Französischer Wahlkampf: Streit um Le Pen-Aussagen zur Judenverfolgung

Französischer Wahlkampf: Streit um Le Pen-Aussagen zur Judenverfolgung
Archivbild
Die Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen hat die französische Verantwortung für die Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs abgestritten. Schuld daran sei das Vichy-Regime. Nun streitet die französische Öffentlichkeit darüber.

Knapp zwei Wochen vor der französischen Präsidentenwahl sorgt die Rechtspopulistin Marine Le Pen mit einer Äußerung über die Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs für Streit. Frankreich sei nicht verantwortlich für die Razzia des Vélodrome d’Hiver in Paris, sagte die Kandidatin des rechtsextremen Front National im französischen Fernsehen. Israel verurteilte die Äußerung. Sie widerspreche der historischen Wahrheit, teilte das Außenministerium mit.

Jean-Luc Mélenchon bei einer Wahlkampfveranstaltung in der französischen Hafenstadt Marseille.

In der Nacht auf den 17. Juli 1942 nahmen französische Polizisten mehr als 13 000 Juden fest, darunter mehr als 4000 Kinder. Paris war damals von deutschen Truppen besetzt.

Le Pens aussichtsreicher Herausforderer Emmanuel Macron kritisierte die Äußerungen am Montag als «schweren politischen und historischen Fehler». Der Ex-Minister fügte im Kurznachrichtendienst Twitter hinzu: «Das ist das wahre Gesicht der französischen extremen Rechten, die ich bekämpfe.»

Le Pen ist der Auffassung, die damals mit Nazi-Deutschland zusammenarbeitende Vichy-Regierung sei «nicht Frankreich» gewesen. Diese Position sei bis Jacques Chirac von den französischen Präsidenten vertreten worden. Am 16. Juli 1995 hatte sich der damalige Staatspräsident Chirac für die größte Massenverhaftung von Juden in Frankreich öffentlich entschuldigt. Die Beteiligung des Regimes von Vichy und der französischen Polizei an dieser Aktion war in Frankreich jahrzehntelang ein Tabu-Thema.

Bis Mitte der 1990er Jahre galt die Vichy-Regierung ausschließlich als von den Deutschen eingesetztes Besatzungsregime. Alle französischen Regierungen nach 1945 sprachen dem Vichy-Regime, das sich selbst "Französischer Staat" nannte, jegliche Legitimität ab und bis Chirac bestanden sie auf eine Unterscheidung von den Traditionen der französischen Republik.

Der konservative Präsident der Region Provence-Alpes-Côte-d-Azur, Christian Estrosi, warf der Kandidatin vor, ihrem Vater Jean-Marie Le Pen zu folgen. Dieser hatte mehrfach mit verharmlosenden Äußerungen zum Nationalsozialismus und Holocaust für Schlagzeilen gesorgt. So bezeichnete er die Gaskammern der NS-Konzentrationslager als «Detail» der Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Unterdessen begann die offizielle Schlussphase des Wahlkampfs. Dies bedeutet, dass der Rundfunkaufseher CSA die Redezeiten der Kandidaten in Radio und Fernsehen besonders genau kontrolliert. Den Anwärtern müssen - unabhängig von ihrem politischen Gewicht - die gleichen Redezeiten gewährt werden. Die Regeln sind laut Tageszeitung «Le Monde» in Frankreich besonders strikt.

Die Franzosen wählen am 23. April den Nachfolger von Staatschef François Hollande, der nicht mehr antritt. In der entscheidenden Stichwahl am 7. Mai dürften sich laut Prognosen Le Pen und Macron gegenüberstehen. Ihnen werden in der ersten Runde jeweils knapp 25 Prozent der Stimmen zugetraut.

Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon könnte laut einer Befragung für die Zeitung «Le Figaro» und andere Medien auf 18 Prozent der Stimmen kommen. Er würde damit besser abschneiden als der konservative Bewerber François Fillon, der von einer Affäre um Scheinbeschäftigung von Familienangehörigen belastet wird.

(dpa/rt deutsch)

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