Europa in Sorge: Kiews Vorgehen gegen russische ESC-Teilnehmerin könnte zum Eigentor werden

Europa in Sorge: Kiews Vorgehen gegen russische ESC-Teilnehmerin könnte zum Eigentor werden
Der Veranstalter EBU übt sich angesichts der ukrainischen Drohungen gegen Russlands designierte ESC-Starterin Julia Samoilowa in der Kunst, nicht aufzutauchen. Unterdessen sehen sich selbst erfahrene Ukraineversteher in den Mainstreammedien in Erklärungsnöten bezüglich Kiews Vorgehens.
Das große Skandalpotenzial um die drohende Einreiseverweigerung für die russische Sängerin Julia Samoilowa veranlasste die EBU zu einer Stellungnahme. Die Veranstalter waschen darin ihre Hände in Unschuld. Die westliche Presse übt sich in Schadensbegrenzung.

von Wladislaw Sankin

Zu erklären, dass die lebensfrohe Rollstuhlfahrerin Julia Samoilowa tatsächlich eine Gefahr für nationale Sicherheit eines großen europäischen Landes sein kann, dürfte selbst notorische Ukraineversteher im Westen vor Probleme stellen.

Die Einschaltung des ukrainischen Sicherheitsdienstes und scharfe Rhetorik des Außenministers gegen die russische Sängerin am Montag sorgte deshalb für Aufsehen und könnte sich als PR-technischer Super-GAU erweisen. Dies bleibt auch Kiews westlichen Unterstützern nicht verborgen.

Am Dienstagnachmittag meldete sich die Europäische Rundfunkanstalt mit einem Kommentar zum Vorstoß Kiews zu Wort.

Vielsagende Enthaltung aus Genf

Julia Samoilowa tritt während der Eröffnungsfeier der Winter-Paralympics in Sotschi 2014 auf.

In der Stellungnahme des Organisationsleiters Jon Ola Sand hieß es:

Die EBU versteht und respektiert die Gesetze der Ukraine und diese Frage soll durch die Regierung gelöst werden, mit der wir seit Juni einen guten Dialog hatten. Im Geiste des Wettbewerbs der Eurovision hoffen wir, eine gute Lösung zu finden, damit jede Delegation zur Teilnahme in die Ukraine anreisen kann", teilte Ola Sand auf Anfrage der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti mit.

Zuvor hatte Jon Ola Sand erklärt, dass es vonseiten der Europäischen Rundfunkanstalt keine Einwände bezüglich der russischen Delegation gibt.

Mit diesem Kommentar geben die Hauptveranstalter zu verstehen, dass sie zwar nichts gegen eine Teilnahme der russischen Sängern Julia Samoilowa haben, legen aber die Frage ihrer Teilnahme ins Ermessen der ukrainischen Regierung.

Die Frage ist nur, ob das Prinzip der Nichteinmischung, das die europäische Einrichtung in dieser konfliktbehafteten Situation an den Tag legt, an dieser Stelle angemessen ist.

Julia Samoilowa zur Eröffnung der Paralympischen Spiele in Sotschi. Nun soll sie Russland beim ESC in Kiew vertreten.

Wo bleibt die Diversität?

Die diesjährige Devise des Gesangwettbewerbs lautet "Celebrate The Diversity" – feiere die Vielfalt. Eine Teilnehmerin mit eingeschränkten Möglichkeiten, deren physische Kräfte gerade noch zum Singen reichen, wäre für das Event doch wie ein fleischgewordenes Maskottchen. Und zwar sogar mit großen Chancen auf einen Erfolg.

Ein russischer Erfolg am Schauplatz des Maidan wäre jedoch ein Albtraum für die politische Führung in Kiew. Dass deshalb die gesamte Riege an Staatsbeamten des Gastgeberlandes mit unmissverständlichen Drohungen gegen die Teilnehmerin ein schweres politisches Kaliber auffährt, ist offensichtlich.

Die Gastgeber an die vielbeschworenen humanistischen Prinzipien zu erinnern, die der Show zugrunde liegen, nämlich, dass der Gesang die Menschen in Europa verbinden soll, wäre an dieser Stelle eigentlich nicht zuviel verlangt, könnte man meinen. Zu oft konnte man ja schon zuvor Zeuge davon werden, wie europäische Einrichtungen jedweder Art ihre vorgebliche Neutralität abgelegt haben, wenn es darum ging, Russland an den Pranger zu stellen.

Die nunmehrige Reaktion der Europäischen Rundfunkanstalt wirft jedoch einmal mehr die Frage auf, ab wann die Nichteinmischung zur Prinziplosigkeit wird.

Schadensbegrenzung für Kiew

Was Kiew mit Genf zu dieser Frage im vertraulichen Rahmen bespricht, bleibt bislang ebenso verborgen. Eine Ahnung davon, welche Bedenken Europäer hinsichtlich der Machtdemonstration aus Kiew am Ende doch haben könnten, kann man in der Presse nachlesen. So lobte zwar die Süddeutsche Zeitung die "eiserne" Prinzipientreue der Ukrainer, ließ aber große Zweifel erkennen, ob diese an dieser Stelle angemessen ist. So könnte Kiew in den Augen der Weltöffentlichkeit als "herzlos" erscheinen.

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag

Bislang sorgten die Süddeutsche wie auch andere deutschen Mainstreammedien unter erheblichen Anstrengungen dafür, dass große Teile dieser Weltöffentlichkeit von der tatsächlichen Kiewer Herzlosigkeit nicht mitbekommen.

Über den Beschuss ziviler Infrastruktur, politische Verfolgungen und Blockaden ließ sich einigermaßen gut der Mantel des Schweigens breiten, wenn aktive Rechtfertigungsversuche zu gefährlich wurden. Den konkreten Fall der körperbehinderten russischen Sängerin in einer Weise darzustellen, die Kiew Sympathien rettet, wird aber auch für solche versierten Manipulatoren schwierig. Deswegen stellt das Blatt erstmals fest, dass Kiew mit seinem Vorstoß in einer Zwickmühle ist.

Deutlicher wird die Deutsche Welle. Sie hält die russische Entscheidung, ausgerechnet Julia Samoilowa nach Kiew zu entsenden, für einen klugen Schachzug. Und rät der Europäischen Rundfunkanstalt, die drohende Einreiseverweigerung gegen die russische Sängerin nicht zu akzeptieren. Wohlgemerkt nicht der Fairness wegen, sonder weil eine solche Entscheidung

Russland nutzen und der Ukraine schaden würde.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Kiew diesen Argumenten Aufmerksamkeit schenken wird. Sollte Kiew der Einreise von Julia Samoilowa zustimmen und Russland sich bis dahin nicht selbst für einen Boykott entschieden haben, bleibt es ungewiss, ob es nicht während des Wettbewerbs selbst zu politisch motivierten Skandalen kommen wird.

 

 

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