Ryschkow über Tschernobyl: "Wir wären Idioten gewesen, hätten wir extra noch Panik verbreitet"

Ryschkow über Tschernobyl: "Wir wären Idioten gewesen, hätten wir extra noch Panik verbreitet"
Pripjat bereitete sich auf das Volksfest zum 1. Mai vor, als die Explosion im Reaktor die Stadt dauerhaft aus ihrem Alltag riss.
Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl warfen westliche Politiker den Medien der Sowjetunion vor, ihre Bevölkerung im Unklaren zu lassen. Der damalige Regierungschef Nikolai Ryschkow ist nun in einem Interview lang gepflegten Mythen entgegengetreten.

Der Name Tschernobyl wurde durch den Super-GAU international bekannt. Am 26. April 1986 kam es dort zum größten Unfall mit Kernenergie auf europäischem Boden. Erzählungen und Erlebnisberichte füllen heute noch Nostalgiebücher und Internetforen über die 1980er Jahre.

Erst eine Woche nach dem Reaktorunglück hatten sich in den westlichen Medien die Informationen über Austritt von Radioaktivität nach einer Havarie in einem sowjetischen Atomkraftwerk verdichtet.

Der Rest ist Gegenwartsgeschichte: In den Abendnachrichten erklärten Experten fortan täglich, wo sich gerade die radioaktive Wolke über Europa befinden würde. Spaziergänger nahmen verstärkte Taubildung auf den Wiesen wahr. Im Sommer soll es mehr Glühwürmchen als sonst gegeben haben. Zeitungen warnten zur Vorsicht beim Genuss von Pilzen und Milch. Kleinkinder sollten über mehrere Wochen hinweg nicht in den Sandkästen spielen. An den Schulen verordneten grün gesinnte Lehrer den Schülern die Lektüre der zweifelhaften "The Day After"-Variation über die "Letzten Kinder von Schewenborn".

Nikolai Ryschkow, ehemaliger Regierungschef der Sowjetunion. Bild: Maksim Blinov/RIA Nowosti

Die Springer-Presse hingegen entfachte eine weitere Empörungsorgie gegen die Sowjetunion. Der Vorfall in Tschernobyl zeige, dass die "veralteten" Reaktoren in Osteuropa jenen im Westen technologisch hoffnungslos unterlegen seien. Zudem habe die UdSSR ihre eigenen Bürger sowie den Rest der Welt über den Unfall und das Risiko, das von der ausgetretenen Radioaktivität ausging, tagelang bewusst im Unklaren gelassen.

Mehr Störfälle in westlichen AKWs

Die Grünen sahen das Unglück von Tschernobyl als Beweis für die Richtigkeit ihrer Forderung nach einem vollständigen Aus für die Atomkraft und konnten im Mai 1986 ihre Umfragewerte verdoppeln. Das bürgerliche Deutschland hingegen pflegte den Narrativ, dass nur die "sowjetische Diktatur" Sicherheitsstandards vernachlässige und die Bevölkerung in die Irre führe.

Tatsächlich kam es zwischen 1940 und 1989 in Kernkraftwerken westlicher Staaten zahlenmäßig sogar zu mehr Unfällen der Stufe 4 oder höher auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) als in der Sowjetunion oder anderen Ostblockstaaten. Zu den bekanntesten Havarien gehören die Atomunfälle im britischen Sellafield (1957) und im US-amerikanischen Three Mile Island (1979).

Nikolai Ryschkow gehört zu den Zeitzeugen. Als Regierungschef der Sowjetunion musste er damals Entscheidungen treffen. In einem Gespräch mit dem Portal Russia Beyond The Headlines (RBTH) weist er Anschuldigungen zurück.

Verschleierungen nach dem Reaktorunglück müsse er sich nicht vorwerfen lassen. Ryschkow beteuert, er habe sofort alles unternommen, um schnell adäquate Veranlassungen treffen zu können.

"Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag", sagt Ryschkow. "Es war ein Samstag, und ich war auf dem Weg zur Arbeit. Mich rief der Energieminister Anatolij Majorez über die Regierungsleitung an und sagte, dass es im Kraftwerk Tschernobyl zu einer Katastrophe gekommen sei, Einzelheiten wisse er nicht."

Ryschkow erteilte daraufhin den Auftrag, die Hintergründe zu erkunden. Die Explosion eines Reaktors wäre mit das Letzte gewesen, womit der Regierungschef gerechnet hätte.

Es kam mir nicht in den Sinn, dass der Reaktor explodiert sein könnte. Unfälle kommen in Kraftwerken vor: Generatoren oder Turbinen können ausfallen. Aber so etwas hatte ich nicht erwartet. Als mir dann gemeldet wurde, dass es den Kraftwerksblock getroffen hatte, war mir klar: Die Lage war sehr ernst. Ich leitete unverzüglich Maßnahmen ein.

Evakuierung der Bevölkerung in weniger als 24 Stunden 

Wenige Stunden später hatte Ryschkow eine Kommission aus hohen Ministerialbeamten und Wissenschaftlern zusammenberufen. Sein Stellvertreter, Boris Stscherbina, der mittlerweile verstorben ist, übernahm die Leitung. Bis 15 Uhr waren alle versammelt und begaben sich stante pede an den Unglücksort. Bereits am Abend übermittelten sie dem Regierungschef ihren Lagebericht.

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Als Sofortmaßnahme ordnete Ryschkow an, die Stadt Pripjat mit ihren 50.000 Einwohnern, und nur drei Kilometer vom Reaktor entfernt, unverzüglich zu evakuieren. 

Die ganze Nacht liefen die Vorbereitungen, gegen 15 Uhr am Sonntag, dem 27. April, wurde mir berichtet, dass keine Menschen mehr in Prypjat seien und nur noch Hunde herumliefen.

Pripjat galt mit ihrer ausgebauten Infrastruktur als sowjetische Musterstadt. Die meisten Einwohner waren im Atomkomplex beschäftigt. Damals liefen die Vorbereitungen für das Volksfest am 1. Mai. Zudem war es die Hochsaison für Hochzeiten und ähnliche Familienfeste. Nur wenige Menschen nahmen wahr, was sich zugetragen hatte. Viele unterschätzten das Risiko.

Nicht alle haben verstanden, was Radioaktivität ist", erklärt Ryschkow. "Ja, die Leute, die in Pripjat lebten und von denen die meisten im Atomkraftwerk arbeiteten, die wussten, was das ist. Ich flog am 2. Mai nach Kiew und fuhr dann von dort mit dem Auto weiter, wir legten Stopps in den Siedlungen unweit der Zone ein. Eine alte Frau trat an mich heran und wollte wissen, was los sei. Ich sagte ihr: 'Schmutz, Radioaktivität. Man muss sich schützen.' Und sie entgegnete: 'Was denn für Schmutz? Die Kartoffeln sind doch ganz sauber.' Solche Vorstellungen hatten die Menschen – sie begriffen nicht, dass der Tod in der Luft lag."

Die erste offizielle Meldung in den sowjetischen Medien über die Katastrophe datiert vom 28. April. Im Westen machten zu diesem Zeitpunkt bereits erste Nachrichten über die Möglichkeit eines Unglücks in einem sowjetischen Atomkraftwerk die Runde. Messstellen in Schweden hatten bereits signifikant erhöhte Strahlenwerte festgestellt. Die westlichen Medien erklärten, dass die sowjetischen Stellen nicht über die Lage informieren würden.

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Tatsächlich wurde über das Unglück in den sowjetischen Nachrichten verspätet und als untergeordnete Nachricht berichtet. Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow wandte sich erst einige Wochen nach der Katastrophe in einer Ansprache an die Bevölkerung.

Tausende Freiwillige wollten helfen

Ryschkow weist jedoch alle Behauptungen von sich, man habe die Bevölkerung bewusst im Unklaren gelassen oder in falscher Sicherheit gewiegt.

Niemand hat die Nachricht drei Tage vor der Bevölkerung verheimlicht", erklärt der frühere Regierungschef gegenüber RBTH. "Ja, die Worte waren für die Öffentlichkeit sehr vorsichtig formuliert. Aber hätten wir dem ganzen Land sagen sollen: 'Leute, bringt euch in Sicherheit!'? Sind wir denn wirklich solche Idioten, extra Panik zu verbreiten, sodass Hunderttausende irgendwohin fliehen, auch dorthin, wo die Radioaktivität am größten ist? Solche Dummköpfe waren wir nicht. Die Menschen mussten evakuiert werden und das organisiert."

Eine Woche nach dem Unglück definierten die Behörden die Gefahrenzone. Sie siedelten alle Bewohner in einem Umkreis von 30 Kilometern um den Unglücksreaktor um. Insgesamt waren es 400.000 Menschen, die im Frühjahr und Sommer 1986 entweder in der Sperrzone oder in den sogenannten Gebieten mit verschärfter Strahlenkontrolle lebten. Diese befanden sich in der Ukraine, in Weißrussland und vier Dörfern Russlands. Die Betroffenen wurden in mehreren Etappen an andere Orte transferiert, 116.000 Personen bereits in den Wochen nach der Katastrophe, der Rest im Laufe der Folgejahre.

Helfer nach der Katastrophe von Tschernobyl. Bild: Igor Kostin/RIA Nowosti

Ein weit verbreiteter westlicher Mythos ist bis heute, dass die sowjetischen Behörden Rettungsmannschaften sehenden Auges in den Strahlentod geschickt hätten.

Ryschkow erinnert sich. Nicht alle Einsatzkräfte hätten über moderne Strahlenschutz-Vorrichtungen verfügt, auch der Hubschrauber nicht, mit dem die Abgesandten der Regierung an den Unglücksort geflogen sind. Der Boden des Hubschrauber sei mit Stahlplatten ausgelegt worden, weil Blei die Radioaktivität nicht durchlässt. Man habe weiße Overalls und Kappen getragen. In der Tasche führte man einen Geigerzähler mit sich.

Aber was sollten wir anderes tun? Uns war klar, dass wir eine Strahlendosis abbekommen würden, aber niemanden kam es in den Sinn, abzuhauen. Ich war zwei Stunden vor Ort und flog dann wieder fort. Meine Stellvertreter haben mehrere Monate lang der Reihe nach dort gearbeitet. Alle zwei Wochen haben wir sie ausgewechselt. Als wir begannen, sie abzulösen, fluchten sie. Aber wir haben kompromisslos unsere Linie durchgezogen. Wenn es der Arzt empfahl, wurden sie sofort zurückbeordert.

Im ersten Jahr hatten 350.000 Menschen bei der Beseitigung der Folgen geholfen. Es habe Tausende weiterer Anträge von Freiwilligen gegeben. "Die Leute wussten, dass eine Katastrophe passiert war, und wollten helfen", so Ryschkow.

Auf Anraten der Wissenschaftler habe man den Reaktorkrater mit Sand und Blei zugeschüttet. Blei sei aus dem ganzen Land über Sondertransporte herangeschafft worden.

Der Forschungsreaktor Halden in Norwegen hätte im Oktober 2016 beinahe eine Katastrophe verursacht. Gesamtansicht des Forschungsreaktors; Oktober 2016.

Pripjat wurde zum Mythos der Popkultur

Heute, mehr als 30 Jahre nach den Ereignissen, ist Pripjat eine Geisterstadt. Sie wird auf Jahrhunderte kontaminiert und damit dauerhaft unbewohnbar bleiben. Allerdings zieht es seit einigen Jahren vermehrt Katastrophentouristen für Tagesausflüge in die Region, und auch in der Populärkultur kommt die Stadt mit ihrer tragische Geschichte zu Ehren.

Mit den 2012 erschienen "Chernobyl Diaries" inspirierte das verlassene Pripjat sogar Hollywood zu einer Horrorfilm-Produktion im Blair-Witch-Stil.

Am Ende ist aus dem Unglück, das im Westen einst monatelang mehr an Panik und politischer Instrumentalisierung hervorgebracht hatte als am Ort des Geschehens selbst, ein Element aus Nostalgie, Kunst und Abenteuerlust geworden. Der damals kultivierte Mythos vom verschlagenen Russen, der mit seinen Atomlaunen den Rest der Welt verstrahlt und das auch noch geheim hält, scheint unterdessen bei Bedarf noch ab und zu aus dem Sarkophag von Tschernobyl zu kriechen.