Interview mit Eduard Basurin: "Wir sind bereit zu sterben, die ukrainischen Soldaten nicht"

Interview mit Eduard Basurin: "Wir sind bereit zu sterben, die ukrainischen Soldaten nicht"
Eduard Basurin, stellvertretender Verteidigungsminister der selbsternannten Volksrepublik Donezk.
In seinem Hauptquartier in Donezk sprach RT Deutsch-Autor Zlatko Percinic mit Eduard Basurin, dem Stellvertretenden Verteidigungsminister der selbsternannten Donezker Volksrepublik. Eduard Basurin spricht über den Verlauf des Konflikts und die aktuelle Situation.

Guten Tag, Herr Basurin! Vielen Dank für die Möglichkeit, mit Ihnen persönlich zu sprechen.

Nichts zu danken.

Wie würden Sie die Sicherheitslage vor Ort bezeichnen, auch in Bezug auf die Stärke der Armee der Donezker Volksrepublik im Vergleich zur ukrainischen?

Die Gefahr für Donezk kann in zwei Teile aufgeteilt werden, nämlich wenn es einerseits theoretisch und andererseits tatsächlich gefährlich ist. Die Kontaktlinien liegen in den Außenbezirken, und dort ist die Gefahr am größten. Einer von diesen Bezirken ist zum Beispiel der Kyivski Distrikt. Theoretisch besteht auch für das Zentrum von Donezk eine Gefahr, weil es von der ukrainischen Armee unter Beschuss genommen werden kann. Die ukrainischen Streitkräfte sind nicht nur nah genug, um Donezk unter Beschuss zu nehmen, sondern könnten sogar das Territorium der Russischen Föderation erreichen.

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Sie meinen mit ihren Waffensystemen?

Ja.

Gab es denn direkten Beschuss des Zentrums von Donezk?

Ja. 2014 gab es schweren Beschuss des Zentrums. Es kam sogar ein Vertreter des Schweizerischen Roten Kreuzes ums Leben.

Und das war das letzte Mal, dass die Stadt unter Beschuss genommen wurde?

Das Zentrum von Donezk, ja.

Vor etwa vier Wochen kam es hier zu einem Zwischenfall, als Einheiten von Azow die Wasserfilteranlage besetzt haben. Sie waren zwei Tage lang bei der Anlage und haben sich dann zurückgezogen. Gab es einen militärischen Kontakt zwischen der DPR-Armee und dieser Einheit? Oder gab es andere Gründe für den Rückzug?

In der Tat, das war im Februar. Es gab jedoch keine direkte Besetzung der Anlage, da die Position der ukrainischen Armee vor der Filteranlage ist und sie daher die Anlage faktisch auch kontrolliert.

Die Armee oder die Azow-Einheit?

Es sind unterschiedliche Einheiten dort positioniert. Insgesamt gibt es 72 verschiedene Einheiten der ukrainischen Armee hier, das können das Donbass-Bataillon, Azow oder der Rechte Sektor sein. 2015 wurde zwischen der ukrainischen Zentralgewalt und den Behörden in der Donezker Volksrepublik vereinbart, dass es keine bewaffneten Konflikte um diese Filteranlage geben wird, da sie für beide Seiten Wasser liefert, insbesondere für Donezk und Avdeevka.

Es war also eine Provokation?

Ja, eine Provokation. Die ukrainische Seite sagte aus, dass sie diesen Zwischenfall nicht kommentieren würde, obwohl sie gemäß dem Minsker Abkommen dazu verpflichtet wäre. Sie verweigert jede Auskunft.

Wie groß ist die Armee der Donezker Volksrepublik?

Mädchen zeigen ihre ersten Ausweise. Diese hat das Standesamt der Donezker Volksrepublik am 16. März 2016 ausgestellt.

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es gibt keine genauen Zahlen. Aber 2014 und 2015 war sie groß genug, um eine große Zahl an Reservisten zu mobilisieren. Auch jetzt kann die Armee schnell auf Reservisten zurückgreifen. Wir haben genügend Kämpfer, um unser Land zu beschützen.

Wie lautet die offizielle Bezeichnung der Armee? Vor zwei Jahren gab es viele Soldaten, die die die Aufschriften „Novorossiyya Armed Forces“ (NAF) trugen. Heißt es nun NAF oder die Armee der Volksrepublik Donezk?

Novorossiyya oder Mala Rossiyya waren historische Begriffe, unter denen sich bei Ausbruch des Krieges einfache Männer aus den verschiedenen Bezirken gesammelt hatten. Die offizielle Bezeichnung ist Armee der Volksrepublik Donezk.

Woher bezieht die Armee der Volksrepublik Donezk ihre Waffen?

Es gab viele Waffenbestände der Sowjetunion in der Ukraine und im Donezker Oblast, aus denen wir uns bedient haben. Diese Waffen sind jetzt alle in Donezk. Vor dem Ausbruch des Krieges lieferte die ukrainische Regierung jede Menge Waffen nach Lugansk, über zehntausend Kalaschnikows, Karabiner und entsprechende Munition.

Außerdem kann man Waffen kaufen. Schon vor dem Krieg verkaufte die ukrainische Regierung viele Waffen hierher. Selbst im Krieg verkauft die Ukraine uns immer noch Waffen. Dann gibt es noch die sogenannten „Trophäen“, die wir im Gefecht erbeuten. Zu unserer Beute zählen nicht nur Waffen, sondern auch Panzer und Artilleriesysteme. Das Waffendepot in der Nähe von Charkow, wo es gerade eine Explosion gab, lieferte Waffen an uns, genauso wie an die nationalistischen Einheiten in der Ukraine.

Werden auch NATO-Waffen und Munition bezogen?

Nein. Die Waffen sind alle aus sowjetischen Beständen. Der Standard unserer Waffen ist auf die sowjetische Produktion ausgerichtet, so dass wir nichts mit NATO-Waffen anfangen könnten.

Gibt es auch Waffenlieferungen aus Russland?

Wozu? Das macht doch keinen Sinn. Woher kommen Sie?

Aus Deutschland.

Stellen Sie sich mal vor, dass Deutschland Land erwerben möchte und zu diesem Zweck Waffen an die Nachbarn, wie zum Beispiel Polen, die Tschechische Republik oder die Baltischen Republiken liefern würde, um die Besatzung vorzunehmen. Hätten die Deutschen nicht Angst davor, dass diese Waffen eines Tages, dann aber mit Soldaten, zurückkommen?

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Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland es auf diese Weise tun würde. Deutschland muss doch seine Bevölkerung und seine Grenzen beschützen. Wenn man die Waffenlieferungen in den Mittleren Osten betrachtet, erkennt man doch, dass die Waffenlieferungen für die Länder, die sie liefern, ein Risiko darstellen.

Wir haben unterschiedliche Auffassungen von Frieden. Unsere Geduld hat Grenzen. Wir wollen nicht sterben, aber wir sind bereit, für die Verteidigung unseres Landes zu sterben. Die ukrainische Armee ist dazu nicht bereit. Das unterscheidet uns von ihnen. Unser militärischer Geist ist viel höher.

Es soll angeblich geheimdienstliche Informationen geben, dass sich Soldaten der ukrainischen Armee innerhalb der nächsten ein bis zwei Monaten von der Front zurückziehen wollen. Können Sie mir dazu etwas sagen?

Sie, die Soldaten der ukrainischen Armee, wollten sich schon vor langer Zeit von der Front zurückziehen. Aber das ist ein sehr komplexes und schwieriges Unterfangen. Eine Armee bedeutet Loyalität. In jeder Armee wird den Soldaten beigebracht, dass es ihre Pflicht ist, das Land zusammenzuhalten und zu beschützen. Wenn sie das nicht machen, können sie schwer bestraft werden.

Ein weiterer Grund ist, dass all diese radikalen und nationalistischen Bataillone sie daran hindern, ihre Stellungen an der Front aufzugeben. Vielleicht wären sie bereit, ihre Stellungen zu verlassen. Aber sie erhalten keinen solchen Befehl aus der Befehlskette. Deshalb wurden auch die sogenannten Freiwilligenverbände in eine offizielle Armeestruktur wie die Nationalgarde eingegliedert, damit sie eine Art Kontrollfunktion an der Front ausüben können.

Sie erwähnten, dass die Geduld der Armee der Donezker Volksrepublik ihre Grenzen hätte. Was muss passieren, damit diese Grenzen erreicht werden und die Armee in die Offensive geht?

Eine große Katastrophe.

Was für eine Katastrophe? Können Sie das näher erläutern?

Damit meine ich das Töten von Zivilisten.

Durch den Beschuss von Artillerie oder einer richtigen Offensive? Leider kommt es ja immer wieder zu Todesopfern unter der Zivilbevölkerung.

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Beides natürlich, wenn es zu einer großen Zahl von Todesopfern führt. Die Ukraine ist auch in der Lage, die Wasserzufuhr für den Donbass zu blockieren, was zu einer militärischen Reaktion der Armee der Donezker Volksrepublik führen würde.

Ist die Ukraine der einzige Lieferant von Wasser für die Menschen hier in Donezk?

Ja, das ist richtig.

Und wenn dieser Moment eintritt, wo die Geduld am Ende ist. Was passiert dann? Welche militärischen Ziele werden in einer Offensive verfolgt?

Ich drehe die Frage um: Was würden Sie tun, wenn Sie keine Möglichkeit hätten, irgendwohin zu gehen? 

Werden die Soldaten der Armee der Donezker Volksrepublik für ihre Dienste bezahlt?

Nein. Es gibt kein Gehalt oder ähnliches. Sie bekommen Geld für Uniformen oder die tägliche Versorgung, aber kein Gehalt.

Wer fühlt sich für die Verwundeten, Toten und Hinterbliebenen verantwortlich?

Wir unterscheiden nicht zwischen Armee, Behörden und Zivilbevölkerung. Für uns ist alles eine Einheit. Die Armee ist das Volk. Wir versuchen, für unser Volk da zu sein, ansonsten würde sich schnell Unmut in der Bevölkerung ausbreiten. Leider können wir finanziell kaum helfen, da uns die Mittel fehlen.

Herr Basurin, vielen Dank für das Gespräch.

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