Fake News über Verrat in eigenen Reihen: Fauler Gestank um Donezk-Held Giwi

Fake News über Verrat in eigenen Reihen: Fauler Gestank um Donezk-Held Giwi
Die Kreml-kritische Nowaja Gaseta veröffentlichte Material, dem zufolge der in der Vorwoche ermordete Feldkommandeur Giwi ein Feigling gewesen wäre. Als Quelle musste ein vom Geheimdienst gehackter Social-Media-Account herhalten. Gleichzeitig verstärken sich Indizien, dass der ukrainische Geheimdienst für den Mord an Tolstych verantwortlich ist.

von Ulrich Heyden, Donezk

In dem Dokumentarfilm "Der Held unserer Zeit" über den am Mittwoch bei einem Mordanschlag hinterrücks getöteten Feldkommandeur Michail Tolstych, auch bekannt als Giwi, gibt es eine Schlüsselszene. Der 36 Jahre alte Feldkommandeur steht dabei mit seinen Soldaten vor dem Stützpunkt seines "Somali"-Bataillons und raucht. Die ukrainische Armee beginnt den Stützpunkt zu beschießen. Es kracht überall. Die Soldaten suchen im Gebäude Deckung. Giwi raucht ruhig weiter, hebt in Seelenruhe ein Schrapnell auf und scheint von dem Beschuss völlig ungerührt zu sein.

Diese Szene lieben seine Anhänger in Donezk. Für sie ist Giwi ein Beschützer und Held, der es durch seinen Mut verstand, andere im Kampf gegen die Angreifer von der ukrainischen Armee mitzureißen. Zu den Trauerfeierlichkeiten in Donezk kamen über 10.000 Menschen.

Mylzew als angeblicher Informant und Killer

Doch Helden darf es nach dem Willen liberaler Medien in der Ukraine und Russland in den international nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk nicht geben. Deshalb streuen die entsprechenden Formate nun das Gerücht, Giwi sei von seinen eigenen Leuten ermordet worden. Die Kreml-kritische Moskauer Nowaja Gaseta veröffentlichte dazu einen vermeintlichen Chat mit Igor Mylzew, in dem sich dieser zum Mord an Feldkommandeur Tolstych bekennt.

Der Mord sei die Rache dafür gewesen, dass der Feldkommandeur sein Bataillon Somali bei den Kämpfen vor der von der Ukraine kontrollierten Stadt Awdeewka im Stich gelassen habe. Tolstych habe es angesichts der Stärke der ukrainischen Armee mit der Angst bekommen. Er habe sich ins Bein geschossen, um eine Evakuierung zu provozieren. Als Tolstych dann in Donezk war, habe er den Befehl gegeben, das Gebiet, in dem sich seine Kämpfer aufhielten, zu beschießen, angeblich, um die ukrainische Armee zu stoppen.

Kaum hatte die Novaja Gaseta die abenteuerliche Enthüllung über den angeblich feigen Givi gebracht, veröffentlichte das russische Internet-Portal Life.ru, welches gute Verbindungen zu den russischen Sicherheitsstrukturen hat, die Meldung, dass der Account von Igor Mylzew schon im September 2016 vom ukrainischen Geheimdienst SBU "übernommen" worden sei.

Life.ru berichtet, man habe Mylzew, der in der Volksrepublik Donezk lebt, selbst interviewt. Mylzew habe erklärt, dass er den Feldkommandeur Giwi gar nicht kenne und auch kein Mitglied des Somali-Bataillons gewesen sei. Die Streitkräfte der Volksrepublik Donezk habe er aus gesundheitlichen Gründen schon Anfang 2015 verlassen.

Die Nowaja Gaseta meldete daraufhin, Mylzew habe bestätigt, dass sein Account vom SBU übernommen worden war. Doch die Meldung, dass er und drei seiner Kameraden den Mord an Giwi ausgeführt haben, sei richtig.

Die Ermittlungen laufen noch

Wie Feldkommandeur Tolstych am Mittwochmorgen in seinem Arbeitszimmer gestorben ist, bleibt nach wie vor unklar. Nachdem es zunächst geheißen hatte, Giwi sei durch einen Schmel-Granatwerfer getötet worden, erklärten die Sicherheitsbehörden in Donezk später, eine Bombe hätte Tolstych möglicherweise getötet.

Der heute durch einen gezielten Anschlag mit einen Feuerwerfer getötete Kommandeur der Donezker Volkswehr Michail Tolstych, bekannt als Giwi, in Februar 2015 auf dem Territorium des donezker Flughafens.

Die Aufklärung des Mordes an dem letzten Feldkommandeur, der ein volksnahes Image hatte, wird von der Militärstaatsanwaltschaft geleitet, erklärte am Sonnabend auf einer Pressekonferenz der Sprecher der Donezker-Streitkräfte, Eduard Basurin. Informationen über den Stand der Aufklärung des Mordes würden derzeit nur dosiert an die Öffentlichkeit gegeben, um die Ermittlungen nicht zu erschweren.

Er kenne Indizien, die darauf hindeuten, dass der ukrainische Geheimdienst für den Mord an Tolstych verantwortlich ist, sagte Basurin.

Wir haben die Spur der Verbrecher schon gefunden und versichern, dass jeder von ihnen die ihnen die ihm zustehende Strafe erhält.

Ein Indiz für die mögliche Verwicklung des ukrainischen Geheimdienstes in den Mord sei eine Äußerung von Sorjan Schkirjak, einem Berater des ukrainischen Innenministers. Schkirjak hatte nach dem geglückten Mordanschlag auf den Polizeichef von Lugansk, Oleg Anaschtschenko, Anfang Februar erklärt, der "nächste Tote" werde Michail Tolstych sein.  Auch habe sich der ehemalige Chef des Rechten Sektors, Dmitro Jarosch, zu dem Mordanschlag auf Giwi bekannt.

Der Donezker Armee-Sprecher erklärte am Sonnabend außerdem, der ukrainische Geheimdienst stehe hinter den "Falschinformationen" über angebliche Mörder aus den eigenen Reihen. Damit wolle der SBU von dem Verdacht abzulenken, er selbst habe den Anschlag auf Tolstych in Auftrag gegeben.

Das Gerücht, wonach während des Mordes an Tolstych eine US-Drohne über Donezk flog, bestätigte der Armee-Sprecher nicht. Er habe von Journalisten gehört, dass sich drei Tage vor dem Mord ein unbemanntes Fluggerät eines Nato-Landes in großer Höhe über Donezk befunden habe. Doch auch das sei nichts Besonderes. Die Ukraine brüste sich ja öffentlich damit, dass sie Daten von westlichen Aufklärungs-Satelliten zur Verfügung gestellt bekomme.

Militärische Lage unvermindert angespannt

Die militärische Lage in der Volksrepublik Donezk ist unverändert angespannt, erklärte Basurin:

Der Gegner setzt seine Angriffe auf Wohnviertel fort.

Von Freitag auf Sonnabend habe die ukrainische Armee die so genannte Volksrepublik Donezk 438 Mal beschossen. Dabei griffen die Einheiten die Städte und Dörfer Jasinowataja, Spartak, Staramichailowka, Sachanka, Leninska, Komintern und Wesjoloje an. Ein Soldat der Donezker Streitkräfte sei verletzt worden. Bei den Angriffen haben die regierungstreuen Kräfte Grad-Raketenwerfer und Panzer eingesetzt.
Basurin erklärte zudem:

Jeder Verbrecher wird die ihm verdiente Strafe bekommen.

Die ukrainische Regierung stellt ihre derzeitige Offensive gegen den Donbass als vermeintliche Folge einer Provokation durch Rebellen dar. Es gibt jedoch eine Reihe von Anhaltspunkten dafür, dass der Angriff bereits seit längerem vorbereitet wurde.

Entgegen den Bestimmungen des Minsk-2-Abkommen habe die ukrainische Armee schwere Waffen an die Demarkationslinie herangezogen. Dazu muss man sagen, dass die Streitkräfte der nicht anerkannten Donezk-Republik die Angriffe der ukrainischen Armee seit Wochen mit Grad-Raketenwerfern zurückschlagen.

Beschallung der Grenzdörfer

Besonders "schändlich" sei auch, so der Armeesprecher, dass die nationalistischen ukrainischen Bataillone an der Demarkationslinie Lautsprecheranlagen einsetzten, mit denen die grenznahen Orte in der so genannten Volksrepublik beschallt würden. In den über die Lautsprecher gehaltenen Reden werde die Bevölkerung aufgefordert, die Ukraine und den Ideologen der Ukrainischen Aufstandsarmee und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera zu lieben.

Man verspreche der Bevölkerung, die Dörfer und Städte von "schädlichen Personen" zu säubern und alle Bürger in der ukrainischen Sprache zu unterrichten. Die Bevölkerung werde aufgefordert, Protestaktionen gegen den Beschuss von Wohnvierteln durch die Streitkräfte der selbst ernannten Volksrepubliken zu organisieren.

Die Führung des Widerstandes im Donbass – so Basurin – sei bereit, sich mit Kiew an den Verhandlungstisch zu setzen. Doch im Falle einer erneuten Aggression des Gegners werde man diesen zurückschlagen. Dann müssten seine Kämpfer "bis nach Kiew laufen".