Verschwörungstheorie als Lachnummer - "Polnische Versager" machen aus Smolensk-Eklat Satire

Verschwörungstheorie als Lachnummer - "Polnische Versager" machen aus Smolensk-Eklat Satire
Die polnische Regierungsmaschine vom Typ Tupolev Tu-154.
Polens Botschafter hatte sich bislang vergeblich bemüht, den Katastrophen-Film "Smolensk" in die Kinos zu bringen. Ein deutsch-polnischer Verein organisierte am 6. Januar im Berliner Babylon eine alternative Vorführung. RT besuchte den ausverkauften Event.

von Wladislaw Sankin

Noch um 18:45 Freitagabends konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Weg ins Wochenende über den "schlechtesten Film des Jahres" (tagesschau.de) führen wird. Um 19 Uhr war ich schon unterwegs zur Filmvorstellung im Berliner Babylon. Beim Abschied und den üblichen Wochenendwünschen hatte mir ein Kollege einen Link mit der Filmankündigung zugespielt, verbunden mit der Frage: "Hast du Lust?" Der Versuchung konnte ich mir nicht entziehen. Eine antirussische Verschwörungstheorie "Made in Poland" hier im deutschen Arthouse-Kino?

Die Vorführung des besonders holzschnittartigen antirussischen Machwerks "Smolensk" im Berliner Babylon zeigte die Grenzen der Wirkmächtigkeit russlandfeindlicher Stimmungsmache in Deutschland auf: Zumindest, wenn sie vonseiten der religiösen Rechten kommt, stößt die Propaganda auf Skepsis.

Da passte etwas nicht zusammen und ich entschied mich kurzerhand, selbst dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Die Absturzursache der im dichten Nebel bei Smolensk am 10. April 2010 zerschellten polnischen Präsidentenmaschine schien für mich, wie auch für die meisten Deutschen, im Wesentlichen geklärt zu sein. Dass die jetzige polnische Regierung an der Tragödie ständig rüttelt und Verschwörungstheorien verbreitet, wusste ich natürlich. Aber was hatte ein deutsches Filmtheater damit zu tun?

Quelel: Ruptly

Zugegeben, ich verfolgte in den letzten drei Monaten den Berliner Tagesspiegel und die taz nicht wirklich regelmäßig. Und ein Fan der Gemeinde "Club der polnischen Versager" war ich auch nicht. Der Verein fungierte als Veranstalter der Vorführung im Babylon, nachdem die anderen Berliner Kinos mit der Sache nichts zu tun haben wollten, was zu einem kleinen diplomatischen Eklat führte.

Hätte ich all dies intensiver mitverfolgt, hätte ich den Kontext der Veranstaltung schon im Vorfeld besser verstanden. Aber ich genoss meine Ahnungslosigkeit – was eigentlich normalerweise ein Manko für einen Journalisten ist, verschaffte mir jetzt den Vorteil, unvoreingenommen zu sein.

Vor dem Kino wartete schon die erste Überraschung – der für 400 Personen ausgelegte Saal war ausverkauft. Etwa zehn Personen, darunter ich, konnten eigentlich nicht mehr rein. Der Direktor höchstpersönlich stand an der Kartenkontrolle: Stühle rein? Nein, geht nicht. Hier ist die Presse!? Kaufen Sie eine Karte! Plötzlich hatte ich Glück: Eine Frau kam rein und wollte eine Einzelkarte abgeben. Ich durfte in der ersten Reihe Platz nehmen.

Der Film beginnt. In den ersten 30 Minuten fügt er mir buchstäblich physischen Schmerz zu und das nicht nur wegen der penetranten "Thrillermusik" und Nackenschmerzen eines Besuchers "aus der ersten Reihe". Die im Film selten zu sehenden Russen haben kaum menschliche Züge, sie sind nicht in der Lage, einen vollen Satz auszusprechen, scheinen betrunken zu sein, sind ungepflegt, hölzern, schlecht gekleidet. Und natürlich vollkommen düster. Hoffnungslos schlecht ausgerüstet sind sie auch. So lotsen sie die Landung der Maschine nicht von einem Turm aus, sondern aus einem Container im Wald. Als die Maschine abstürzt, erweckt einer der Lotsen den Eindruck, er sei der eigentliche Täter. Nach drei Minuten des Films weiß der Zuschauer Bescheid.  

Doch der Film ist nicht nur antirussisch. Er teilt auch Polen in Gute und Schlechte. Die Guten sind stolz, ehrlich und religiös. Sie mögen Chopin und haben die guten, coolen American Boys aus Chicago an ihrer Seite. Diese zweifeln nämlich auch an der offiziellen Version der Expertenkommission, wonach für den Absturz im Wesentlichen chaotisches Verhalten der hochrangigen Flugzeuginsassen verantwortlich sei. Die schlechten Polen um den damaligen Premier Tusk wollten jedoch aus politischen Gründen die wahren Ursachen vertuschen, um ihre politischen Gegner schlecht dastehen zu lassen. Oder waren sie selbst in die Sache verstrickt und gaben den Anschlag bei russischen Geheimdiensten in Auftrag? Schließlich kommen sie im Film nicht viel sympathischer rüber als die Russen.

Vorwürfe von Ex-Außenminister Polens gegen Putin waren frei erfunden

Wer aber könnte sonst noch dahinterstecken? Der Kulminationspunkt des Films ist der Auftritt des verunglückten Präsidenten Lech Kaszynski in Tiflis in jenen Tagen, als russische Truppen im Züge des fünftägigen Krieges im August 2008 kurz vor der georgischen Hauptstadt standen. Sie nahmen damals die Stadt nicht ein und zogen sich zurück, denn das Ziel der Operation war es, die angreifenden georgischen Truppen zurückzuschlagen und nicht, das Land zu besetzen.

Die damalige flammende Rede des polnischen Präsidenten gegen den "Nachbarn im Osten" sollte sein Todesurteil sein, darauf will der Regisseur hinaus. Da die Leute ja längst wissen sollen, was für ein böser Bube der Präsident Putin ist, ist ihm auch diese grausame Rache durchaus zuzumuten. Am Ende des Films sind auch die Hauptprotagonisten - die recherchierende Journalistin und ihr Kameramann und Liebhaber - erschrocken über die eigene Naivität, mit der sie der offiziellen "politkorrekten" Version des Geschehens Glauben schenkten.

In einer der Schlussszenen trafen einander die bei Katyn ermordeten polnischen Offiziere und jene Delegation hochrangiger Polen aus dem Jahr 2010, die zu deren Gedenken nach Katyn kommen wollte, im Himmel. Der Kreis schloss sich, nach Katyn kommt Smolensk und die Polen sind einmal mehr Opfer der Gewalt aus dem Osten.

Quelle: Soerfm

Die Veranstalter wollten die verdutzten und teilweise entsetzten Zuschauer nicht so einfach mit ihren Irritationen allein lassen und gaben ihnen eine Verdauungshilfe in Form einer Podiumdiskussion mit Polenkennern mit auf den Weg. Vor Ort zugegen waren in dieser Funktion der Historiker Dr. Piotr Olszowka und der Journalisten Philip Fritz anwesend.

Die Experten weigerten sich, den soeben gesehenen Streifen überhaupt als Film zu bezeichnen. Ein religiöses Werk sei er, aber auch ein pornografisches, so Olszowka. Der Lacher im Saal sei eine natürliche, fast reflexartige und deshalb auch bei so einem tragischen Thema zu entschuldigende Reaktion. Auch für einen Propaganda-Film sei der Film zu schlecht, er müsse sich für ihn "fremdschämen", so der Journalist Fritz.  

Auch nach der Spieltheorie sei der Film nutzlos, meinte der Wissenschaftler weiter. Wer an die im Film vorgestellte Verschwörungstheorie glaubt, werde sie auch weiterhin glauben, die anderen würden umso mehr von ihr angewidert sein. Auch im politischen Kampf sei dieses Werk im heutigen Polen nicht zu gebrauchen, denn der Bruder des damaligen Präsidenten Jaroslaw Kaszynski und seine Partei Recht und Gerechtigkeit hätten im Staat sowieso alle Fäden an der Hand.

Wird wohl nicht mehr lange stehen: Monument zu Ehren der Soldaten der Roten Armee in Warschau, vis à vis der griechisch-katholischen Kirche in der polnischen Hauptstadt.

Dennoch: Mit diesem Film und dem Beharren auf der Anschlags-Version wird in Polen zurzeit Politik gemacht. Die Folgen sind zunächst für die Angehörigen der Opfer in starkem Maße spürbar, denn diese werden auch weiterhin mit der gegen ihren Willen beschlossenen Exhumierung der sterblichen Überreste der Verunglückten konfrontiert. Diese neue Expertise soll ein neues Licht auf die angeblich nicht aufgeklärte Tragödie werfen.

Und auch der polnische Botschafter Andrzej Przyłębski meinte es durchaus ernst mit dem Film, zumal er sich seit September 2016 auf einem Streifzug durch deutsche Kinos befindet, mit dem Ziel, ihn deutschen Würdeträgern zu zeigen. Doch die Deutschen wollten nichts mit dieser künstlerisch so grob verpackten Verschwörungstheorie zu tun haben. Die Vorführung durch die kürzlich eingesprungenen "Polnischen Versager" konnte rechtzeitig den Skandal in Realsatire wenden. Die Veranstaltung am 6. Januar im Babylon war mit Sicherheit der tragikomischste Event, den dieser Ort je gesehen hat.

Vor den Kassen verteilten die Freiwilligen die Flyer des Clubs. Der "Club der polnischen Versager" ist trotz einer Bühne, die in ihren Räumen nur auf zwei Paletten steht, zu einem charmanten Ort der Berlinen Szene geworden.

Es war aber auch ein richtiger und politisch durchaus mutiger Entschluss. Der "Club der polnischen Versager" um den Journalisten Adam Gusowski und den Grafiker Piotr Mordel, der seit über 15 Jahren oft mittels Satire den Deutschen die Polen "verklärt", kann mit großer Wahrscheinlichkeit mit weiteren Attacken vonseiten der polnischen Presse rechnen. Was für sie selbst nicht schlimm ist, da sie sich selbst ohnehin als "Exil-Polen" sehen.

Diese Anekdote zeigte immerhin auch, dass der Trommelwirbel antirussischer Hysterie, den deutschen Medien regelmäßig vom Stapel lassen, noch nicht alle Köpfe verdreht hat. Der Abend zeigte deutlich, dass antirussische Verschwörungstheorien, sofern sie nur einen gewissen Absurditätgrad überschreiten, auch in Deutschland keine Anhänger mehr finden können.

In diesem konkreten Fall trugen womöglich dennoch auch die Ermittlungen zum Unglück dazu bei, die auf russischem Territorium im Einvernehmen mit den internationalen Standards stattfanden und ein glaubwürdiges Ergebnis lieferten. Deshalb liegt eine Parallele zum Flug MH 17 nahe.

Sollten Ermittlungen, die irgendeiner vermeintlichen russischen "Verschwörung" auf den Grund gehen sollen, mithilfe zweifelhafter Methoden, dubioser Quellen oder einfach in unwilliger und intrasparenter Weise stattfinden - sei es im Zusammenhang mit Doping-Affären, Cyberattacken, Angriffen auf syrische Krankenhäuser oder dem Abschuss eines malayischen Flugzeuges -, dann sind die Zeichner von Billingcat, die "Rechercheure" von Correctiv oder gar bloß anonyme "Beobachter" schnell zu Stelle. Der Mangel an Beweisen wird dann durch eine umso ausgefeiltere Propaganda wettgemacht.

Trotzdem: Der Menschenverstand, den die deutsche Presse und die deutsch-polnischen Alternativ-Veranstalter in diesem konkreten Fall an den Tag legten, ließ hoffen, dass der Boden der Bundesrepublik in Zukunft doch kein so guter Ort für antirussische Propaganda sein wird, wie man nach Jahren gezielter Stimmungsmache vielleicht erwarten konnte. Zumindest dann, wenn deren Hintergrund kein "liberaler" ist. Der polnische Botschafter sucht übrigens weiterhin nach passenden Orten für die Vorführung von "Smolensk". 

ForumVostok