Macron gegen Le Pen: Politik und Medien machen kein Geheimnis aus ihrem Favoriten

Macron gegen Le Pen: Politik und Medien machen kein Geheimnis aus ihrem Favoriten
Die französischen Präsidentschaftskandidaten Marine Le Pen (R) und Emmanuel Macron.
Die französischen Präsidentschaftswahlen bewegen Europas Presse. Eine Reportage jagt die andere, gefolgt von Kommentaren und Spekulationen. Die Rollen der Kontrahenten sind dabei ebenso klar verteilt wie die Präferenzen des politisch-medialen Establishments.

von Pierre Levy

Selbst Spitzenpolitiker beteiligen sich an Spekulationen über Inhalt und Ausgang der Wahlen, auch wenn sich öffentliche und vertrauliche Erklärungen in diesem Fall natürlich einer diplomatischeren Sprache bedienen. Damit nicht genug: Zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union hat der Präsident der Kommission offen eine Wahlempfehlung für diesen Sonntag abgegeben – es erübrigt sich, zu präzisieren, welche. Auch die Bundeskanzlerin, sonst meist eher vorsichtig, hat es sich nicht nehmen lassen.

Barack Obama präferiert Emmanuel Macron als französischen Präsidenten

Wenn man den vorherrschenden Medien folgt, gibt es zwei Ansätze der Wahl-Berichterstattung: Der erste versucht, die Motivationen der Wähler, das Programm der Kandidaten und den wirtschaftlichen und sozialen Kontext Frankreichs zu entschlüsseln. Der zweite will unbedingt die zu erwartenden Folgen des Wahlausgangs vorwegnehmen, nicht nur die institutionellen und direkten, sondern auch die Folgen, die im Hinblick auf Perspektiven und Kräfteverhältnisse insbesondere für die Europäische Union zu erwarten sind.

Das 20:01-Syndrom gebiert den Narrativ für die Folgejahre

Das ist die interessanteste Spur, denn man ahnt bereits, wie sich die ersten Ansprachen und "sprachlichen Elemente" abzeichnen, die sich am Sonntagabend um 20:01 Uhr zuerst über die französischen Fernsehzuschauer ergießen werden.

Was man als "Syndrom 20:01 Uhr" bezeichnen könnte – das, was in den ersten Augenblicken nach Schließen der Wahlurnen auf den großen Kanälen ausgestrahlt wird – wird von fundamentaler Wichtigkeit sein, weil es für Wochen und Monate die Darstellung des ideologischen und politischen Zustands Frankreichs strukturiert, vielleicht sogar für Jahre.

Natürlich zählt die Realität der Ereignisse in naher Zukunft: Regierungsbildung, Ergebnisse der Parlamentswahlen, mögliche soziale Bewegungen; aber die Darstellung dieser Realität zählt noch viel mehr, egal wie sehr diese Darstellung auch auf Illusionen, verbreitetem Glauben und hypothetischen Versprechen beruht.

Man könnte es wie folgt zusammenfassen: Wenn Marine Le Pen weniger als jene 40 Prozent der Stimmen erhält, die ihr in den Meinungsumfragen ungefähr zugesprochen werden, wird das übergeordnete Thema für die europäische und zunächst die französische Politik- und Medienkaste folgendes sein: "Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen!", ganz wie man es von den Anhängern in großen Fußballstadien kennt.

Mit vereinten Kräften gegen den Strohmann

Denn – darauf können wir in diesem Fall wetten – man wird uns erklären, dass die Franzosen letztendlich doch "den Weg der Vernunft gewählt" und "die Republik vor der populistischen Gefahr gerettet" haben (Nebenform: "faschistischen"); dass "das offene Frankreich" (Nebenform: "globalisierungsfreundlich") letztendlich die Oberhand über ein Frankreich "des Rückzugs" (Nebenform: "des Menschenhasses") gewonnen hat; und dass diese wiedergefundene Weisheit Tür und Tor für eine Wiederaufnahme des europäischen Integrationsprozesses öffnet - nebenbei Macrons Lieblingsthema.

Sollte die Gegnerin Emmanuel Macrons jedoch ein Wahlergebnis von über 40 Prozent einfahren, dann werden die Mienen der Kommentatoren, Politiker und Journalisten plötzlich länger werden. Die Angst, die sich seit dem Brexit in Brüssel und den europäischen Hauptstädten unaufhörlich tiefer in die Gemüter frisst, wird sich indes um ein Vielfaches verstärken. Unter diesen Bedingungen wird es schwieriger sein, das "schöne europäische Abenteuer" wieder anzugehen.

Man muss sich einmal klarmachen, wie paradox die Situation ist: Natürlich ist zu bezweifeln, dass die vom Front National unterstützte Kandidatin die Mittel oder auch nur den Willen hätte, sich der EU radikal entgegenzustellen, geschweige denn, aus dieser auszutreten. Doch dieser Hut ist ihr von ihren Gegnern so oft aufgesetzt worden, dass die Darstellung des Ergebnisses auf dieser Annahme aufbauen wird, die wahrscheinlich nur ein Trugschluss ist.

Triumph der "Haltung"

Diese Feststellung mag frustrierend und ungerecht erscheinen, weil sie die spontane Rationalität so schockiert. Aber es gibt ein Sprichwort, das besagt: "Die Auswirkungen eines Trugschlusses sind niemals trügerisch."

Le Monde scheint dieses Spiel verinnerlicht zu haben. Nach der Debatte vom 3. Mai brachte die französische Tageszeitung auf der ersten Seite den Titel "Marine Le Pen: die Strategie der Lüge" in Übergröße heraus. Es sagt viel aus, wenn die Referenzzeitung der herrschenden Eliten ihre legendäre journalistische Zurückhaltung gegen einen Kampfanzug eintauscht. Möge jeder ihren impliziten, aber dringenden Aufruf, die "richtige Wahl" zu treffen, auf eigene Weise interpretieren.