Terror in der Ostukraine: Volkswehr-Kommandant Arseni Pawlow "Motorola" durch Anschlag getötet

Arseni Pawlow während der Generalprobe zu den Feierlichkeiten der Militärparade am 7. Mai 2016 in Donezk
Arseni Pawlow während der Generalprobe zu den Feierlichkeiten der Militärparade am 7. Mai 2016 in Donezk
Kommandant Arseni Pawlow war bereits mehrfach Ziel von Anschlägen. Diesmal verfehlten die Täter ihr Ziel nicht. Ein im Aufzug seines Hauses deponierter Sprengsatz fügte ihm "tödliche Verletzungen" zu, so das Verteidigungsministerium der "Volksrepublik Donezk".

Es ist im ukrainischen Bürgerkrieg üblich, den Kämpfern auf beiden Seiten spezielle "Kampfnamen" zu geben. Oft kennen nicht einmal die Angehörigen der gleichen Einheit die echten Namen und Vornamen ihrer Kameraden. Dies ist insbesondere von Vorteil, wenn ein Kämpfer in feindliche Hände fällt und dort gezwungen werden soll, Angaben über seine Mitstreiter zu machen.

Auch Arseni Pawlow kannte man vorwiegend als "Motorola". Noch während der Kämpfe um Slawjansk im Frühsommer 2014 machte er als energischer Feldkommandant auf sich aufmerksam. Der seit seinem Militärdienst mit Funktechnik vertraute Pawlow koordinierte die Kampfhandlungen seiner Einheit gerne per Funkgerät, daher sein Rufname.

Seine Einheit, das Bataillon "Sparta", kämpfte später erfolgreich an allen Kriegsschauplätzen in Illowajsk, Debalzewo und am Donezker Flughafen. Neben einem anderen Kommandanten mit dem Rufnamen "Giwi" galt der aus Republik Komi in Russland stammende Pawlow als eine der populärsten Figuren in der Donezker Volkswehr. Er fiel aber auch durch ein rabiates Auftreten auf. Ihm werden von ukrainischer Seite gar Erschießungen ukrainischer Gefangener zugeschrieben.

"Motorola" selbst war nicht einmal daran interessiert, Gerüchten dieser Art den Nährboden zu entziehen. So soll er in einem häufig zitierten Telefongespräch mit ukrainischen Journalisten selbst zugegeben haben, 15 ukrainische Gefangene eigenhändig erschossen zu haben:

Wenn ich will, töte ich, wenn nicht, dann nicht.

Daran, dass diese martialische "Prahlerei" ernstgemeint war, wollte jedoch niemand, der Pawlow kannte, wirklich glauben. Seine Popularität basierte eben auf Mischung aus derbem Gossen-Humor und einer Kameradschaftlichkeit, die auch Kriegsgegnern zuteilwurde. Bekannt sind beispielsweise seine Verhandlungen mit den Vertretern der ukrainischen "Kiborgs", den Kämpfern aus dem Rechten Sektor, während der Kämpfeum den Donezker Flughafen.

Für seine Gegner war "Motorola" jedoch Staatsfeind Nummer eins. Wenn man der ukrainischen Kriegspropaganda Glauben schenken will, dann sind freiwillige Kämpfer der Volksmilizen in den selbsternannten Volksrepubliken allesamt "Terroristen", obwohl ihnen bislang kein einziger Terroranschlag mit Todesfolge zur Last gelegt werden konnte.

Erst am 5. September drohte Präsident Poroschenko Pawlow mit Vergeltung für den angeblichen Tod eines ukrainischen Gefangenen: "Diese Bestie wird für den Tod des ukrainischen Helden zur Rechenschaft gezogen". Nationalistenführer Dmitri Jarosch war am 23. September im Interview mit dem ukrainischen Fernsehsender 112 noch deutlicher: "Die Jagd auf die Freischärler Giwi und Motorola geht weiter". Die Hardliner in Kiew waren nicht zuletzt darüber verbittert, dass Interpol das Gesuch der Ukraine, Pawlow auf ihre Fahndungsliste zu setzen, mit der Begründung abgelehnt hatte, dieses sei "politisch motiviert".

Der letzte Anschlag auf Pawlow, der sein Ziel verfehlte, ereignete sich am 24. Juni. Haarscharf entging der Volkswehrkommandant damals dem Tod. Auch Fake-Meldungen über sein angebliches Ableben in ukrainischen Medien sind seit dem Sommer 2014 fast schon zur Routine geworden. Diesmal jedoch befand sich Pawlow im Epizentrum der Detonation eines Sprengsatzes im Aufzug seines Hauses. Neben ihm wurde noch eine weitere Person getötet, mehrere weitere wurden verletzt. Er lässt eine Frau und zwei kleine Kinder zurück.

Die Aufständischen im Donbass vermuten eine regierungsloyale ukrainische Diversionsgruppe hinter dem Anschlag. Sie werden den Mord an einer charismatischen Symbolfigur des Widerstandes in Donezk in der jetzigen angespannten Lage als endgültige Aufkündigung des Minsker Prozesses vonseiten Kiews verstehen. Sichtlich verbittert über den Tod eines Freundes sprach der Premierminister der international nicht anerkannten "Volksrepublik Donezk", Alexander Wladimirowitsch Sachartschenko, von einem "Fehdehandschuh", die Kiew dem gesamten Donezk hingeworfen habe. In Donezk wurde eine dreitägige Staatstrauer angeordet.

Arseni Pawlow und der Regierungschef der Donezker Volksrepublik, Alexander Sachartschenko, während der Trauerfeierlichkeiten zum Jahrestag des Odessa-Massakers am 2. Mai 2015.
Arseni Pawlow und der Regierungschef der Donezker Volksrepublik, Alexander Sachartschenko, während der Trauerfeierlichkeiten zum Jahrestag des Odessa-Massakers am 2. Mai 2015.

Auch russische Medien reagierten erwartungsgemäß mit scharfer Kritik an Kiews Methoden der Kriegsführung:

Auf den Schlachtfeldern flohen sie vor Motorola. Statt Krieg kam dann schlechter Frieden und seine Feinde fühlten sich auf einmal sicherer. Ihre Taktik für den Sieg sind nicht erfolgreiche Attacken oder vernünftige Verteidigung. Ihre Taktik, die sie zum Sieg führen soll, besteht aus dem Beschuss ziviler Siedlungen und terroristischen Anschlägen in Wohnhäusern. Auf diesem Gebiet haben sie ihre Ziele erreicht", schrieb das Portal svpressa.

Seit der Machtübernahme durch den Maidan-Putsch vom Februar 2014 ist individueller Terror gegen führende Politiker und Militärangehörige der Donezker und Lugansker Volksrepubliken sowie gegen Anführer der Opposition in der Ukraine das gängige Mittel im Kampf für den Machterhalt.

In jüngster Zeit erschossen Unbekannte auch den führenden Aktivisten der ukrainischen Antimaidan-Bewegung "Oplot", Evgeni Zhilin, am 19. September 2016 in einem Café bei Moskau. Im Jahr zuvor wurde der charismatische Kommandant des Bataillons "Geist", Alexei Mozgowoj, zusammen mit mehreren seiner Begleiter während einer Autofahrt erschossen. Er war auch durch seine mehrfachen Skype-Diskussionen mit seinen Gegnern bekannt. Im Jahr 2015 wurden noch zwei weitere Rebellenanführer auf dem Territorium der Volksrepublik Lugansk getötet. Im September 2016 gab es zudem einen Anschlagsversuch auf den Regierungschef der Lugansker Volksrepublik, Igor Plotnizki.

Wie auch im Fall Arseni Pawlow werden hinter diesen Verbrechen auf "feindlichem Territorium" operierende ukrainische Diversionsgruppen vermutet. Die Donezker Sicherheitsbehörden haben die Aktion "Abfangen" gestartet, um Bedrohungen dieser Art wirksamer entgegentreten zu können. Unterdessen hat sich eine in Donezk operierende neonazistische Untergrundorganisation namens "Misanthropic Division" via YouTube in IS-Manier zu den Anschlägen bekannt. Nach dem Anschlag auf Motorola kündigten sie an, dass weitere Attentate auf die Regierungschefs der nicht anerkannten Republiken, Sachartschenko und Plotnizki, folgen sollen.

Arseni Pawlow, Rufname Motorola.
Arseni Pawlow, Rufname Motorola.

Ukrainische Offizielle und regierungstreue Medien feiern den Tod des vor seiner Haustür ermordeten Familienvaters:

Eine freudige Nachricht erreichte uns heute aus dem okkupierten Donbass: Terrorist "Motorola" wurde in Donezk getötet! Noch ein vom Kreml geschaffenes "Produkt Neurusslands" ist professionell aus dem Weg geräumt worden", postete etwa Zoran Schkiryak, der Berater des Innenministers Arsen Awakow, via Facebook.

Nach Kiewer Lesart sind alle Anschläge auf "Separatisten" auf innere Machtkämpfe oder Säuberungen durch russische Geheimdienste zurückzuführen. Doch die Freude in ukrainischen sozialen Netzwerken wirkt doch einigermaßen entlarvend. Die Akzeptanz von Terror als Mittel, um für das vermeintliche "Wohl der Ukraine" zu sorgen, hat in der ukrainischen Öffentlichkeit seit dem Putsch auf dem Maidan extrem zugenommen. Ein Tiefpunkt ist diesbezüglich der Applaus in einer ukrainischen Live-Sendung, als die Nachricht von der Vernichtung des Zeltlagers "der Separatisten" vor dem Gewerkschaftshaus in Odessa am 2. Mai 2014 bekanntgegeben wurde. Auch die Freilassung des mutmaßlichen Mörders des Oppositionellen Oles Buzina ist vielsagend.

Unabhängig davon, ob die Täter etwas mit den Kiewer Sicherheitsorganen zu tun haben oder nicht: Es drängt sich geradezu der Eindruck auf, dass die provokative Eskalationsstrategie im Osten der Ukraine aufs Engste mit dem Druck auf Russland in der Syrienfrage zusammenhängt.