"Kriech-Krieger": Ukrainischer Großangriff auf Donbass von langer Hand geplant

"Kriech-Krieger": Ukrainischer Großangriff auf Donbass von langer Hand geplant
Die ukrainische Regierung stellt ihre derzeitige Offensive gegen den Donbass als vermeintliche Folge einer Provokation durch Rebellen dar. Es gibt jedoch eine Reihe von Anhaltspunkten dafür, dass der Angriff bereits seit längerem vorbereitet wurde.
Entlang der Demarkationslinie im Donbass wird mit schwerer Artillerie und Raketen gekämpft. Mindestens 17.000 Menschen sitzen nach dem Ausfall der Fernwärme im Kalten. Präsident Poroschenko will nun auch Referendum über eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine.

von Ulrich Heyden, Moskau

Am Sonntag begannen entlang der Demarkationslinie vor den Republiken Donezk und Lugansk schwere Kämpfe mit Artillerie und Raketenwerfern. Die Linie trennt die Zentralukraine von den international nicht anerkannten Volksrepubliken. Vergleichbar schwere Kämpfe hat es seit Februar 2015 nicht mehr gegeben. Die Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den Militäreinheiten der selbst ernannten Volksrepubliken haben sich nach Angaben des Fernsehkanals Rossija 24 auf eine Länge von 50 Kilometern entlang der in Minsk vereinbarten, so genannten Kontaktlinie ausgedehnt.

Die Ukraine meldete am Donnerstag zwei tote und 17 verletzte Soldaten. Doch die Militäraufklärung der Volksrepublik Donezk behauptet, Kiew spiele die eigenen Verluste herunter. Allein am 29. und 30. Januar seien tatsächlich 78 ukrainische Soldaten getötet worden. Die Militäraufklärung der DNR behauptet, sie sei im Besitz eines Berichtes der ukrainischen Generalstabschefs Viktor Muschenko, aus dem diese Zahlen hervorgehen.

Der ukrainische Verteidigungsminister Stepan Poltorak erklärte nach dem Ausbruch der Kämpfe, zwei Gruppen von "Terroristen" - gemeint sind DNR-Soldaten - zwischen 20 und 30 Mann hätten einen Angriff ausgeführt. An einer Position sei eine Gruppe von ukrainischen Soldaten aufgehalten worden, an einer zweiten Position hätten ukrainische Armee-Angehörige einen Punkt von strategischer Bedeutung erobert.

Am Dienstag besuchte der Ministerpräsident der Volksrepublik Donezk, Aleksandr Sachartschenko, den DNR-Truppenstützpunkt Jasinowatowski unweit von Awdeewka. Sachartschenko erklärte, die Lage sei sehr schwierig. Im Gebiet Awdeewka versuchten ukrainische Kräfte schon seit drei Tagen, die Front zu durchbrechen.

Die Ukraine erleide schwere Verluste, schaffe es aber nicht, durchzukommen. In dem Video ist zu sehen, wie Truppen der international nicht anerkannten Volksrepublik gegnerische Positionen beschießen und Munition nachladen. Ein Verletzter wird abtransportiert. 

Will Kiew Unterstützung des Westens erzwingen?

Die Kämpfe begannen am Sonntag, nur einen Tag nach dem ersten Telefongespräch zwischen Trump und Putin und nur einen Tag vor dem Besuch des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Berlin. Nach Meinung des Kiewer Politologen Michail Pogrebinski wollte Kiew mit einem Angriff der ukrainischen Truppen den vermeintlichen "neuen Westen" aus Deutschland, Frankreich und Polen auf sein Verhältnis zur Ukraine-Krise prüfen und Russland zu einer harten Antwort provozieren.

Sollte eine solche erfolgen, könnte Kiew wieder mit dem Finger auf das vermeintlich aggressive Russland zeigen und Verhandlungen unterminieren. Kiew fühle sich insbesondere durch die Wahl von Donald Trump in den USA in die Ecke gedrängt. Der Politologe legte mit seinen Äußerungen nahe, dass Kiew hofft, durch das Provozieren von Konflikten eine Unterstützung des Westens zu erzwingen.

Darauf, dass Kiew an den wiederaufgeflammten Kämpfen im Donbass die Schuld trägt, gibt es mehrere Hinweise. Für Moskau hätte eine Zuspitzung keinerlei Vorteile, da die westlichen Medien Russland in diesem Fall noch stärker ins Visier nehmen würden.

Dass die Ukraine sich bereits seit langem akribisch auf diesen Angriff vorbereitete, konnte man hingegen nicht zuletzt der Äußerung eines ukrainischen Nachrichtensprechers entnehmen, der von einem "Sieg des kriechenden Angriffs" sprach. Dieser sei einen Monat lang von der ukrainischen Armee entlang der Demarkationslinie vorbereitet worden. Offenbar war damit der Einsatz kleiner ukrainischer Kampfgruppen gemeint, die sich über offenes Gelände leichter bewegen können.

Kämpft die Ukraine jetzt militärisch für die Grenzen von "Minsk 1"?

Der Sprecher erklärte den Fernsehzuschauern, dass mehrere Gebiete, die jetzt in der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk liegen, etwa die Städte Debalzewo und Dokutschajewsk sowie einige Dörfer im Süden, nach dem Minsk-1-Abkommen vom September 2014 eigentlich zur Ukraine gehörten.
Der Eisenbahnknotenpunkt Debalzewo war von Kämpfern der DNR-Streitkräfte im Januar 2015 erobert worden.

Militärexperten der Volksrepublik Donezk vermuten, dass Kiew jetzt versuche, die Stadt zurückzuerobern und dabei so tut, als wolle man den im ersten Minsker Abkommen vereinbarten Verlauf der Demarkationslinie wiederherstellen.

Zahl der Beschüsse mit schwerer Munition im Donbass steigt auf 1.000 – OSZE

Bis zum Februar 2015 ragte das von der Ukraine kontrollierte Gebiet um Debalzewo wie eine Hand in das Gebiet der DNR hinein. Die Eroberung des Gebiets war für die DNR ein enormer Gewinn an Sicherheit, den man jetzt unter keinen Umständen aufgeben will.

Die Situation scheint für die Volksrepublik Donezk sehr ernst zu sein. Der stellvertretende Leiter der operativen Einheiten der DNR-Streitkräfte, Eduard Basurin, erklärte am Donnerstag vor Journalisten, dass die ukrainischen Streitkräfte vor der Stadt Awdeewka zehn Infanterie-Kompanien, eine Brigade des Rechten Sektors, Kämpfer der ultranationalistischen Freiwilligen-Einheiten Asow und Dnjepr-1 sowie 15 Panzer, 20 Schützenpanzer, 16 Granatwerfer konzentriert hätten.

Die Kämpfe begannen am Sonntag in der Industriezone, die vor der Stadt Awdeewka liegt. Die Stadt liegt in jenem Teil des Donezk-Gebietes, der von den ukrainischen Truppen kontrolliert wird. Weil bei den Kämpfen ein Stromkabel zerstört wurde, arbeitet die Kokerei von Awdeewka – die größte in Europa – nur noch mit minimaler Kraft. Dies bedeutet, dass sie keine Fernwärme mehr für die 17.000 Bewohner der Stadt liefern kann, und das bei Außentemperaturen von minus zehn Grad. Angeblich ist nun die Evakuierung der Einwohner von Awdeewka geplant. Tatsächlich evakuiert wurden bis Donnerstagmorgen allerdings erst 149 Personen.

Ukrainische Panzer in Awdeewka

Für einen Riesen-Skandal sorgte gestern zudem der BBC-Korrespondent Tom Burridge, der via Twitter ein Video postete, in dem ukrainische Panzer in einem Stadtviertel von Awdeewka zu sehen sind. Der Korrespondent twitterte: "Wir trafen ukrainische Truppen und Panzer in #Avdiivka die bereit für den Einsatz scheinen – und wird konnten hören, dass es keinen Waffenstillstand gibt." Mit "wir konnten hören" war offenbar der ständige Gefechtslärm gemeint.

Auf dem Video sieht man auch, wie sich eine OSZE-Mitarbeiterin mit einem der ukrainischen Soldaten unterhält. Die Video-Enthüllung des britischen Korrespondenten löste in russischen Medien Entrüstung aus, denn nach dem Minsk-II-Abkommen dürfen schwere Waffen nur maximal 30 Kilometer von der Kontaktlinie entfernt stationiert werden. Auch der Spiegel veröffentlichte ein Foto von einem Panzer in Awdeewka. Dabei schrieb er aber nicht, dass es ein ukrainischer Panzer war.

Bestellte Dankesworte an die ukrainische Armee

Der ukrainische Fernsehkanal Inter hatte bei seiner Berichterstattung aus Awdeewka seine Nöte. Weil es offenbar niemanden unter den Anwohnern gab, der vor der Kamera ein paar Dankesworte an die ukrainische Armee richten wollte, bereitete man extra eine Beamtin aus Mariupol für einen emotionalen Auftritt vor. Sie sagte tränenüberströmt gegenüber einem ukrainischen Soldaten:

Geben sie Awdeewka nicht auf.

Dass es sich bei der älteren Frau um eine Beamtin aus Mariupol handelte, enthüllte via Facebook der Chefredakteur der kritischen Internetzeitung Timer aus Odessa, Juri Tkatschow. Er hatte über seine zahlreichen Kontakte von dem Vorfall erfahren.


Panik im Einkaufszentrum von Donezk

Von dem Krieg sind auch Menschen in der ebenfalls international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk betroffen. In Donezk schlugen Geschosse in der Rudutskaja-Straße und der Obski-Gasse ein. Im größten Einkaufszentrum der Stadt - Donezk-City - fiel plötzlich das Licht aus. Es entstand eine leichte Panik. Die Fenster im Stadtzentrum klappern wegen der ständigen Geschoss-Einschläge in den Randbezirken, berichtete der Reporter von Rossija 24. In einem Bergwerk im DNR-Gebiet waren eines Stromausfalls wegen kurzzeitig 200 Bergleute unter Tage eingeschlossen.

In der Stadt Makejewka wurde eine Frau getötet, die gerade Holz zum Heizen holen wollte. Infolge des Beschusses flüchteten in der gleichen Stadt Schüler einer Schule im Bezirk Tscherwonogwardejski in den Keller, berichtete das Internet-Portal Gazeta.ru.

Kämpfe um strategisch wichtige Orte

Um die Industriezone von Awdeewka wird bereits seit einem Jahr gekämpft, berichtete das Internet-Portal.

Innerhalb des Industriegebiets Donbass liegen die Orte sehr nah beieinander, sie gehen oft förmlich ineinander über, ähnlich wie im Ruhrgebiet. Die Industriezone von Awdeewka liegt, wie man dort sagt, nur einen Pistolenschuss entfernt von dem wichtigen Straßenknotenpunkt der Stadt Jasinowataja. Dieser wiederum sei schon fast ein Vorort der Großstadt Donezk. Wer diesen Knotenpunkt kontrolliere, habe auch die Kontrolle über den Verkehr nach Lugansk und Makejewka.

Ukrainischer Militärtransporter im Tiefflug über russischen Bohrstationen

Einen weiteren Anlass, sich als Opfer einer angeblichen russischen Aggression darzustellen, war für die Kiewer Regierung auch ein Vorfall, der sich am Mittwoch über dem Schwarzen Meer zugetragen hatte. Dort sei ein Transport-Flugzeug vom Typ Antonow-26 aus Gewehren beschossen worden, als es während eines vermeintlichen Trainingsfluges über zwei russischen Gas-Bohrstationen im Schwarzen Meer flog. Das russische Verteidigungsministerium sprach von einem "provokatorisch niedrigen Flug". Die Arbeiter auf den Bohrstationen seien in Gefahr gebracht worden. Es seien nur Warn-Signale abgegeben worden, weil der Bohrturm in Gefahr war.

In Kiew wurden gestern auf dem Maidan im Zentrum der Stadt tote Frontsoldaten in einer feierlichen Zeremonie aufgebahrt. Hunderte Bürger wohnten der Trauer-Veranstaltung bei.

Am Donnerstag erklärte der ukrainische Präsident, Petro Poroschenko, er werde ein Referendum über die Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO ansetzen. Offenbar verspricht sich der ukrainische Präsident durch die neuen Kämpfe in der Ost-Ukraine eine steigende Bereitschaft in der Bevölkerung, sich für einen Beitritt zu dem Militärbündnis auszusprechen.

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