Alltag in der Donbass-Frontstadt Gorlowka: "Jeder Tag ist ein Geschenk"

Alltag in der Donbass-Frontstadt Gorlowka: "Jeder Tag ist ein Geschenk"
In der ukrainischen Frontstadt Gorlowka lebten vor dem Bürgerkrieg 250.000 Menschen. Heute sind es um ein Drittel weniger. In der Schule und im Kindergarten Nr. 40 freut man sich über jeden Rückkehrer.

von Ulrich Heyden, Gorlowka

Im Kindergarten der Schule Nr. 40 in Gorlowka gibt es gerade Mittagessen. Acht Dreijährige sitzen an zwei kleinen Kindertischen und essen. Es gibt gedünsteten Kohl und Mohrrüben mit Reis und Hackfleisch. Während des Essens gucken die Kleinen neugierig auf den Besucher. Eine Erzieherin in weißem Kittel schenkt Saft nach. Während des Essens ist es erstaunlich still. Offenbar sind die Kinder müde. Ein Junge schiebt seinen leeren Teller weg. Dann legt er die Hände und seinen Kopf auf den Tisch. Nach dem Essen gehen die Kinder im Gänsemarsch in den Schlafraum.

Der Raum, in die Kleinkinder essen und spielen, ist mit Bildern von Vögeln und Grünpflanzen verziert. Durch die großen Fenster fällt Sonne herein. Es wäre eine Idylle, wäre da nicht in einigen Kilometern Entfernung die Demarkationslinie, welche die international nicht anerkannte Volksrepublik Donezk von der Ukraine trennt.

Von der immer noch heiß umkämpften Linie dringt abends und nachts immer wieder der Lärm von Feuergefechten in die Stadt.

Die Stadt Gorlowka macht tagsüber einen ganz normalen Eindruck. Die Straßen sind nicht im besten Zustand. Aber es gibt regen Auto- und Busverkehr. Die Sonne scheint vom wolkenlos-blauen Himmel. Der Schnee schmilzt und überall bilden sich Pfützen. Vor dem Krieg hatte die Industriestadt Gorlowka 250.000 Einwohner. Heute sind es ein Drittel weniger Menschen.

Spielen, Feiern und bloß nicht immer an den Krieg denken

Wir schätzen jeden Tag, jeden Augenblick. Wir leben für die Kinder", sagt die Leiterin des Kindergartens, Anna Batischewa.

Als ich frage, was sich durch den Krieg in ihrem Leben verändert hat, kommen ihr fast die Tränen. Sie dreht sich für ein paar Sekunden zur Seite. Dann hat sich die junge Frau mit ihren langen schwarzen Haaren wieder gefangen. Sie spricht mit Begeisterung über die Feiern, die zu bestimmten Anlässen veranstaltet werden. Sie zeigt Bilder, die Kinder gemalt oder mit den Fingern getupft haben. "Die Kinder weinen selten", sagt Anna. "Sie lieben es, zu spielen und wenn man ihnen Geschichten erzählt."

Wenn es einen Alarm – wegen eines Beschusses von der ukrainischen Seite - gibt, dann wissen die Erzieher genau, wie sie sich verhalten müssen, erzählt die Leiterin des Kindergartens, die ausgebildete Psychologin ist. Das Wichtigste sei, ruhig zu bleiben, um die Kinder nicht zu ängstigen.

Wenn es zu Gefechten kommt, versuchen wir, die Kinder mit irgendwelchen Spielen abzulenken", erzählt Anna. Dann lacht sie und sagt: "Wir arbeiten ständig. Wir haben keine Zeit, über den Krieg nachzudenken. Deshalb ist bei uns alles gut und wunderbar."

Nachts hört man die Schüsse

Tagsüber sei es in Gorlowka jetzt einigermaßen ruhig, erzählt Anna. Nur abends und nachts werde an der Demarkationslinie noch geschossen. Im Januar und Februar 2015 sei es ganz schlimm gewesen. Da schlugen Geschosse direkt vor der Schule ein, erzählt Marina Dudina, die Direktorin der Schule Nr. 40, in welcher der Kindergarten untergebracht ist.

Dreimal habe man die dreistöckige Schule komplett neu verglasen müssen, erzählt später eine Lehrerin. Die Druckwellen hätten alle Fenster zerstört. Viele Väter von Kindern hätten bei der Wiederherstellung geholfen.

Auch im Februar 2015 seien Geschosse direkt vor der Schule eingeschlagen, erzählt die Direktorin. Durch die Druckwellen sei das Dach beschädigt worden. Die schweren Betonplatten, die als Dach dienen, hätten sich verschoben und seien später mit russischer Hilfe ausgewechselt worden. Es habe in den Sportsaal geregnet, der Boden sei durch die ständige Feuchtigkeit teilweise zerstört worden.

Vor dem Krieg hätten in der Schule 250 Kinder gelernt, erzählt die Schulleiterin. Doch nach dem schweren Beschuss seien viele Schüler mit ihren Eltern abgereist. Die Zahl der Kinder habe sich auf 109 verringert. Doch in den letzten zwei Jahren seien 28 Kinder zurückgekehrt, so dass die Schule jetzt 137 Kinder habe.

So freudig, wie die Schulleiterin das mitteilt, merkt man, dass sie sich über jeden einzelnen Rückkehrer freut. Langsam wird sich die Schule wieder auffüllen, glaubt Frau Dudina. Die Geflüchteten möchten wieder zurückkommen. Eltern würden ihr am Telefon und via Internet mitteilen, dass man wieder da sein werde, "sobald es ruhig ist". Die Bindung zu dem Haus, in dem man gewohnt hat, sei sehr groß, sagt die Schulleiterin.

Kinder kommen mit dem Bus zur Schule Nr. 40.

Unterricht jetzt wieder ganz auf Russisch

Weiter geht der Rundgang durch die Schule. In einer Klasse, in der gerade Englisch unterrichtet wird, zeigt mir die Lehrerin einen Blumentopf mit einer Palme. In dem Topf klafft ein Loch. "Das ist noch von einer Beschießung", sagt die Lehrerin. Ein Schrapnell sei durch das Fenster geflogen und habe auch die Gardine zerfetzt. Zum Beweis hält die Lehrerin die weiße, fast durchsichtige Gardine hoch.  Deutlich ist zu sehen, dass sie geflickt ist.

Von den 18 Schülern der Klasse, die früher den Englisch-Unterricht besuchten, sitzen jetzt nur noch elf in der Klasse. Sieben Schüler sind mit ihren Eltern in die Ukraine oder nach Russland gefahren. Ja, man habe über das Internet noch Kontakt mit den Abgereisten, erzählen die Schüler.

Ist die Verständigung trotz des Krieges noch möglich, frage ich?

Natürlich" antworten die Kinder im Chor. Über politische Fragen schreibe sie nichts, sagt eine Schülerin mit langen roten Locken. "Wir wollen keinen Ärger", sagt das Mädchen.

Eine Stunde Ukrainisch-Unterricht pro Woche

Ich besuche eine Unterrichtsstunde zur ukrainischen Literatur. Die Lehrerin behandelt gerade die Novelle "Intermezzo". Geschrieben wurde die Geschichte 1908 von dem bekannten ukrainischen Schriftsteller Mychajlo Kozjubynskyj. Sie handelt von der gescheiterten russischen Revolution 1905. Die Unterrichtssprache ist Ukrainisch.

An der Schule seien von 2007 bis 2015 alle Fächer auf Ukrainisch unterrichtet worden, erzählt die Literatur-Lehrerin. Dann sei wieder Russisch Unterrichtsprache geworden, wie vor 2007. Auf Ukrainisch gäbe es jede Woche eine Unterrichtsstunde. Unterrichtet werden im Wechsel ukrainische Literatur und ukrainische Sprache.

Dass man Russisch wieder als Unterrichtssprache eingeführt habe, sei unproblematisch gewesen, denn der Donbass sei eine russischsprachige Region.
Ich frage die Schüler, wann und wo sie Ukrainisch sprechen. Ein Schüler mit Kurzhaarschnitt antwortet, Ukrainisch spreche er nur, wenn er in die zentralukrainische Stadt Mirgorod fahre, wo vorwiegend Ukrainisch gesprochen wird.

In einer Mathematik-Stunde frage ich die Schüler, was sie machen, wenn in ihrem Bezirk Geschosse einschlagen. "Wir gehen auf die Korridore oder ins Badezimmer", sagt ein Mädchen, dort sei es am sichersten. Wenn es ganz schlimm werde und die Eltern das Signal geben, gehe man in den Keller. Was sie für Filme gucken, frage ich die Schüler. "Wir gucken irgendwelche Filme, mit denen wir uns ablenken können", sagt ein Junge. "Irgendetwas Lustiges oder Fantasy."

Schulbuch für ukrainische Literatur

Gemeinschaftsgeist und Patriotismus

Ob sich in den letzten drei Jahren etwas an der Erziehung geändert habe, frage ich Nejla Korotkowa, die stellvertretende Leiterin der Bildungsbehörde von Gorlowka. Früher habe man viel Wert auf die individuelle Entwicklung des Kindes gelegt, sagt die Beamtin. Heute lege man viel Wert auf die Entwicklung des Gemeinschaftsgeistes.

Die Kinder würden lernen, für sich selbst und für die anderen Kinder Verantwortung zu übernehmen. Man knüpfe dabei an die Traditionen an, die es zu Sowjetzeiten gab. Man lege auch Wert auf Erziehung zum Patriotismus. Dazu gehöre, dass die Kinder den Soldaten an der Front zu den Feiertagen Grußkarten schicken. Die Soldaten seien auch schon mal in die Schule zu Besuch gekommen.

"Bei uns gibt es kein Feindbild"

In der Ukraine – so Nelja – würden die Kinder jetzt mit einem Feindbild erzogen.

Bei uns werden die Kinder dazu erzogen, ihre Heimat zu lieben.

Der Rechte Sektor, das sei faktisch Faschismus. Im Donbass sei man 2014 gegen den Faschismus aufgetreten. Die Menschen, welche mit der Waffe in der Hand gegen den Faschismus kämpften, seien Großteils Bergarbeiter und einfache Leute aus dem Donbass. Die zugereisten Russen seien nur eine Minderheit.

Über Politik spreche ich mit den Lehrerinnen in der Schule Nr. 40 nicht. Ein Blick in das Amtszimmer der Schulleiterin bestätigt, was ich überall in der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk höre. Die Menschen sehnen sich danach, dass Russland die beiden Volksrepubliken Donezk und Lugansk als unabhängige Staaten anerkennt, sie unter seinen militärischen Schutz stellt und damit sicherer macht. Im Amtszimmer der Schuldirektorin hängen zwei Porträts, eines vom Premierminister der "Volksrepublik Donezk", Aleksandr Sachartschenko, und eines von Wladimir Putin.

Decken, Kerzen und Wasserflaschen

Wie ernst die Lage in der Stadt Gorlowka ist, begreife ich endgültig, als mich die stellvertretende Leiterin der Bildungsbehörde von Gorlowka, Nelja Korotkowa, zu einer improvisierten Gedenkstätte auf einem der Schule-Flure führt. Auf einem weißen, mit Rosen und Tauben verzierten Plakat sind die Fotos der in der Stadt während des Krieges getöteten Kinder aufgeklebt.

Über den Fotos steht in großem schwarzen Buchstaben: "Oni otschen choteli schit" (Sie hätte so gerne gelebt). Seit dem Beginn der so genannten Anti-Terror-Operation der ukrainischen Armee im April 2014 sind in Gorlowka 16 Kindern durch Geschosse oder Schrapnelle getötet worden, erzählt Nelja.

Dann werde ich in den Keller der Schule geführt. Dort sind zwei große Räume notdürftig als Luftschutzkeller hergerichtet. Man sieht lange hölzerne Schulbänke und einen Lehrertisch mit einer Kerze. An der Wand stehen Fünf-Liter-Wasserflaschen. Über den Heizungsrohren hängen Decken zum Trocknen. In diese Räume bringe man die Kinder, wenn das Stadtviertel beschossen wird oder wenn es eine Alarm-Übung gibt, erzählen meine Begleiterinnen.