Entsetzen bei jüdischer Bevölkerung in der Ukraine: Premiere von „Holocaust Cabaret“ in Kiew

Entsetzen bei jüdischer Bevölkerung in der Ukraine: Premiere von „Holocaust Cabaret“ in Kiew
Mitten in Kiew: Das Theater kündigt ein Holocaust-Kabarett an, im Hintergrund die die Synagoge.
Ein Theater in Kiew provoziert am Gedenktag des Warschauer Aufstandes mit einem „Holocaust Cabaret“. Zunehmende Armut in der Ukraine nützt den Ultranationalisten mit ihren Bandera-Fackelmärschen und Friedhofsschändungen. Die jüdische Bevölkerung in Kiew zeigt sich entsetzt.

von Ulrich Heyden

"Holocaust Cabarat" stand in großen Lettern an der Fassade des Theaters Bel´etage im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt gegenüber der Synagoge. Mit dem Schriftzug bewarb das Theater ein Gastspiel der Schauspieltruppe „Misanthrop“. Es wurde von dem kanadisch-jüdischen Bühnenautor Jonathan Garfinkel geschrieben. Die Premiere ist für diesen Freitag geplant.

Veteranen der profaschistischen ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) im Gespräch unter einem Portrait des UPA-Führers und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera,

Das Sсhauspiel handelt von dem Ukrainer John Demjanjuk, der während der Nazi-Zeit in Sobibor und anderen Konzentrationslagern als Wachmann gearbeitet hat. Demjanjuk wurde 2011 vom Landgericht München wegen Beihilfe zum Mord an 28.600 Menschen verurteilt. 

Der Oberste Rabbi der Ukraine, Mosche Asman, postete ein Foto der Ankündigung: „Das ist schrecklich, und das in einer Stadt, wo es Babi Jar gab.“ Die jüdische Gemeinde werde alles tun, damit der Schriftzug „sofort verschwindet.“ 

Stunden später wurde der Schriftzug entfernt. Der Rabbi bedankte sich auf Facebook bei „den Menschen, die nicht gleichgültig sind“ und „staatlichen Stellen“ für die schnelle Reaktion.  

Vermutlich hatte es das Theater - in der Hoffnung auf hohe Besucherzahlen - bewusst auf eine Provokation angelegt. Denn die Außenwerbung für das umstrittene Stück wurde ausgerechnet am 24. April, wenn Juden weltweit dem Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 gedenken, an der Fassade angebracht. 

Theaterorganisator: „Schuld von Demjanjuk wurde nicht nachgewiesen“

Eine Provokation sei mit dem Titel des Stücks nicht beabsichtigt gewesen, behauptete Garfinkel am Dienstag in einer Stellungnahme auf Facebook. Gerichtsverhandlungen seien „von ihrer Natur her theatralisch“, erklärte der kanadische Bühnenautor. „Deshalb taucht auch das Wort „Cabaret“ im Titel auf“.

Dmitri Saratski entschuldigte sich am Dienstag. Eine „Provokation“ oder „das Schüren von Konflikten“ habe man „nicht beabsichtigt“, so der Organisator der Aufführung. Saratski meint, dass bei den Gerichtsprozessen gegen Demjanjuk „keine genaue Antwort auf die Frage gegeben wurde: Ist er [Demjanjuk] schuldig an den schrecklichen Verbrechen, die ihm vorgeworfen werden?“ 

„Holodomor Cabaret“?

Im Internet begann eine erregte Debatte. Kritische Bürger, vor allem Juden, sind besorgt. In der Ukraine gibt es zunehmend antisemitische Schmierereien auf Friedhöfen und Synagogen. Zudem weigert sich die politische Elite, die Rolle der ukrainischen Nationalisten bei den Massakern an Polen und Juden im Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten. Die zunehmende Verarmung der Bevölkerung nützt den Ultranationalisten, die „die Juden“ für alles verantwortlich machen. 

Der Kiewer Journalist Jewgeni Smertenko schreibt, dass „ein unangenehmer Nachgeschmack“ bleibe. Er könne sich nicht vorstellen, dass in Kiew für ein Theaterstück mit dem Namen „Holodomor Cabaret“ geworben werde. Der Holodomor war Anfang der 1930er Jahre eine Hungersnot, der mehrere Millionen Ukrainer zum Opfer fielen. Nach der neuen, offiziellen Geschichtsschreibung der Ukraine war der Holodomor ein Versuch Stalins, die Ukrainer zu vernichten.  

Totes Schwein in der Synagoge

Die von Irina Bereschnaja geleitete Kiewer „Antifaschistischen Rechtsschutzliga“ ist besorgt über den Anstieg des Antisemitismus in der Ukraine. In einer gedruckten Dokumentation und einem Film wurden die antisemitischen Ausschreitungen der letzten drei Jahre zusammengefasst.

Im vergangenen Jahr gab es mehrere herausragende Vorfälle. "Schlagt die Juden!" hieß es auf Fackelmärschen der ukrainischen Nationalisten. Der jüdische Ingenieur Alexander Livshits wurde am 13. Februar 2017 von Mitgliedern des Asow-Bataillons wegen „seines jüdischen Aussehens“ in Charkow zusammengeschlagen. Er musste lange im Krankenhaus behandelt werden. Am 21. Dezember 2016 verteilten Neonazis Teile eines toten Schweins in der Synagoge der Stadt Uman. Die Stadt hat sich zu einer Pilgerstätte chassidischer Juden entwickelt. In ihr befindet sich nämlich das Grab von Rabbi Nachman.

„Schaschlik nach Odessa-Art“

Nach dem Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa im Mai 2014 hätten einige Restaurants in Kiew ihre Menüs mit provokativen Speisen wie „Schaschlik nach Odessa-Art“ oder „Gebratener Kolorad“ (Koloradi nennt man die Symphatisanten Russlands) angereichert, schreibt Irina Bereschnaja nach dem Vorfall am Theater von Kiew auf ihrem Blog auf Facebook. Ob es demnächst auch ein „Café Ausschwitz“ mit „Koteletts aus der Gaskammer“ geben werde, fragt die Aktivistin.

Kritische Bürger in der Ukraine machen die Regierung für den steigenden Antisemitismus verantwortlich. Sie verhalte sich opportunistisch gegenüber den Ultranationalisten, meint Eduard Dolinsky, Leiter des Ukrainischen Jüdischen Komitees. 

Regierungskritiker sind empört, dass die Nazi-Kollaborateure Stepan Bandera (Gründer der Organisation Ukrainischer Nationalisten, OUN) und Roman Schuchewytsch (Kommandeur der Ukrainischen Aufstandsarmee, UPA) 2015 von der Werchowna Rada zu Nationalhelden erklärt wurden. 

Dass sich die ukrainischen nationalistischen Organisationen während der deutschen Besatzung der Ukraine an Massakern gegen Juden in Lviv und Polen beteiligten, wird von ukrainischen Politikern und Medien in den Hintergrund gedrängt. Kritik an den „Kämpfern für die ukrainische Staatlichkeit im 20. Jahrhundert“ steht seit 2015 per Gesetz unter Strafe. Doch das ist noch nicht alles. Am 4. April 2017 beschloss die Werchowna Rada ein Gesetz, nachdem Mitglieder der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) Zusatzrenten erhalten. 

Denkmal für ukrainische Antisemitin auf Gedenkplatz Babi Jar

Um den Makel der Zusammenarbeit zwischen der UPA und der Hitler-Wehrmacht zu verdecken, versucht das „Institut für nationales Gedenken“ in Kiew die ukrainischen Nazi-Kollaborateure als Opfer darzustellen. Ende Februar 2017 wurde auf dem Gelände des Gedenkparks von Babi Jar, wo 1941 33.000 Kiewer Juden erschossen wurden, ein Monument der ukrainischen Nationalistin und Dichterin Olena Teliha eingeweiht . 

Tehila war während der deutschen Besatzung von Kiew Herausgeberin der Zeitung „Ukrainisches Wort“, in der Juden und Kommunisten als „die größten Feinde des ukrainischen Volkes“ bezeichnet wurden:   

Weil die deutsche Besatzungsmacht das Streben der ukrainischen Nationalisten nach staatlicher Unabhängigkeit der Ukraine nicht duldete, wurden Tehila und andere ukrainische Nationalisten verhaftet und im Februar 1942 erschossen. Warum wird eine Antisemitin in Babi Jar geehrt? Das fragen sich die Juden in Kiew.