Maidan-Bilanz nach drei Jahren (1): Der Mythos von der "Nationsbildung"

Maidan-Bilanz nach drei Jahren (1): Der Mythos von der "Nationsbildung"
Die Aufständischen vom Maidan. Ein Foto von Dmitri Stenin, eines in der Ukraine ums Leben gekommenen russischen Journalisten.
Heute vor drei Jahren begannen die Proteste auf dem Kiewer Maidan Nesalezhnosti. Sie lösten eine europaweite Kettenreaktion aus. Am Ende blieben eine Reihe nicht aufgeklärter Verbrechen, eine gespaltene Gesellschaft und das Ende des inneren Friedens.

Der Begriff "Maidan", ein türkisch-arabisches Lehnwort im Ukrainischen, ist mittlerweile weltbekannt. Er bedeutet so viel wie "Platz" und ist zum Sinnbild für Straßenproteste geworden, die in Unruhen ausarten - Unruhen, die am Ende die politische Ordnung des jeweils betroffenen Staates als solche gefährden. Zumindest bei einem Teil des politischen Spektrums wird das Wort "Maidan" mittlerweile als Synonym zur Vorstufe eines Staatstreiches verwendet.

Die anderen wiederum, die Nutznießer dieser Umstürze, konnotieren das Wort positiv. Aus ihrer Sicht begann vor drei Jahren in Kiew der so genannte "Euromaidan". Mit Blick auf das, was nach der genau drei Monate - vom 21. November bis zum 22. Februar - andauernden Auseinandersetzung im Zentrum von Kiew geschehen ist, sprechen sie von einer "Revolution der Würde". Diejenigen, die aufseiten der Aufständischen ums Leben gekommen sind, nennen sie die "Himmlische Hundertschaft".

Ukrainische Nationalisten kündigten neuen Maidan an (Archivbild 2014)

Dabei hatte alles relativ unspektakulär angefangen. Nachdem der damalige ukrainische Präsident Wiktor Janukowytsch am 21. November überraschend das EU-Assoziierungsabkommen in Litauens Hauptstadt Wilnius nicht unterzeichnet hatte, kamen nach dem Twitter-Aufruf des proeuropäischen Aktivisten Mustafa Najem die ersten hundert Studenten auf den Unabhängigkeitsplatz, so heißt der Maidan Nesalezhnosti auf Deutsch.

Die Studenten, die auf Austausch-Programme mit Europa aus sind, waren die vielleicht am stärksten an der Aufhebung der Visapflicht in der EU interessierte Bevölkerungsgruppe. Diese war schließlich die Maßnahme, die von der pro-europäischen damaligen Opposition als vermeintlich unmittelbare Folge des Assoziierungsabkommens mit der EU angepriesen worden war. In jedem Land Osteuropas sind Studenten diejenige gesellschaftliche Gruppe, die mit ihrer naiven Begeisterung für Europa, dessen vermeintlichen Möglichkeiten der Aussicht auf Großzügigkeit im Bereich der Reisefreiheit politisch am leichtesten für "proeuropäische" Parteien mobilisierbar sind.

Die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Odessa-Massakers am 02. Mai 2015 in Berlin.

Polizeieinheiten trieben in der kalten Nacht zum 1. Dezember das Zeltlager der Studenten auseinander. Diese hofften auf die zweite "Orangene Revolution" nach der unrühmlich gescheiterten ursprünglichen im Jahre 2004. Obwohl diese an Korruption und der Uneinigkeit ihrer Protagonisten zerbrach: Mit ihren orangenen Zelten und gut organisierten Protesten war sie in Erinnerung geblieben und wurde auch schon zu einem Teil des nationalen Mythos für den "proeuropäischen" Teil der Ukraine. Es ist bezeichnend, dass jetzt, nach drei Jahren, die ukrainischen Chronisten des Maidan die Entscheidung über die Räumung des Maidans nicht der "dämonischen Kraft" der bösen Staatsmacht zuschreiben, sondern gerade an diesem Narrativ zweifeln.

So schreibt heute das Nachrichtenportal Den' (Tag):

Die seltsame und absurde Verprügelung der Studenten deutet darauf hin, dass es im Umfeld des damaligen Präsidenten Kräfte gab, die ihn offenbar gerne durch Taten mit unumkehrbaren Folgen in den Abgrund geschoben hätten.

In der Tat war das Timing fast zu perfekt: Als die Polizeieinheiten einrückten, waren plötzlich in der frostigen Nacht auch westliche TV-Teams vor Ort und filmten die mit Stöcken gegen die Wehrlosen vorgehenden Polizisten. Die Aufnahmen gingen um die Welt. Seit diesem Tag wurde der Maidan zum Dauer-Thema in den westlichen Nachrichten und der Narrativ war schnell gefunden: Zehntausende strömten zum Maidan, um gegen das "brutale Regime" des "Despoten" Janukowytsch zu protestieren. Dieser war fortan nicht mehr der gewählte Präsident eines Landes, sondern ein Ausbund an Korruption, ein Wahlfälscher, ein Lakai des Schwulenschlächters Putin und wahrscheinlich hat auch noch irgendeine Zeitung berichtet, er hätte einen süßen Rehpinscherwelpen auf dem Mittelstreifen einer Autobahn ausgesetzt. Gegen so viel an abgrundtiefer Bosheit wehrten sich fortan gut gekleidete und frisch gestylte, dynamische junge Menschen, die alle auch noch begeistert ihre ukrainischen und europäischen Fahnen schwenkten, die ihnen unbekannte freundliche Menschen zuvor in die Hand gedrückt hatten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der deutschen und ukrainischen Delegation während des Treffens im

Die hohen Beamten des Sicherheitsapparats in der Regierung von Janukowytsch zweifelten übrigens von Anfang an an der Version, wonach die Protestler ausschließlich Studenten waren. Spätestens ab dem 1. Dezember mischten auch die Sturmtruppen der Protestierer mit, die offenbar finanziell über ausreichend an Ausstattung verfügten, um wochenlang demonstrieren zu können, ohne zur Arbeit zu gehen oder Vorlesungen zu besuchen. In den Medien hießen die Schlägerbanden bewusst verharmlosend "Selbstverteidigung des Maidans".

Alexej Tokarew, ein Experte aus dem Zentrum für globale Probleme der vom Moskauer Außenministerium betriebenen Moskauer Diplomatenschule MGIMO, der als einer von wenigen russischen Forschern das Land nach dem Maidan mehrere Male bereisen durfte, erzählt retrospektiv:

Anfang Dezember begannen Schlägertruppen aus "Trezub", "Weißem Molot", Fußballultras und anderen radikalen Gruppen, den "Rechten Sektor" zu formieren. Deren Schläger sollten fortan die Polizeitruppen mit Molotowcocktails bewerfen, Sicherheitskräfte mit schweren Stiefeln treten und diese, obwohl sie keinen Befehl zur Abwehr hatten, mit Ketten schlagen.  

Die Kämpfe wurden mehrfach unterbrochen, die Massenprotestler hatten Maidan mittlerweile schon längst verlassen. Doch wie von unsichtbarer Hand entflammt kehrten sie wieder. Den' berichtet

Demonstration ukrainischer Nationalisten vor einer Statue von Stepan Bandera, dem Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die zahllose Massaker an Juden und Polen durchgeführt hat.

Die Hölle, die für mehrere Monate das Zentrum der Hauptstadt heimsuchte, erlosch mehrere Male. Im Endeffekt ereignete sich Ende Februar jene Kulmination, die bis jetzt nicht eindeutig interpretiert werden kann.

Das, was die Autoren unter Kulmination verstehen, ist wohl die Erschießung von rund 100 Demonstranten und 12 Polizisten an den Tagen vom 18. bis zum 20. Februar 2014. "Bild" titelte damals:

Ein Diktator schlachtet sein Volk ab.

Dieses blutige Ereignis versetzte das Land in einen hysterischen Zustand, in dem der verfassungswidrige Machtwechsel als naturgegeben erscheinen musste. War dies von den Verantwortlichen aber auch so gewollt?

Diese Frage steht immer noch im Raum, denn der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt, was auch die zahlreichen Maidan-Unterstützer im Westen beunruhigt.

So schrieb der dem Maidan sehr wohlgesonnene Historiker Gerhard Simon am 9. März 2016:

Die Nichtaufarbeitung der Verbrechen vom Maidan wird von der Gesellschaft der Führung Poroschenko/Jazenjuk zugerechnet, zumal die Toten vom Maidan und die Hundertschaft im Himmel (nebesna sotnja) zu nationalen Märtyrern und neuen Identifikationsfiguren der Nation geworden sind.

Deswegen nehmen manche die Aufklärung selbst in die Hand, wie die deutschen Journalisten vom ARD-Magazin "Monitor", die an der offiziellen Version der Kiewer Übergangsregierung zu den Vorfällen zweifelten.

Noch weiter ging Ivan Katchanovski, ein kanadischer Wissenschaftler ukrainischer Herkunft von der University von Ottawa, in seinem 79-seitigen Bericht, den er in der Zeit von 3.-6. September in mehreren Veranstaltungen in San Francisco vorstellte. Auf Grund der Auswertung Hunderter von Videos, Foto und Audiobeweisen, die durch Dutzende vor Ort anwesende TV-Teams eine Zeitlang im Netz verfügbar waren, gelangte er eindeutig zur Schlussfolgerung, die meisten Demonstranten seien im Wege einer "False Flag"-Aktion hinterrücks erschossen worden.

Zwar werden in der Ukraine offiziell immer noch "Berkut"-Einheiten hinter der Massenerschießung vermutet, die Ermittlung kommt gerade auf dieser Spur jedoch nicht wirklich voran.

Der Vorfall, der möglicherweise eine Erbsünde des neu formatierten ukrainischen Staates nach dem Maidan darstellt, wird von den Maidan-Apologeten als Geburt der Nation ausgelegt. Zum zweiten Mythos wird die so genannte ATO, die "Anti-Terror-Operation" in der Ostukraine. Diese "Terrorbekämpfung" richtet sich gegen diejenigen, die keine Terroristen sind – selbst in ukrainefreundlichen Westmedien heißen sie neuerdings nur noch "moskautreue Volksmilizen". Dieser vermeintliche "Anti-Terror-Kampf" ist eine zweite Lüge, die eines Tages noch auf deren Urheber zurückfallen könnte.

Aber selbst wenn dieser Mythos von den "wackeren Kämpfern der ATO" für Teile der ukrainischen Gesellschaft einen glaubwürdigen Narrativ darstellt, stellt das diktatorische Abschneiden des anderen Teils der Gesellschaft von jedweder Mitbestimmung nichts anders als eine tickende Bombe gegen die ukrainische Nation, die sich nach außen so gerne als homogen präsentiert.

Im Gespräch mit RT meint Alexej Tokarew:

Der Euromaidan wird einerseits die Nation zusammenhalten – die Bücher zur Erinnerung an die "Himmlische Hundertschaft" in jedem historischen Museum der ukrainischen Großstädte beinhalten die Namen der Getöteten aus dem ganzen Land, vom Lwow bis Donezk. Artikel über die "Revolution der Würde" werden in die neuesten Geschichtslehrbücher aufgenommen. Aber auf der anderen Seite wird die Ukraine endgültig ihre nationalen - keine administrativen! - Grenzen im Osten verlieren. Die Menschen mit einem ost-ukrainischen Identitätsverständnis werden sich in innere Gettos zurückziehen, in denen der Slogan "Ruhm der Ukraine" nach wie vor einer von Bandera ist, Russland keineswegs "Aggressor" ist und die Ernennung des ehemaligen Kommandanten eines Neonazi-Bataillons [die Ernennung von Wadim Trojan – Red.] "Asow" zum Polizei-Chef keine Fiktion, sondern ein Albtraum.

So wurde aus einem studentischen Protest auf Grund eines sperrigen Dokuments, das kaum jemand gelesen hat, ein großer innen- und geopolitischer Konflikt und ein erbitterter Kulturkampf. In der nächsten Folge wird RT auf die ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen des Maidans eingehen.