Granaten-Angriff auf polnisches Generalkonsulat in der Ukraine: Kiew spielt die Verschwörungskarte

Polnisches Generalkonsulat in Luzk
Schäden durch Granatenbeschuss am polnischen Generalkonsulat im ukrainischen Luzk. Quelle: Fernsehbericht 112 Ukraine, Youtube.
Unbekannte haben das polnische Generalkonsulat in der westukrainischen Stadt Luzk aus einem Granatwerfer beschossen. Der ukrainische Geheimdienst SBU ermittelt wegen eines mutmaßlichen Terroranschlags. Antirussische Verschwörungstheorien dürfen nicht fehlen.

Ein Angriff auf die diplomatische Vertretung eines Landes kann Kriege auflösen. Hinsichtlich der jüngsten Attacke auf das Gebäude des polnischen Generalkonsulats in der westukrainischen Stadt Luzk soll es nicht soweit kommen. Polen und die Ukraine pflegen seit Beginn der ukrainischen Unabhängigkeit ein demonstratives Bündnisverhältnis.

Unbekannte beschießen Polens Konsulat im ukrainischen Luzk

Zur Regierungszeit des zweiten ukrainischen Präsidenten nach Loslösung von der Sowjetunion, Leonid Kutschma, war lange Zeit eine Kommission tätig, die Vorschläge erarbeitet hat, wie man die historischen Spannungen zwischen den beiden Ländern am besten überwindet. Mit der zunehmenden Bandera-Verehrung in der Ukraine begann sich die Atmosphäre zu trüben.

Offiziell positioniert sich polnische Regierung als europäische Fürsprecherin der Ukraine. Polnische Bürger helfen vielen Menschen im Nachbarland, die so genannte Karte eines Polen zu erlangen. Ukrainische Staatsangehörige, die Dokumente vorlegen können, die ihre polnische Abstammung beweisen, verhelfen diesen zu erleichterten Arbeits- und Aufenthaltsberechtigungen. Die Wahrscheinlichkeit, eine solche aufzuweisen, ist dabei nicht gering: Große Gebiete der heutigen Ukraine waren früher von Polen besiedelt oder gehörten über Jahrhunderte zum polnischen Staat.

Seit den letzten Jahren führen Konflikte, die sich im Laufe der gemeinsamen Geschichte zwischen den beiden Völkern ereignet hatten, immer mehr zu Zerwürfnissen. In der Ukraine werden regelmäßig Denkmäler demoliert, die an die polnischen Opfer der ukrainischen Nazi-Kollaborateure erinnern. In Polen werden im Gegenzug dort lebende Ukrainer angepöbelt. Für Spannungen sorgte auch der polnische Film "Wolhynien", der im Herbst 2016 im ganz Polen in den Kinos lief.

Der nunmehrige Beschuss des polnischen Konsulats, das tagtäglich Hunderten von Ukrainern Einreisepapiere erteilt, bringt den Konflikt auf eine neue Stufe. Das Konsulat befindet sich in der Stadt Luzk, die in der Region Wolhynien liegt – jener Region, in denen Verbände der ukrainischen Nationalisten im Jahre 1943 grausame Verbrechen gegen die polnische Zivilbevölkerung begingen.

Teilnehmer am Gedenkmarsch an die Opfer des Wolhynien-Massakers, Polen, Pschemyschl, 10. Juli 2016.

In der Nacht auf den 29. März gab es im vierten Stock des Verwaltungsgebäudes des polnischen Generalkonsulates in Luzk eine Explosion. Zu dieser war es nach vorläufigen Angaben infolge des Beschusses aus einem Granatwerfer vom Typ RPG-26 gekommen", heißt es in der Pressemitteilung des Sicherheitsdienstes SBU.

Der polnische Konsul in Luzk, Krzysztof Sawicki, bezeichnete den Angriff auf das Generalkonsulat als Terroranschlag.

Der Beschuss des polnischen Konsulatsgebäudes in Luzk ist ein Terroranschlag. Sie wollten Menschen umbringen", so der Konsul gegenüber dem Portal T24.

Bei dem Angriff wurde niemand verletzt, da die Granate den Dienstflügel des Gebäudes traf, während der Konsul selbst mit seiner Familie in einem anderen Flügel wohnt. Dennoch sollen die Täter Sawicki zufolge auf jeden Fall die Absicht verfolgt haben, zu töten, da in dem Dienstflügel zurzeit auch ein Mitarbeiter des Konsulats wohnt. Auch der Wachdienst befindet sich in dem betroffenen Teil des Gebäudes.

Alexander Diukov, der Leiter der Stiftung für Historische Erinnerung in Moskau, in einem Interview mit RT-Korrespondent Ulrich Heyden.

Der polnische Präsident Andrzej Duda sagte, dass man diese Attacke "nicht unterschätzen darf" und ordnete an, ein eigenes Ermittlungsteam zu bilden. Die Präsidenten beider Staaten, Petro Poroschenko und Andrzej Duda, sprachen über den Vorfall am Telefon. Sie einigten sich darauf, dass dies eine Provokation war, die darauf abzielte, das freundschaftliche Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine zu zerstören.

Der ukrainische Präsident lud polnische Ermittler in die Ukraine ein, um an der Aufklärung des Vorfalls mitzuwirken. Poroschenko versprach zudem, die polnischen diplomatischen Vertretungen in der Ukraine verstärkt zu bewachen. Am Mittwoch und Donnerstag blieben sie jedoch vorerst geschlossen.

Dennoch kam es zu Zusammenstößen und Blockadeversuchen vonseiten polnischer Demonstranten an Grenzübergängen, die täglich von Hunderten von Ukrainern genutzt werden. Die ukrainische Regierung versuchte, diese Spannungen mit besänftigender Rhetorik zu entschärfen. Andeutungen, wonach es möglich wäre, dass der wahre Schuldige gar nicht in der Ukraine beheimatet sein könnte, sollten sich dabei ebenfalls als hilfreich erweisen. 

Einer der Ersten, die sich in Verschwörungstheorien flüchteten, war dabei der ukrainische Botschafter Andrej Deschitza. Er sagte im polnischen Außenministerium, in welches er nach dem Vorfall in der Nacht auf Mittwoch in Luzk einbestellt worden war:

Russland ist daran interessiert, dass die Unterstützung der Ukraine im Westen durch Polen abnimmt.

Denkmal für 36 friedliche Bürger, die 1944  im ukrainischen Gebiet Lwiw von der polnischen Armia Krajowa getötet wurden.

Mit diesem Ziel sei "diese Provokation" auch organisiert worden, es könne nur die lange Hand des Kremls hinter dem Anschlag stehen. Deschitza, damals im Amt des Außenministers, nahm selbst an der Blockade der russischen Botschaft in Kiew im Sommer 2014 teil. Er stachelte damals die Randalier auf, indem er mit ihnen Schmählieder über Wladimir Putin sang. Damals beschossen sie das Gebäude mit Eiern und Farbe und demolierten mehrere Diplomatenwagen. Die Teilnahme an dieser Aktion hat man Andrej Deschitza im russischen Außenministerium nicht vergessen.

Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, reagierte auf die Anschuldigungen des Botschafters, die viele Politiker und Diplomaten in der Ukraine teilen, mit einem Facebook-Eintrag:

Himmlisch! Ich würde noch ergänzen, dass Russland mithilfe von hybriden Technologien der Ernennung von Deschitza zum Botschafter in Polen Vorschub geleistet und damit zur Untergrabung des Ansehens der Ukraine in den Augen der polnischen Bürger beigetragen hat.

Neben dem Motiv der politischen Provokation schließen die Ermittler auch Rowdytum und ordinäre Rachemotive nicht aus: Es könnte beispielsweise auch jemand die Vertretung angegriffen haben, weil man ihm zuvor ein Visum verweigert hatte.