Kriegsspiele für Jedermann: Nun auch Milizen in Estland

Kriegsspiele für Jedermann: Nun auch Milizen in Estland
Soldaten in Estland während der NATO-Übrung Saber Strike-2016: Jetzt könne auch einfache Bürger Krieg spielen.
Tief in den Wäldern um die estnische Hauptstadt Tallinn kann sich der Normalbürger nun an der Waffe ausbilden lassen, um sich im Ernstfall gegen den "russischen Aggressor" verteidigen zu können. Damit folgt das Land einem neuen Trend in den osteuropäischen EU-Staaten.

von Olga Banach

Die paramilitärische Freiwilligenmiliz „Estonian Defence League

In der schwedischen Zeitung "Aftonbladet" erschien jüngst eine Kurzreportage über estnische Kriegsspiele an der russischen Grenze. Durchgeführt werden diese von einem Bataillon, dass sich "Eesti Kaitseliit" (Estnische Verteidigungseinheit) nennt und derzeit 15.000 Freiwillige umfasst. Ziel ist es, die Unabhängigkeit des Landes zu gewährleisten. Sie unterhält Verbindungen zu den nordischen Ländern, den USA und England und besteht seit 1918. 

Im Zentrum der Reportage steht eine junge estnische Frau, Bärbel Salumäe, Mutter zweier Kinder, die den Krieg gegen Russland proben will, um ihre Heimat zu verteidigen. Das Training erstreckt sich über zehn Wochenenden im Jahr. Es umfasst das Erlernen der Navigation mithilfe von Karten und das Training an der Waffe. Ihre Motivation für eine Teilnahme ist, so erklärt sie, dass man sich im Ernstfall nicht auf die Unterstützung der NATO und der Europäischen Union verlassen könne. Der Ernstfall ist jedoch - wie könnte es anders sein? - ein russischer Angriff. 

Während seines Wahlkampfes hatte der designierte US-Präsident Donald Trump die NATO als eine veraltete Institution bezeichnet und in ihre Richtung drastische Worte gefunden:

Hey, NATO-Alliierte, wenn wir keine Rückerstattung für die wahnsinnig hohen Kosten für euren Schutz erhalten, sage ich euch: Herzlichen Glückwunsch, ihr werdet euch selbst verteidigen.

Nach Trumps Wahl tweetete jedoch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg:

Ein gutes Gespräch mit dem amerikanischen gewählten Präsidenten Donald Trump. Wir unterstrichen beide die Wichtigkeit der NATO und steigender Verteidigungsausgaben.

Trainieren für den Tag X - Polnische Paramilitärs im Einsatz

Das "Aftonbladet" sieht den Ukraine-Konflikt als einen Wendepunkt hinsichtlich der Stimmung unter den Esten an. Die Leiterin der Einheit, Sigrid Hartman, betont aber, dass sie nicht das russische Volk als Feind sieht, sondern "nur" die russische Politik.

Auch der General Meelis Kiili wünscht sich ein bewaffnetes estnisches Volk. Er wies die Mitglieder von "Kaitseliit" dazu an, bei den Behörden eine Erlaubnis für die Waffen- und Munitionslagerung einzuholen. Doch die Sanktionen gegen Russland, die den wirtschaftlichen Austausch mit dem Nachbarland eingedämmt haben, zeigen sich am Ende auch in fehlendem Budget für das effiziente Kriegstraining. 

Ein Viertel der Bevölkerung Estlands ist russischer Abstammung. Das Land ist kulturell und geschichtlich eng mit Russland verwoben. NATO-Militärübungen nahe der russischen Grenze sind keine Seltenheit. Möglicherweise stecken aber auch ganz andere Motive als tatsächliche Angst vor der vielbeschworenen "russischen Aggression" hinter dem Zuspruch zur privaten Wehrertüchtigung.

Für Bärbel Salumäe ist das Bataillon jedenfalls auch ein Ausbruch aus einem oft tristen Alltag in eine spannende Kriegs- und Abenteuerwelt. Auf der Facebook-Seite der Freiwilligenarmee strahlen Kinderaugen, der Nachwuchs sitzt auf Armeefahrzeugen und probiert Camouflage-Anzüge an.

Im Falle eines Kriegsausbruches zwischen Estland und Russland werde sich ihr Mann mit den Kindern auf den Weg nach Schweden machen, erklärt die Freiwillige. Sie selbst will dann für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpfen. Schweden ist, wie auch Finnland, mittlerweile ein NATO-Gastland, das seine Unabhängigkeit verloren hat.