Kein Bock auf Demokratie: Immer mehr Österreicher sehnen sich laut Umfrage nach einem starken Führer

Kein Bock auf Demokratie: Immer mehr Österreicher sehnen sich laut Umfrage nach einem starken Führer
Unter den bis 35-Jährigen sind 55 Prozent der Meinung, dass der Nationalsozialismus Österreich nicht nur Schlechtes gebracht habe.
Die Demokratie ist bedroht. So liest man es jedenfalls täglich. Dabei ist die Demokratie nach wie vor die beliebteste Regierungsform. Eine Umfrage in Österreich zeigt allerdings, dass sich offenbar immer mehr eine andere Art der Herrschaft vorstellen können.

Man sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um ein Parlament und Wahlen kümmern muss.

Dieser Aussage haben bei einer Umfrage in Österreich nicht weniger als 23 Prozent der Teilnehmer zugestimmt. "Das ist extrem hoch", meint der Historiker Oliver Rathkolb, der die am Donnerstag veröffentlichte Umfrage im Auftrag des österreichischen Zukunftsfonds betreute. Vor zehn Jahren, als die Frage schon einmal gestellt wurde, beantworteten sie lediglich 14 Prozent mit "Ja".

Autoritäre Demokratie als Modell für turbulente Zeiten

Rathkolb und die anderen Studienverfasser sind sicher: Die soziale Unsicherheit durch die Globalisierung lässt die Zweifel an der Demokratie wachsen. Die Sehnsucht nach einem starken Mann, zumindest einer wirksam ordnenden Hand, nimmt zu. "Es zeigt die Sorge der Menschen, in turbulenten Zeiten unter die Räder zu kommen", sagt der Forscher, der an der Universität Wien lehrt.

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So wünschen sich sogar 43 Prozent der Österreicher einen solchen starken Mann - allerdings ohne wirklichen Systemwechsel. Für die überwiegende Mehrheit bleibt die Demokratie die beste Regierungsform. Generell habe die Demokratie in den vergangenen zehn Jahren aber an Zustimmung verloren, sagte Rathkolb. Dieser Trend gelte nicht nur für Wähler vom politischen Rand, sondern für eine oft schweigende, durch Perspektivlosigkeit frustrierte Gruppe, die bis in die politische Mitte reicht. "Politische Apathie führt zu totalitären Systemen", meint der Historiker.

Den Trend zum mit starker Hand regierenden Mann unterstreicht auch die Aussage zum wachsenden Bedürfnis nach "Recht und Ordnung". Ein stärkeres Vorgehen gegen "Unruhestifter und Außenseiter" könnten sich 61 Prozent der Befragten vorstellen (2007: 53 Prozent).

Politische Führung meine dabei nicht automatisch das Modell der Rechtspopulisten, sagte Rathkolb. Solche Ergebnisse könnten zwar potenziell Rückenwind für FPÖ, AfD und die französische Front National bedeuten. "Aber das hängt immer vom Angebot der anderen ab." Auch eine demokratieorientierte Führung, die ruhig, nachhaltig und glaubhaft das soziale Gefüge aufrechtzuerhalten suche, könne attraktiv sein.

Rechte profitiert nicht zwingend von Sehnsucht nach klaren Verhältnissen

Eine Schlüsselrolle spiele die Aufmerksamkeit der Politik für die sozial Schwachen, meinte Günther Ogris vom Sozialforschungsinstitut Sora.

Wenn die Menschen mangelnden Respekt und Wertschätzung wahrnehmen, dann wird ihre Haltung zur Demokratie geschwächt.

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Die Politik in Österreich hat in gewisser Weise schon seit einiger Zeit auf diese Grundstimmung reagiert. Die in einer rot-schwarzen Koalition verbandelten Volksparteien SPÖ und ÖVP nehmen speziell in der Flüchtlingskrise viele "Law and Order"-Themen auf. Eine harte oder zumindest härtere Hand gegenüber Ausländern und Asylbewerbern soll Führerschaft suggerieren. Die Rechtspopulisten der FPÖ, die bisher mit Anti-Ausländer-Sprüchen dominierte, haben laut letzten Umfragen ihre Spitzenposition in der Wählergunst an die SPÖ verloren.

Die SPÖ hat zudem aktuell eine "Zuhör-Kampagne" gestartet. Erster Akt: Bundeskanzler Christian Kern arbeitete einen Abend lang als Pizzabote in Wien, um sich nebenbei beim Ausliefern der Ware die Sorgen der Menschen schildern zu lassen. Ob allerdings derartige Symbolpolitik eine nachhaltige Trendumkehr erwirken kann, bleibt zu bezweifeln.

Die Umfrage zeigt auch, dass bei vielen Jüngeren historische Kenntnisse weder vorhanden noch gewünscht scheinen. Unter den bis 35-Jährigen sind 55 Prozent der Meinung, dass der Nationalsozialismus Österreich nicht nur Schlechtes gebracht habe. Unwissen und der Hang zum autoritären Staat hängen laut Studie eng zusammen.

Der Zukunftsfonds wurde 2006 vom österreichischen Staat geschaffen und soll einen Beitrag zur fundierten Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte, den Menschenrechten und der demokratischen Entwicklung leisten. Bisher hat der Fonds mehr als 1.100 wissenschaftliche, pädagogische und künstlerische Projekte gefördert.

(rt deutsch/dpa)