Die wahren Helden des Krieges im Donbass

Die wahren Helden des Krieges im Donbass
Jeder Krieg bringt seine eigenen Mythen und Helden hervor. Es ist ein wichtiger Prozess in der psychologischen Bewältigung der Schrecken, die ein Krieg unweigerlich mit sich bringt. So auch im Donbass. Eine sehr persönliche Donbass-Reportage von RT Deutsch-Korrespondent Zlatko Percinic.

von Zlatko Percinic

Zerstörte Häuser und Verwundete oder Tote zu sehen, ist eine Sache die man visuell wahrnimmt und sich manchmal unauslöschlich in die Erinnerung einbrennt. Die Stunden die man in dunklen und oft modrigen Kellern, Badezimmern oder sogar Kleiderschränken verbringt, während draußen die Erde durch die Einschläge von Bomben, großkalibrigen Granaten und Raketen erzittert, dringen tiefer in unsere Psyche ein. Ein banales Missgeschick mit einem Wasserglas, das auf dem Boden in tausend Teile zersplittert, lässt einen immer wieder diese dramatischen Stunden des bangen Wartens durchleben, indem das Gedächtnis automatisch die Verbindung zu dem wenige Sekunden andauernden Geräusch herstellt, als sämtliche Fensterscheiben der Wohnung oder des Hauses durch die Druckwelle der Explosion zerborsten sind.

Solche Erfahrungen erzeugen natürlich Emotionen wie Angst, Trauer, Wut oder blanken Hass auf diejenigen, die man für diese schrecklichen Erfahrungen für verantwortlich hält. Helden helfen jedoch etwas in dieser Situation aus, in dem sie trotz des allgemeinen Unglücks, welches der Krieg über die Menschen bringt, auch für positive Gefühle sorgen können.

Sie geben den unbeteiligten Zivilisten Mut, Zuversicht und nicht selten Stolz, dem Krieg zu trotzen und dem Terror die Stirn zu bieten. Wenn der Krieg seine eigentliche Wirkung verliert, wenn es der angreifenden Seite nicht gelingt, innerhalb eines gewissen Zeitraumes so viel Angst und Schrecken - also Terror - zu verbreiten, dass die Menschen panisch fliehen und das Territorium möglichst kampflos überlassen, dann wendet sich der technologische Vorteil in einen psychologischen Nachteil. Deswegen erfüllen Helden eine wichtige Aufgabe in jedem Krieg. Deswegen entstehen Mythen, die gepaart mit realen Begebenheiten, stärker als Waffen sind und schließlich die Zeit überdauern.

Was oder wen man aber als Helden ausmacht, wie man einen Helden definiert, steht nirgendwo geschrieben. Sehr oft sind es militärische Führer, die sich durch besonderen Mut, strategisches Geschick oder einfach nur pures Glück im Gefecht auszeichnen. Nicht anders ist es im Donbass, in den selbsternannten Volksrepubliken von Lugansk und Donezk. Dort sind es jene Kommandeure und Kämpfer, die sich nach den ersten Angriffen, die 48 Stunden nach dem geheimen "Besuch" des damaligen CIA Direktors John Brennan in Kiew als "Anti-Terror-Operation (ATO)" begannen, der ukrainischen Armee - und insbesondere der nationalistischen und faschistischen "Freiwilligenverbände" - , auf die eigene Bevölkerung im April 2014, der Offensive entgegengestemmt haben. 

 Wie so oft in der Geschichte, erlangen die Helden diesen Status erst nach dem ihrem Tode, obwohl sie sehr wohl bereits zu Lebzeiten respektiert und manchmal sogar verehrt wurden. Im Donbass sind dies insbesondere Alexej Mozgovoi, Kommandeur des "Ghost"-Bataillons in der selbsternannten Volksrepublik von Lugansk; Arsen Pawlow, genannt "Motorola" und Kommandeur des "Sparta"-Bataillons; und Michail Tolstych, genannt "Givi" und Kommandeur des "Somalia"-Bataillons, beide aus der Volksrepublik Donezk.  

Alle drei Männer eint das gleiche Schicksal: sie waren prominente Gesichter, kämpften gegen die ukrainische Offensive und gegen neonazistische Gruppierungen, und sie wurden durch Anschläge getötet. 

Ob sie für die Bevölkerung der sogenannten Volksrepubliken wirklich Helden waren oder nicht, kann man am besten bei der letzten Ruhestätte der getöteten Männer sehen. Da mir leider der Besuch von Lugansk nicht möglich war, konnte ich Mozgovois Grab nicht besuchen, dafür aber jene von Motorola und Givi. Und da sprachen die Bilder eine eindeutige Sprache.

Es heißt, man soll nicht am Grab der Verstorbenen schlecht über sie reden, sondern sich der guten Dinge und Tate erinnern. Man kommt aber nicht umher, Vergleiche zu unternehmen. Während das Grab von Motorola schon fast überquillt vor Blumenbestecken und verschiedenen Grabbändern, war Givis Grab lediglich mit ein paar wenigen Rosen versehen. Auch die zwei Männer im Bild, Kämpfer im "Sparta"-Bataillon, bestätigten mit ihrer Geste, dem täglichen Besuch "ihres" Kommandeurs und die Opfergabe seines Lieblingsgetränks, einem lokalen Energydrink, wen sie tatsächlich als Helden betrachteten. 

Die wahren Helden des Krieges im Donbass

Helden können aber auch Menschen sein, die nicht an der Front kämpfen. Für viele in Donezk sind beispielsweise die Straßenkehrer wahre Helden, weil sie unmittelbar nach Detonationen in der Stadt auftauchen, und versuchen das entstandene Durcheinander zu beheben, um "ihre Stadt" sauber und schön zu halten. 

Für mich persönlich ist ein zehnjähriges Mädchen, stellvertretend für alle Kinder, die wahre Heldin dieses Krieges. Wika lebt mit ihren Großeltern im Stadtteil Spartak, nahe am Flughafen von Donezk und nur 500 Meter von der aktuellen Front entfernt. 

Wie die meisten Häuser in Spartak, wurde auch das Wohnhaus von Wikas Großeltern bereits mehrere Male durch Granatenbeschuss beschädigt. Zwar haben sie immer wieder vor allem das Dach notdürftig repariert, aber dadurch, dass sie die einzigen im Wohnhaus geblieben sind und die Wohnung der Nachbarn komplett zerstört ist, hat sich die Feuchtigkeit durch die offenen Fenster und der Zeit ohne Dach in den Mauern festgesetzt. Das was dem Beschuss nicht zu Opfer gefallen ist, wurde am Ende durch die Feuchtigkeit zerstört. Seit Herbst 2014 gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser und kein Gas, so dass an ein Leben innerhalb der kalten Mauern kaum zu denken ist.

Aus diesem Grund hat die Familie von Wika und noch zwei weitere Familien aus dem Quartier, eine Art Feldküche im Hinterhof aufgebaut. Am Anfang war es nur der Ofen, damit sie wenigstens etwas Warmes zu Essen zubereiten konnten, erzählen mir die Bewohner. Sie haben nicht damit gerechnet, dass sich der Krieg über Jahre hinwegziehen würde.

Als dann der Winter im Jahr 2014 einbrach, und die Wohnungen zwar etwas Schutz vor Schüssen boten, aber so kalt wie Gefrierräume waren, bauten sie um den Ofen im Hinterhof ein Zelt herum. Während die Monate vergingen und sich kein Ende des Krieges abzeichnete, befestigten sie das Zelt mit Brettern und sogar etwas Zement. So konnten sich die verbliebenen Bewohner dieses Quartiers in Spartak wenigstens etwas aufwärmen und nicht nur das Essen teilen, sondern auch ihr Leid. 

In ihrer Freizeit hilft Wika ihrer Großmutter beim Kochen, Wäsche waschen und im kleinen Garten, wo sie etwas Gemüse angepflanzt haben. Zeit zum Kind sein, hat sie nicht. Während wir uns zwischen Trümmern und Gemüsegarten umsehen, erschüttern zwei laute Explosionen die - makaber genug - fast gesellige Atmosphäre die unser Besuch verursacht hat. Wieder traf es jemandes Haus, Garten oder Spielplatz in Spartak. Svetlana, meine Übersetzerin, wird es zu viel.

Die Angst und Anspannung ist ihr überdeutlich anzumerken, während die kleine Wika vollkommen ruhig bleibt. "Nur wenn es in der Luft pfeift, ist es gefährlich", versucht sie Svetlana zu trösten. Traurig, dass ein zehnjähriges Mädchen sich so gut mit der Physiognomie des Krieges auskennt, aber irgendwie auch Süß, dass sie die Einzige war, die die Angst ihrer Besucherin erkannt hat und sie sie beruhigen wollte.

Wika...

Wikas Großvater, Alexander, dessen Mutter aus Russland hierher nach Spartak gezogen ist und dieses Land zu seiner Heimat gemacht hat, führt uns in den rabenschwarzen Keller des Wohnhauses, den er, so gut wie es eben möglich war, versucht hat in einen heimeligen Ort zu verwandeln.

Stolz zeigt Opa Alexander, dass sie hier unten sogar über TV-Empfang verfügen, um etwas Ablenkung während ihrer Zeit im Keller zu haben, aber auch, um Nachrichten zu sehen. Den Strom bezieht er aus einer Autobatterie, die er jeden zweiten Tag in einer Autowerkstatt aufladen lassen muss.

Abgesehen von der Enge des Raumes, fällt einem sofort die wohlige Wärme auf, die vom Ofen hinten an der Wand ausgeht. Nicht auszudenken was passieren kann, sollte der Rauch aus welchen Gründen auch immer nicht durch die Rohre abziehen können. Großmutter Olga zeigt am Ende des Raumes auf eine ca. 1x1.5 Meter lange Spalte, wo sich das "Bett und Spielzimmer" von Wika befindet. 

Ich habe Wika gefragt, wie es für sie ist, wenn sie hier unten ist und manchmal Tage und Nächte, nicht selten ohne Strom, verbringen muss. Sie sagt, dass die Erinnerung an ihr Leben vor dem Krieg ihr "wie die Erinnerung an einen Urlaub" vorkommt. Etwas, das warme und angenehme Gefühle hervorruft, wohlwissend aber, dass es vorbei ist, und das stimmt mich extrem traurig. Aber ihre Augen strahlen, selbst im Halbdunkel dieses Kellers, eine berührende Zuversicht aus. Nein, vermissen würde sie nichts, antwortet sie mir auf meine Frage. Schlafen könne sie auch sehr gut und das Donnern der Artillerie jede Nacht, nehme sie schon lange nicht mehr wahr. Außer wenn es irgendwo in der Nähe einschlägt, dann wird sie wach und fragt ängstlich, ob noch alle am Leben sind. Das einzige was sie sich wünscht, sagt Wika, ist, dass ihr Vater auch hier bei ihr sein könnte. 

Opa Alexander erzählt mir, dass seine beiden Söhne in der Ukraine sind und dort arbeiten. Da er vor dem Krieg eine eigene kleine Werkstatt besaß, hat er keine Rente und keinerlei staatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe oder dergleichen. Nur das, was die Söhne aus der Ukraine schicken, hält die Großeltern und Wika finanziell über Wasser. Als die ukrainischen Panzer anrollten und die Neonazis des Rechten Sektors auftauchten, wollten sich auch die Söhne den "Rebellen" anschließen und für die Verteidigung ihrer Heimat kämpfen.

Doch Alexander hat es ihnen verboten. Nicht nur aus finanzieller Überlegung, wobei zu diesem Zeitpunkt ohnehin niemand geglaubt hatte, dass die Kämpfe so lange andauern würden, sondern weil seine Schwiegertochter, die Mutter von Wika, eine Ukrainerin war. Sie starb noch vor dem Krieg und beide Familien, Alexanders Sohn, dessen Namen er mir aus Angst vor Repressalien gegen seinen Sohn in der Ukraine nicht nennen wollte, und die Familie seiner Schwiegertochter, führten eine ganz normale und herzliche Beziehung zueinander. 

Deshalb verbot Alexander seinen Söhnen, in einen Krieg gegen ihre Schwäger und Freunde zu ziehen und so das Andenken an die Mutter seiner Enkelin zu beschmutzen. Doch der Krieg habe die Bande zwischen beiden Familien zerstört. Die Söhne wurden von der Familie der Ehefrau angefeindet, alte Wunden über den Tod der Tochter, obwohl sie an einer Krankheit verstarb, neu aufgerissen. Nicht einmal mehr für Wika interessierten sie sich, erzählt Alexander traurig. Er könne nicht verstehen, wie man seine eigene Enkelin verstoßen kann, nur, weil sie auf dem Gebiet lebt, wo sich die Bürger gegen die Kriegsmaschinerie aus Kiew gestellt haben. "Hätten wir uns etwa umbringen lassen sollen? Was hätten wir tun sollen?", platzt es aus Alexander heraus.

Dabei hat er sich den Zorn von einigen aus der DPR-Armee heraufbeschworen, die seine Söhne nur zu gern in ihren Reihen gesehen hätten und in ihm so etwas wie einen Verräter sehen, weil er diesen Schritt unterbunden hatte. "Macht mich das jetzt zum gleichen Verbrecher, wie jene vom Rechten Sektor, die ihre Fahne auf dem Wasserturm gehisst und uns mit Scharfschützen und Bomben terrorisiert haben?", ruft er nun wütend aus. 

Der Rechte Sektor wütete in der Tat in Spartak, rief mit der berüchtigten rot/schwarzen Fahne auf dem Wasserturm aber ebenso erbitterten Widerstand der Kämpfer der DPR-Armee hervor, die "so lange auf diese Nazis einprügeln wollten, bis sie die verdammte Fahne runter nehmen", wie mir ein Kämpfer der anonym bleiben wollte, in einem Gespräch in Spartak mitteilte. "Von diesem Platz wo wir jetzt stehen, bis zum Wasserturm sind es gut 500 Meter. Und wie Sie sehen, stehen wir hier und die Fahne ist nicht mehr da", sagte er stolz. 

Doch von alledem will Opa Alexander nichts wissen. Er wünscht sich endlich einen Frieden, damit sie ihr Leben wieder neu aufbauen können. Frieden, damit seine Söhne wieder "zurückkommen" können und hier ihrer Arbeit nachgehen können, damit Wika wieder mit ihrem Vater zusammen ist. Frieden, damit seine Enkelin eine Zukunft hat. Und mit ihr natürlich alle anderen Kinder im Donbass. Denn sie sind die einzig wahren Helden dieses Krieges.