Neue Gefahren für den Baikalsee: Industrien bedrohen größtes Trinkwassergebiet

Neue Gefahren für den Baikalsee: Industrien bedrohen größtes Trinkwassergebiet
Nach der Schließung einer Papierfabrik im Jahre 2006 drohen dem Baikalsee nun neue Gefahren. Tourismus führt zu erhöhtem Abfallaufkommen, doch die Kapazitäten zu dessen Beseitigung reichen nicht aus, warnen Umweltschützer.

von Ulrich Heyden, Sljudjansk/Moskau

Der geplante Bau eines Elektrizitätswerkes an einem Baikal-Zufluss ist eine Gefahr, meinen russische Ökologen. Moskau sieht in dem Kraftwerksprojekt ein „ernstes Risiko“ für die Trinkwasserversorgung in der Region Irkutsk und versucht Ulan-Bator von dem Projekt abzubringen. 

Der Wasserspiegel des Baikalsee ist in den letzten zwei Jahren um einen Meter gefallen. Das liege an der Dürre, die es gab, meint Juri Karpow, Biologe und Umweltschützer in Sljudjanka. Das Städtchen liegt am Südwestufer des Baikalsees. Jetzt regne es wieder viel und der See fülle sich auf. „Die Natur regelt sich von alleine“, meint Karpow.

Idylle am Baikal-See. Foto: Ulrich Heyden

Nicht alle Umweltschützer sind so optimistisch. Das Sinken des Wasserspiegels sei „katastrophal“ und „eine Anomalie“, die entschiedenes Handeln erfordere, erklärte der stellvertretende Direktor des Instituts für Wasserprobleme der Russischen Akademie der Wissenschaften, Michail Bolgow, auf einer wissenschaftlichen Konferenz Mitte Oktober.

Der Wissenschaftler schlug vor, die Wasserspeicher in der Region anders zu nutzen. Bolgow wies auch darauf hin, dass die Verschmutzung des Baikal durch Abfall zugenommen habe. Die Kapazitäten bei der Abfallbeseitigung reichten wegen des stark gestiegenen Tourismus nicht aus. Die Folge sei, dass im Baikal zunehmend fadenförmige Grünalgen (Spirogyra) wachsen. Teile des Sees hätten sich „in ein Moor verwandelt“.

Das russische Umweltministerium will jetzt die Nutzung von Plastikgeschirr und -tüten in der Baikal-Region verbieten. Ökologen fürchten jedoch, dass diese Maßnahmen allein nicht ausreichen.

Der Fischbestand geht zurück

Der Omul ist neben dem Charius der wichtigste Fisch im Baikal. Er ist etwa 60 cm lang. Ein Kilo kosten umgerechnet 5,40 Euro. Sein Fleisch ist weiß und äußerst schmackhaft. „Der Bestand des Omul geht zurück“, meint Larissa, die in ihrem Haus, nicht weit vom Ufer, eine kleine Omul-Räucherei betreibt. Das mache ihr schon Sorgen. Der See reagiert auf alle Veränderungen des Klimas sehr empfindlich.

Im Baikal befinden sich ein Fünftel der weltweiten Trinkwasservorräte. Der See ist riesig, 636 Kilometer lang. Doch die Wasservorräte sind nicht unerschöpflich. Trotzdem will das chinesische Technologie-Unternehmen LeEco sauberes Baikal-Trinkwasser exportieren.

103 Meter hohe Staumauer

Doch es gibt noch eine weit größere Gefahr für den See. Die Mongolei will auf ihrem Territorium am Egijn-Gol-Fluss (siehe Karte) ein Elektrizitätskraftwerk mit einer Leistung von 245 Megawatt und einer 103 Meter hohen Staumauer bauen.

Russische Ökologen sind davon überzeugt, dass diese Pläne für den Baikal nicht ohne Folgen bleiben würden. Der Egijn-Gol mündet in den Selenga-Fluss und dieser mündet in den Baikal-See. Aus dem Selenga-Fluss bezieht der Baikal nach Schätzungen ein Drittel seines Wassers. Der Wasserstand des Sees werde infolge eines Kraftwerkes weiter absinken.

„Wir sind kategorisch gegen den Bau, umso mehr, als die Mongolei Alternativen hat – Wind- und Sonnenkraftwerke“, zitiert das russische Wirtschaftsmagazin Ekspert den Leiter des Energie-Programms von Greenpeace-Russland, Wladimir Tschuprow.

Nach unterschiedlichen Berichten plant die Mongolei am Selenga-Fluss den Bau von drei bis 25 großen und kleinen Elektrizitätskraftwerken.

Ort der geplanten Staumauer in der Mongolei.
Ort der geplanten Staumauer in der Mongolei.

Bisher hat die Mongolei nur ein kleines Elektrizitätsdefizit, welches sie mit Importen aus Russland deckt. Doch Ulan-Bator hofft offenbar auf einen Aufschwung der Bergbauindustrie. Der Leiter des mongolischen Kraftwerkprojekts, Odkhuu Durzee, plädiert dafür, sich von russischen Stromlieferungen ganz unabhängig zu machen. Wenn China keinen Kredit gibt, werde man sich an Japan, Südkorea und Norwegen wenden, erklärte Durzee.

China legt Kraftwerkskredit mit Rücksicht auf Russland auf Eis

Ungeachtet der bisher unklaren Finanzierung für das Staudamm-Projekt, startete Ulan Bator die Ausschreibung für das Kraftwerksprojekt, wie Anfang Oktober bekannt wurde. Zu dem Projekt gehören Staumauern an den Flüssen Orchon, Egiji-Gol, Tola und Delgermuren.

Aufgeschreckt durch das Festhalten der Mongolei an dem für den Baikal gefährlichen Projekt hat der russische Minister für Naturschutz, Sergej Donskij, die Weltbank Anfang Oktober in einem Brief um Aufklärung über die Ausschreibung gebeten.

Ulan Bator hofft auf Kredite von China und der Weltbank. Doch auf Bitten Russlands hat die Weltbank ihre Kredit-Zusage im Mai eingefroren. Offenbar mit Rücksicht auf Russland hat auch China seinen zugesagten Kredit über eine Milliarde-Dollar- für das mongolische Kraftwerk aufgeschoben.

Die Beziehung zwischen Moskau und Peking sind in den letzten Jahren immer besser geworden und China will offenbar auf russische Interessen Rücksicht nehmen. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg hofft China, dass die Mongolei in der Frage des Kraftwerks einen Kompromiss mit Russland findet. Wladimir Putin hatte im Juni bei einem Treffen mit dem Präsidenten der Mongolei erklärt, der geplante Staudamm sei ein „ernstes Risiko“ für die Wasserversorgung in der Region Irkutsk.

Russland will gemeinsame Öko-Projekte mit China starten

Der russische Minister für Naturressourcen, Sergej Donskoj, erklärte auf einem Treffen einer russisch-chinesischen Kommission zum Naturschutz am Freitag in Sotschi, man habe der chinesischen Seite vorgeschlagen, sich an gemeinsamen Projekten zum Naturschutz in der Baikal-Region zu beteiligen. Um welche Projekte es sich handelt, wurde nicht mitgeteilt.

Russland nutzt das Wasser des Baikal bereits zur Stromerzeugung. Das Elektrizitätswerk Angarsk liegt allerdings an einem Abfluss des Baikal, dem Angara-Fluss, und nicht an einem Zufluss, wie die von der Mongolei geplanten Projekte.