptischen Positionen bekannte Außenpolitiker Alexej Puschkow.
Wie erwartet gibt sich der Kreml betont diplomatisch angesichts des Wahlsieges von Emmanuel Macron. Im Parlament lässt sich hingegen deutliche Skepsis erkennen. Aber auch dort hofft man auf eine langsame Erwärmung in den Beziehungen zwischen Paris und Moskau.

Erst um 10 Uhr 40 erschien auf der Kreml-Homepage die Gratulation vonseiten des russischen Präsidenten Wladimir Putin an den neu gewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Das russische Staatsoberhaupt bestätigte gegenüber seinem künftigen Kollegen, dass er bereit sei, mit diesem konstruktiv auf bilateraler, regionaler und globaler Ebene zusammenzuarbeiten. Der russische Präsident äußerte Gewissheit,

dass dies den grundlegenden Interessen der Völker Frankreichs und Russlands entspricht", heißt es weiter in der Meldung.

Die verzögerte Äußerung ließ erkennen, dass die wohlmeinende Diplomatie, die in der Gratulation zum Ausdruck kam, nicht über die Distanz zu Macron hinwegtäuschen soll. Die westlichen Staats- und Regierungschefs hatten zum Zeitpunkt der Meldung aus dem Kreml Emmanuel Macron schon längst gratuliert. Einige, wie die deutsche Bundeskanzlerin, sogar schon gestern, am Tag der Wahl.

Der neue französische Präsident Emmanuel Macron muss das Land einen und die großen wirtschaftlichen Probleme lösen. Und all das ohne eine überzeugende Mehrheit oder einer politischen Hausmacht.

Das ließ der russische Außenpolitiker und Fernsehautor Alexej Puschkow, der auch Mitglied des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im Föderationsrat ist, nicht unbemerkt. Er ist bekannt für seine sarkastischen Twitter-Bemerkungen, die er täglich fast im Stundentakt postet. Auch zum Sieg Macrons fiel ihm etwas ein.

Begeistert vom Macron-Sieg: Clinton, Obama, Merkel, Poroschenko, Johnson. Die Liste ließe sich weiterführen – und es ist alles klar. Sag' mir, wer dein Freund ist…

Auf die Rolle der Bundeskanzlerin ist Puschkow zudem auch noch in einem separaten Tweet eingegangen:

Die Wahlen in Frankreich hat auf jeden Fall eine Frau gewonnen. Diese Frau ist A. Merkel. Jetzt braucht sie nur noch die Wahlen in ihrem eigenen Land zu gewinnen.

Die Chancen, das gespaltene Land um seinen neuen Präsidenten zu vereinen, schätzte Puschkow skeptisch ein:

Die Wahlen in Frankreich haben keinen Sieger hervorgebracht, sondern nur denjenigen bestimmt, dem sich der größere Teil der Nation widersetzt, weil er mit der dessen Wahl nicht einverstanden ist. Eine schwere Bürde.

Mit diesen Tweets machte Alexej Puschkow auch die französische Presse auf sich aufmerksam. Die französische Zeitung Le Monde hielt seine Meinungen für die Stimme Russlands schlechthin, zumal Puschkow neben seinen Ämtern auch Autor für die älteste politischen Wochenschau der Russischen Föderation ist.

Kandidat der Eliten

Die russischen Medien seien voreingenommen und hielten Macron für eine "Rothschild-Marionette", so Le Monde. Außerdem zeigten sie Interesse für die Proteste auf den Pariser Straßen direkt nach der Verkündung der Wahlergebnisse. Eine höfliche Gratulation aus dem Kreml sei durchaus zu erwarten, aber dieser würde es an Wärme mangeln, fasste die französische Zeitung zusammen.

Macron hält Siegesrede vorm Louvre.

Die Reaktionen der russischen Parlamentarier machten deutlich, warum die Russen am Sonntag, dem französischen Wahltag, keinen Anlass zum Jubel hatten.

Macron sei die Kreatur der französischen regierenden Eliten und "sehr aktiver Handlungen" ihrerseits. Er sei an der Stärkung der NATO und der EU und nicht an einem im tatsächlichen Sinne vereinten Europa interessiert, so die Meinung russischer Außenpolitiker im Parlament. Dementsprechend sehen in Russland nur Wenige Anzeichen dafür, dass die russisch-französischen Beziehungen in Zukunft verbessern können.

Bis jetzt gaben die Erklärungen Macrons diesbezüglich mehr Anlass zu Bedenken als zur Ermutigung", sagte Konstantin Kossatschow, der Vorsitzende des Außenausschusses im Föderationsrat.

Das war aber nur ein Teil der Medaille. Denn auch die Hoffnung, dass sich mit der Zeit das Blatt zum Besseren wenden könnte, war aus vielen der vielfältigen Stellungnahmen herauszuhören.

Beziehungen können nur besser werden

Ungeachtet des allgemeinen prowestlichen und Russland gegenüber verhaltenen Kurses, der vom neuen französischen Präsidenten zu erwarten ist, könnte dieser Politiker Russland auch für sich entdecken und auf gebührende Weise das Potenzial der russisch-französischen Zusammenarbeit einschätzen, meint der Vorsitzende des Komitees für internationale Angelegenheit der Staatsduma und der Koordinator der Abgeordnetengruppe für Kontakte mit dem Parlament der französischen Republik, Leonid Slutzki.

Slutzki: "Macron kann sich ändern". Marin Le Pen in Moskau in März 2017, der Außenpolitiker Leonid Slutzki (vorne im Bild).

Eine etwas sanftere Rhetorik als sein Chef pflegte auch der Stellvertreter Kossatschows, Andrej Klimow:

Russland ist bereit, die Beziehungen mit Frankreich zu normalisieren, und noch engere Beziehungen zu französischen Politik- und Businesskreisen zu pflegen. Und was die französische Gesellschaft im Ganzen betrifft, gibt es Hoffnung auf eine Verbesserung unserer Beziehungen in naher Zukunft.  

Damit deutete der Diplomat nicht nur an, dass 34 Prozent der Wähler für eine russlandfreundliche Kandidatin Marine Le Pen gestimmt haben. Trotz der Wahlniederlage sind die Partei Front National und dessen Chefin trotzdem im Aufwind, wenn man das Resultat mit den Ergebnissen der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen der letzten 15 Jahre vergleicht, schreibt der Analytiker für RIA Nowosti, Maksim Sokolow.

Auch andere Wähler, die ursprünglich für einen anderen Kandidaten gestimmt hatten und nur "aus einer Not heraus" Macron gewählt hätten, nur um Le Pen zu verhindern - und das sind immerhin fast zwei Drittel der Macron-Wähler -, müssten nicht unbedingt Russlandskeptiker sein.

Spuren einer Suche nach einem Dialog mit Russland sind sogar in der französischen Mainstreampresse zu finden. Dies meldete jedenfalls RIA Nowosti mit Verweis auf die französische Presse. Insgesamt machen die Reaktionen deutlich, dass Russland trotz allem mehr auf Dialog statt auf Konfrontation setzt.