Humankapital in der EU: Qualifizierte wandern von Ost nach West ab

Humankapital in der EU: Qualifizierte wandern von Ost nach West ab
Die Erweiterung der Europäischen Union hat nicht allen nur Gewinne gebracht. So haben sich Wissenschaftskooperationen über Grenzen hinweg nicht in gleichmäßiger Weise erweitert, sondern das Humankapital folgt einer Einbahnstraße.
Eine neue Studie unterstreicht die Schieflage beim Austausch von Humankapital innerhalb der EU. Demnach werden Wissenschaftskooperationen durch die Erweiterung nicht internationaler. Und westliche Staaten gewinnen das, was östliche an Brainpower verlieren.

Eine aktuelle Studie nimmt Bezug auf die Konsequenzen des Erweiterungsprozesses von 2004 und 2007, als die Zahl der EU-Mitglieder um 12 Länder anwuchs. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Die Autoren beleuchten vor allem das Paradox, wonach der Abbau von Barrieren in der Wissenschaftsmigration das Ausmaß internationaler Zusammenarbeit nicht erhöht, sondern verringert.

Als der europäische Forschungsraum aus- und Grenzen abgebaut wurden, hoffte man auf verstärkte wissenschaftliche Zusammenarbeit über ehemalige Barrieren hinweg. Stattdessen gab es umfangreiche Bewegungen von Humankapital, größtenteils aus den neueren Mitgliedsstaaten im Osten in Richtung Westen.

Rainer Mausfeld, Wahrnehmungs- und Kognitionsforscher

Dies entspricht einem generellen Trend, demzufolge vor allem östliche Länder einen Brain-Drain erfahren, während Länder wie Deutschland oder Großbritannien Brain-Gain durch den Zuzug Hochqualifizierter verzeichnen. Damit gelingt es ihnen zum Teil, dem demografischen Wandel und dem Mangel an Fachkräften im eigenen Land entgegenwirken. In Litauen und Lettland hingegen zeichnet sich ein Fachkräftemangel ab, da qualifizierte junge Menschen abwandern.

Doch die Linie zwischen den Gewinnern und Verlierern verläuft nicht nur entlang von Landesgrenzen. Schon zu Beginn der erhöhten Freizügigkeit für Arbeitnehmer in Richtung Deutschland im Jahr 2011 beschwor der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) die Chancen einer Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die Gewerkschaften rechneten hingegen mit einem Wachstum des Niedriglohn-Sektors durch einen Zustrom von Arbeitskräften aus Osteuropa.

Gleichzeitig wird das europäische Problem der Jugendarbeitslosigkeit kaum gelöst. Trotz hoher Arbeitslosenzahlen blieben beinahe 30 Prozent neu geschaffener Stellen unbesetzt, weil Arbeitgeber anscheinend nicht die Leute mit den passenden Qualifikationen fanden. Bisherige Lösungsansätze sind umstritten. Indem viele Wirtschaftsliberale auf eine Lockerung der Einwanderungsbestimmungen setzten, um Hochqualifizierte aus aller Welt herzubringen, mussten sich einige politisch Liberale auch mit Fragen nach Verteilungskämpfen und Lohndumping beschäftigen.