Angeblicher Putschversuch in Montenegro: Sind auch hier die Russen schuld?

Angeblicher Putschversuch in Montenegro: Sind auch hier die Russen schuld?
Über die Phantasieszenarien mancher westlicher Kreise wird sich wohl auch die russische Führung ein Schmunzeln nicht verkneifen können.
Die montenegrinische Staatsanwaltschaft behauptet, dass russische Nationalisten an einem angeblichen Putschversuch beteiligt waren. Angeblich wollten Verschwörer den pro-westlichen Ministerpräsidenten Milo Dukanovic töten und eine pro-russische Regierung einsetzen.

Die Politik auf dem Balkan lebt traditionell von einem hohen Anteil an falschen Verdächtigungen. Gestern musste das russische Außenministerium dementieren, dass es sich in die Politik in Montenegro eingemischt habe. Dies behauptete die dortige Regierung. Die westliche Mainstreampresse verbreitete die abenteuerliche Geschichte weiter.

Laut Tagesschau jetzt auch schuld am Stau: Russlands Präsident Wladimir Putin

Email-Hacks, Autobahnstaus, Rechtspopulismus: Die Liste der Probleme, für die westliche Kreise Putin oder zumindest die bösen Russen verantwortlichen machen, wächst mit jedem Tag. Milovoje Katnic, der für organisierte Kriminalität zuständige montenegrinische Staatsanwalt, schloss sich am Sonntag dem westlichen Hype um angebliche russische Verschwörungen an. Er offenbarte der Öffentlichkeit ein gegen seinen Regierungschef gerichtetes Komplott, bei dem wieder einmal Russen in die Rolle des Antagonisten schlüpfen durften.

Eine Verschwörung russischer, serbischer und montenegrinischer Nationalisten habe geplant, am 16. Oktober, dem Tag der Parlamentswahlen, die prowestliche Regierung gewaltsam zu stürzen. Zwar verfügt die Staatsanwaltschaft über keine Beweise für eine Beteiligung des russischen Staates, aber sie könne trotzdem belegen, dass zwei russische Nationalisten als Organisatoren der Verschwörung agierten.

Am Wahltag hatten die montenegrinischen Behörden 20 serbische Staatsbürger verhaftet. Sie warfen ihnen vor, einen Putsch geplant zu haben. Die Verschwörer hätten den montenegrinischen Ministerpräsidenten, der das Land seit 1991 regiert, ermorden und eine prorussische Regierung errichten wollen. Unter den Verhafteten befand sich auch ein ehemaliger Befehlshaber der serbischen Gendarmerie. Allerdings wurden 17 der Verdächtigten inzwischen wieder freigelassen.

Die montenegrinische Staatsanwaltschaft veröffentlichte Videoaufnahmen, um ihre Behauptungen zu untermauern. Das Video soll die Ausstattung der mutmaßlichen Putschisten zeigen, unter anderem Handschellen, Schlagstöcke, Handfunkgeräte und Schlagringe - einige davon anscheinend vergoldet. Schusswaffen sind auf den Aufnahmen nicht zu erkennen, obwohl die Staatsanwaltschaft behauptete, dass die Verhafteten rund 100 automatische Gewehre und Pistolen besaßen.

Wie 20 leichtbewaffnete Serben einen Putsch in einem Land mit immerhin fast 2.000 Soldaten und mehr als 5.000 Polizisten hätten durchführen können, ergab sich natürlich nicht aus den Ausführungen des Staatsanwaltes. Schon im Jahr 2006 ereignete sich in Montenegro ein ähnlicher Vorfall: Damals verhafteten die Behörden einen Tag vor den Parlamentswahlen 18 Albaner, die angeblich einen Aufstand anzetteln wollten.

Taras Berezovets, ein ukrainischer Politikwissenschaftler, der dem Präsidenten Petro Poroschenko nahe steht, veröffentlichte Anfang November auf seiner Facebook-Seite einen Beitrag, in dem er behauptete, dass der ukrainische Geheimdienst eine wichtige Rolle bei der Vereitelung des angeblichen Putschversuches gespielt habe.

Die Verhaftung der mutmaßlichen Putschisten stelle einen Sieg des ukrainischen Geheimdienstes gegen den russischen dar. Die westlichen Geheimdienste hätten die mutmaßliche Verschwörung ohne die ukrainische Hilfe nicht vereiteln können.

Allerdings äußerten selbst einige westliche Medien, die sonst keine Chance versäumen, hinter jeder ungünstigen politischen Entwicklung eine weiteres Beispiel für "hybride Kriegsführung" Russlands zu wittern, skeptisch hinsichtlich des Szenarios der montenegrinischen Staatsanwaltschaft.

Es ist sehr zweifelhaft, ob sich die wilden Beschuldigungen der montenegrinischen Behörden jemals bestätigen lassen werden. Vielleicht wird der Staatsanwalt Katnic aber für den Oscar-Preis in der Kategorie „Bestes Originaldrehbuch“ nominiert?  

ForumVostok