Adieu Malaise: Frankreichs Wirtschaft kurz vor Präsidentschaftswahl im Aufschwung

Adieu Malaise: Frankreichs Wirtschaft kurz vor Präsidentschaftswahl im Aufschwung
Anhänger schwingen die französische Flagge während einer Wahlkampfveranstaltung.
Krisenstimmung war gestern: In Frankreich hellt sich nur wenige Wochen vor den Präsidentenwahlen die wirtschaftliche Lage merklich auf. Die Unternehmen blicken optimistischer in die Zukunft. Eine späte Genugtuung für den scheidenden Präsidenten Francois Hollande.

Sicherlich ist der zaghafte Aufschwung auch neuer Faktor, der sich auf die baldigen Präsidentschaftswahlen niederschlagen könnte. Experten nennen das lange Zeit krisengeplagte Land schon wieder in einem Atemzug mit dem weiter östlich gelegenen Kraftzentrum Europas:

Archivbild

Frankreich und Deutschland treiben den Aufschwung im Euro-Raum", sagt Ökonom Stefan Kipar von der BayernLB.

Dieses positive Urteil dürfte ein später Triumph für den scheidenden Präsidenten Francois Hollande sein, der wegen seiner mangelnden Popularität nicht mehr antritt. Er wird womöglich von seinem einstigen politischen Ziehsohn Emmanuel Macron abgelöst. Der parteilose Kandidat und frühere Wirtschaftsminister hat gute Chancen, im Mai in den Elysee-Palast einzuziehen. Dazu muss er allerdings zunächst seine rechtsgerichtete Konkurrentin Marine Le Pen vom Front National wie vielfach prognostiziert in der Stichwahl schlagen. Macron gilt vielen als Hoffnungsträger: Nicht nur weil er im Gegensatz zu Le Pen ein Pro-Europäer ist, sondern auch weil er Frankreich reformieren und wettbewerbsfähiger machen will.

Von ihm kann man einen wirtschaftsfreundlichen Kurs erwarten", sagt die Konjunktur-Expertin Galina Kolev vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Macron stehe bei seinen Wählern im Wort, die Bedingungen für Unternehmensgründungen zu verbessern. Dennoch sei kein starkes Trendwachstum der Wirtschaft zu erwarten, solange die strukturellen Probleme des Landes ungelöst blieben. Dies zeige sich insbesondere darin, dass es trotz erster Ansätze zur Liberalisierung des Jobmarkts nicht gelungen sei, das Problem der Massenarbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen:

Vor der Weltwirtschaftskrise lag die Quote bei gut sieben Prozent, nun liegt sie noch immer bei zehn Prozent.

Gegenüber dem deutschen Nachbarn hat das Land in der Vergangenheit konjunkturell an Boden verloren:

Jean-Luc Mélenchon bei einer Wahlkampfveranstaltung in der französischen Hafenstadt Marseille.

Das Wirtschaftswachstum ist in den vergangenen fünf Jahren im Vergleich zu Deutschland deutlich schwächer ausgefallen", erläutert Ökonom Stefan Mütze von der Helaba.

Demnach stieg das französische Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit 2011 um nur 0,8 Prozent pro Jahr, während hierzulande immerhin ein Wert von 1,2 Prozent erreicht wurde. Auch 2017 wird Deutschland mit 1,6 Prozent die Nase vorn haben, wenn die Prognose der EU-Kommission zutrifft. Frankreich wird immerhin ein Plus von 1,4 Prozent zugetraut.

Denn die Wirtschaft jenseits des Rheins hat mittlerweile mehr Schwung aufgenommen. Ende vorigen Jahres sorgten nicht nur die Kauflust der Verbraucher und ein ausgabenfreudiger Staat für Auftrieb:

Erstmals seit vier Jahren stiegen die Bauinvestitionen - und zwar um 1,3 Prozent", so Helaba-Experte Mütze.

Ein starker Anstieg der Wohnungsbaugenehmigungen gilt zudem als gutes Omen für die Entwicklung im laufenden Jahr.

Dass sich die französische Wirtschaft wieder berappelt hat, wird laut dem Automobilexperten Stefan Bratzel auch an dem jüngsten Zukauf des Herstellers PSA Peugeot Citroen in Deutschland deutlich, der die kränkelnde GM-Tochter Opel unter seine Fittiche nimmt:

Es ist sehr positiv, dass die französischen Automobil-Unternehmen wieder so stark sind, dass sie auch mal wieder zukaufen können. Das ist ein positives Signal für die französische Wirtschaft, die sich offenbar wieder auf einem Wachstumspfad befindet, sagt der Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach.

Auch bei dem PSA-Rivalen Renault sei es gelungen, die Absatzzahlen zu steigern:

Damit hat man es auch geschafft die Gewinne zu erhöhen – und darauf kommt es ja letztendlich an.

Nicht alle Kandidaten für die Präsidentschaft teilen die Ansichten des aktuellen Amtsträgers François Hollande.

Der Gesundung sei im Falle von Peugeot jedoch eine "regelrechte Nahtod-Erfahrung" vorausgegangen:

Die Übernahme von Opel durch PSA zeigt, was möglich ist, wenn man ein Unternehmen wieder gesund gemacht hat. Dafür muss man im Vorfeld auch harte Sparmaßnahmen realisieren.

Mit dem Rotstift tut sich der französische Staat allerdings noch immer schwer: Das Haushaltsdefizit dürfte nach einem leichten Rückgang 2017 im kommenden Jahr mit 3,1 Prozent wieder über der in der EU erlaubten Grenze von drei Prozent liegen, wie Brüssel prognostiziert. (reuters)