Der rätselhafte Krieg im Donbass: Wie die Menschen in den Frontgebieten nach Normalität suchen

Ein von ukrainischer Artillerie zerstörter Lebensmittel-Laden in Donezk
Ein von ukrainischer Artillerie zerstörter Lebensmittel-Laden in Donezk
Nach dem Ende der Münchner Sicherheitskonferenz beschießt die Ukraine wieder verstärkt den Donbass. Nationalisten blockieren Versorgungswege. Russland hilft aus. Unterdessen könnten die so genannten Volksrepubliken Bergwerke und Stahlbetriebe verstaatlichen.

von Ulrich Heyden

Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz haben sich die Außenminister von Deutschland, Russland, Frankreich und der Ukraine getroffen, um über die Durchsetzung des Minsker Abkommens zu beraten. Man werde auf die Ukraine und die so genannten Volksrepubliken Einfluss nehmen, damit sie das Minsker Abkommen umsetzen, hieß es unisono nach dem Treffen der Außenminister.

Tatsächlich war es während der Konferenz in Donezk etwas ruhiger. Der Gefechtslärm, der von der Demarkationslinie abends in die Innenstadt dringt, war kaum noch zu hören. Doch die Beruhigung war nur von kurzer Dauer. Vom 21. auf den 22. Februar wurde die so genannte Volksrepublik Donezk (DNR) 674 Mal an verschiedenen Abschnitten der Demarkationslinie von der ukrainischen Armee beschossen. Dies teilte der Sprecher der DNR-Streitkräfte, Eduard Basurin, mit.

Hoch umstritten: Die OSZE-Mission in der Ostukraine.

In den letzten Tagen berichteten Medien auch über ein angebliches Geheimpapier, welches Andrej Artemenko, Rada-Abgeordneter der ukrainischen Radikalen Partei, an das Weiße Haus in Washington geschickt haben soll. Dem Papier zufolge soll der Donbass zur Verhandlungsmasse für einen Kompromiss zwischen Russland und dem Westen gehören. Die Krim könne man für 50 Jahre an Russland verpachten. Dafür müsse dann Donbass wieder in die Ukraine eingegliedert werden.

"Wiedervereinigung mit der Ukraine unmöglich"

Solche Vorstellungen sind von der Realität in Donezk jedoch weit entfernt. Wer täglich unter dem Bombardement von ukrainischen Geschützen lebt, will vor allem eines: sein Haus vor Bomben schützen. Und nicht wieder in einem Staat leben, der seine eigene Bevölkerung bombardiert.

Fast alle Menschen, mit denen ich in Donezk sprach, meinten, Gespräche mit Kiew seien nötig, aber eine Rückkehr in die Ukraine sei nach all dem, was in den letzten drei Jahren passiert ist, unmöglich.

Am 14. November 2014, sieben Monate nach Beginn der von Kiew so genannten Anti-Terror-Operation im Donbass, erklärte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bei einem öffentlichen Auftritt in der Ukraine:

Bei uns gehen die Kinder in die Schule, in die Kindergärten, bei ihnen werden sie in den Kellern sitzen. Weil sie nichts machen können. Und so, und gerade so, werden wir diesen Krieg gewinnen.


Ein Teil von Poroschenkos Prognose bewahrheitete sich. Viele Menschen in den Gebieten entlang der Demarkationslinie schlafen nachts, wenn die ukrainischen Geschütze donnern, mit ihren Kindern in den Kellern ihrer Häuser. Aber der Widerstandsgeist in den selbst ernannten Volksrepubliken ist nach wie vor groß. Bis auf einige Ausnahmen will sich niemand von der ukrainischen Armee und den gefürchteten rechtsextremen Bataillonen "befreien" lassen.

Munitionskisten auf freiem Feld

Der Stellungskrieg an der Demarkationslinie zehrt nicht nur an den Nerven der einfachen Menschen. Auch viele Soldaten, die auf der Seite der DNR kämpfen, beschweren sich im vertraulichen Gespräch, dass sie nicht zurückschießen dürfen. Sie wünschen sich ein offensiveres Vorgehen gegen die ukrainische Armee, dies wird von den Kommandeuren aber nicht zugelassen.

Viele Freiwillige aus Russland, die sich den Streitkräften der Volksrepubliken angeschlossen hatten, seien deshalb wieder nach Hause gefahren.

In Begleitung des DNR-Offiziers Juri fahre ich am 14. Februar mit Donezker und russischen Journalisten zum Dorf Kominternowo. Der Ort, der erst am 22. Februar wieder von ukrainischer Seite beschossen wurde, liegt im Südwesten der Volksrepublik Donezk, nicht weit von Schirokino und Mariupol.

Auf einem hügeligen Feld, nur 500 Meter von den ukrainischen Stellungen entfernt, besuchten wir einen Stützpunkt der DNR-Streitkräfte. Die etwa zwanzig Freiwilligen leben dort in provisorisch gezimmerten Hütten und Erdhöhlen. Grüne Munitionskisten lagen verstreut zwischen Schützengräben.

Wenn wir angegriffen werden, schlagen wir zurück, sagte ein Mann mit grauem Bart, der sich als Bruno vorstellt. Leider behindere das Minsker Abkommen eine effektive Gegenwehr, sagt der Freiwillige.

In einer nur schwach beleuchteten Erdhöhle mit Sitz- und Schlafgelegenheiten reicht mir die Köchin des Stützpunkts eine Blechschüssel mit leckerer Kartoffelsuppe. Ich spreche mit sechs der 20 Freiwilligen, welche die Verteidigungslinie der DNR auf dem Hügel bewachen.

Verminte Verteidigungsstellung

Wie sie den so genannten schleichenden Angriff der ukrainischen Armee in der grauen Zone stoppen wollen, will ich wissen.

Ich melde dem Kommandeur Löcher, die wir flicken müssen", meint Bruno. Wie das? "Wir legen Minen. Manchmal wissen wir selbst nicht, wie wir durch die Minen wieder zurückkommen", scherzt der Mann mit dem grauen Bart.

Bruno erzählt, er komme aus St. Petersburg und sei vor vielen Jahren als Marineinfanterist bei einer Spezialeinheit in der Demokratischen Volksrepublik Jemen im Einsatz gewesen. Bruno ist der einzige Russe, den ich auf dem Stützpunkt treffe. Alle anderen, die ich frage, kommen aus der DNR oder nahen Gebieten in der Ukraine.

Etwas abseits der improvisierten Hütten komme ich mit Andrej – Kampfname Artis – ins Gespräch. Der 19-Jährige, der schon sieben Monate an der Front ist, erzählt, er habe schon lange zu den DNR-Streitkräften gewollt. Jetzt, wo er volljährig ist, sei das endlich möglich geworden.

Die ukrainische Regierung stellt ihre derzeitige Offensive gegen den Donbass als vermeintliche Folge einer Provokation durch Rebellen dar. Es gibt jedoch eine Reihe von Anhaltspunkten dafür, dass der Angriff bereits seit längerem vorbereitet wurde.

Wie alle Soldaten bekommt Andrej einen Sold von 15.000 Rubel, das sind umgerechnet 234 Euro. Das ist in der Volksrepublik Donezk ein Spitzengehalt. Lehrer bekommen nur umgerechnet 125 Euro im Monat. Ein Kilo Fleisch kostet 3,90 Euro, ein Laib Brot 18 Cent und ein Billett für die Straßenbahn vier Cent.

Was ist das Rätselhafte an diesem Krieg?

Auf der Gedenkveranstaltung zum Tod des Feldkommandanten Michail Tolstych in Donezk traf ich Wjatscheslaw, einen Rentner, der früher als Ingenieur arbeitete. Wjatscheslaw sagte, der Krieg sei rätselhaft.

Was meinte er damit? Dass Putin nicht endlich – wie die meisten Menschen in Donezk es erhoffen – die Volksrepubliken als unabhängige Staaten anerkennt, sie unter Russlands militärischen Schutz stellt und damit schwerer angreifbar macht? Oder meint er die engen wirtschaftlichen und verwandtschaftlichen Bande zwischen den Volksrepubliken und der Ukraine, die es immer noch gibt?

Es brauchte einige Tage, bis ich die Worte von Wjatscheslaw verstand. In der Ukraine tobt nicht nur eine Auseinandersetzung um Einflusssphären zwischen dem Westen und Russland. Es herrscht auch ein Bürgerkrieg, der sich bis in die Familien hineinzieht.

Es gibt in der Ukraine Fackelmärsche der rechtsradikalen Bataillone Asow und Rechter Sektor. Doch es gibt (noch) keine faschistische Massenbewegung wie in Deutschland in den 1930er Jahren. Ukrainische Soldaten töten im Donbass für Geld, so die Meinung vieler meiner Gesprächspartner in Donezk.

Es sind oft Männer, die ihre Arbeit verloren haben und in den Sog der Anti-Russland-Propaganda geraten sind. Aus faschistischer Überzeugung töten im Donbass nur die ultranationalistischen Freiwilligenbataillone.

Reisen in vermeintliches Feindesland

Der Riss in der Ukraine geht quer durch die Familien. Und auch das kommt vor: Familien-Mitglieder verraten ihre Angehörigen an den Feind. Gleichzeitig öffnen die engen Familien-Bande zwischen den international nicht anerkannten Volksrepubliken und der Zentral-Ukraine auch einen Austausch von Mensch zu Mensch, der es möglich macht, die Übertreibungen im Propaganda-Krieg zu hinterfragen.

Noch ist aber die ukrainische Propaganda stärker mit ihren Behauptungen von der angeblichen Selbstbeschießung in Donezk und Lugansk.
Obwohl es an den Grenzen der Volksrepubliken fast täglich Tote gibt und obwohl das erste Mal seit zwei Jahren wieder Uragan- und Grad-Raketen in der Großstadt Donezk einschlugen, fahren von den Bus-Bahnhöfen der Stadt täglich Busse zu Grenzübergängen an der Demarkationslinie.

In den Bussen sitzen keine Flüchtlinge, sondern Menschen jedes Alters, die ihre Verwandten in der Ukraine besuchen und dabei große Beschwernisse auf sich nehmen. Dazu gehören der Antrag auf einen Besuchsschein per Internet und eine - wegen strenger Kontrollen auf beiden Seiten der Demarkationslinie - lange Reisezeit.

Ich habe in Donezk mehrere Familienväter getroffen, deren Kinder in ukrainischen Städten studieren, die aber nicht vorhaben, Donezk zu verlassen. Und ich habe mit Menschen gesprochen, die in der Ukraine eine Datscha haben, die sie gelegentlich auch nutzen.

Von ehemals 600 Einwohnern sind nur wenige geblieben
Bei der Besichtigung des Dorfes Kominternowo im Südosten der Volksrepublik Donezk fiel zweierlei auf: die Zerstörungen und die wenigen Bewohner. Der Großteil der einstmals 600 Einwohnern hat den Ort verlassen.

Viele Häuser haben zerborstene oder vernagelte Fenster. Nur ein Lebensmittelladen hatte noch geöffnet. Die Vitrinen waren allerdings halbleer. Und an einer Wand hing ein Zettel mit der Ankündigung, dass man die Waren in Zukunft nur noch gegen Bargeld verkaufe. So genanntes Anschreiben sei nicht mehr möglich, da der Laden jetzt selbst in Schulden stecke.

Vika Pochutschalowa, die Verkäuferin im Lebensmittelladen, zeigt uns die Folgen der jüngsten Beschießungen. Sie öffnet eine Nebentür. Man sieht nur Trümmer und das von einem Geschoss aufgerissene Dach. "Hier war unser Café", sagt die Verkäuferin. In den Trümmern habe man das Geschoss einer ukrainischen Haubitze gefunden. Beobachter der OSZE hätten es mitgenommen. Warum die ukrainische Armee schieße?

Sie wollen uns hier vertreiben, damit die ukrainische Artillerie hier dann alles zerstören kann", sagt Vika, die uns dann durch den Ort begleitet.

Sie zeigt auf die Dorfschule, deren Dach bei einem ukrainischen Angriff am 5. September 2014 zerstört wurde. Schulunterricht gibt es in dem Dorf seitdem nicht mehr.

Ein älterer Mann mit Bartstoppeln und trauriger Stimme führt uns durch den Garten seines am 8. Februar durch Geschosse stark zerstörten Hauses. Die Fenster und Gartenbäume sind zerborsten. Überall liegen Trümmer. Er habe hier mit seinen Eltern gewohnt, erzählt der etwa 60-Jährige. Wo die Eltern jetzt seien, frage ich.

Seinen 92 Jahre alten Vater habe er nach Mariupol zu Verwandten gebracht, erzählt mein Gesprächspartner. Ob sein Vater in der von Kiew kontrollierten Stadt als ehemaliger Bürger des Ortes Kominternowo sicher sei? Er hoffe, dass dort alles gut gehe, antwortet der Mann. Ganz sicher schien er sich nicht zu sein.

Fabriken in Donezk zahlen Steuern an die Ukraine

Der Krieg im Donbass ist rätselhaft. Während die Geschütze donnerten, exportierten Bergwerke aus den so genannten Volksrepubliken Kohle in die Ukraine. Die ukrainischen Kraftwerke sind aus technologischen Gründen auf die Kohle aus den umkämpften Territorien angewiesen. Kohle aus anderen Ländern ist zu teuer oder kann nicht verarbeitet werden.

Ukrainische Ultranationalisten um den Kommandeur Semjon Sementschenko und Rada-Abgeordnete blockieren nun schon seit Wochen die Schienenstränge, über die Kohle aus den Volksrepubliken in die Ukraine transportiert wird.

Man könne "den Feind nicht finanzieren", so Sementschenko. Um einen durch Kohleausfall drohenden Energiekollaps in der Ukraine zu vermeiden, hat die Regierung ein hartes Vorgehen gegen die Blockierer angekündigt. Doch es blieb bei einer Ankündigung.

Die Volksrepubliken selbst trifft die Blockade hart. Seit Montag haben fast alle Fabriken im Donbass, die Stahl produzieren, ihre Produktion auf fast null heruntergefahren.

Betroffen sind vor allem Betriebe des Oligarchen Rinat Achmetow mit insgesamt 150.000 Mitarbeitern. Die Schienen-Blockierer in der Ukraine wollen offenbar Rinat Achmetow zwingen, weiterhin Steuern in der Ukraine zu zahlen und nicht in der Volksrepublik Donezk, wie dies ein Gesetz vorschreibt, welches zum 31. März in Kraft tritt.

Die Leiter der selbernannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk, Igor Plotnizki und Aleksandr Sachartschenko.

Sollte Achmetow für seine Betriebe in den so genannten Volksrepubliken weiter Steuern an die Ukraine zahlen, droht ihm die Nationalisierung der Betriebe. Immerhin: Oligarch Achmetow hat versprochen, seinen Mitarbeitern trotz Fabriken-Stillstand zwei Drittel des Lohns weiterzubezahlen.

Russland hat sich unterdessen entschlossen, die Stahlbetriebe in den Volksrepubliken mit einem einzigartig großzügigen Akt zu unterstützen. Ab sofort soll die für die Stahlherstellung wichtige Koks-Kohle, die aus der Ukraine kam und auf Grund von Blockaden nicht mehr geliefert wird, aus Russland in die Volksrepubliken transportiert werden.

Schutzkeller für Schulkinder in der Stadt Gorlowka

Wer durch die Straßen von Donezk geht, merkt schnell, dass diese Stadt immer noch ein freundliches Verhältnis zu seiner Vergangenheit hat. Straßennamen wie "20 Jahre RKKA" (Arbeiter-Bauern Rote Armee) und "50 Jahre UdSSR" findet man nicht mehr in Moskau, wohl aber in Donezk.

Am diesjährigen Jubiläumstag zum Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan fanden in fast allen Städten der DNR Gedenkveranstaltungen statt, an denen oft auch Schulkinder teilnahmen. Auf die Frage, was sich an der Ausbildung in den letzten Jahren geändert hat, erzählt mir die stellvertretende Leiterin der Bildungsbehörde in der Stadt Gorlowka, dass der Gemeinschaftsgeist in den Schulen wieder stärker gefördert werde.

Das ist verständlich. Gemeinschaftsgeist ist in Kriegszeiten lebensnotwendig.

Wie ernst es für die Kinder ist, die längs der Demarkationslinie leben, sehe ich an der Schule Nr. 40 in Gorlowka. Auf einer Tafel im Flur sieht man die Bilder von neun Kindern, die durch ukrainische Geschosse starben.

Im Keller gibt es einen improvisierten Schutzraum mit Schulbänken, einem Lehrer-Pult, Kerzen, Wasser und Decken. Doch ein großes Bedürfnis, über den Krieg zu sprechen, haben die Kinder nicht. Sie berichten mir lieber über ihre Hobbies wie Tanzen, Singen und Sport.