Es gibt nicht nur eine Wahrheit – Plädoyer einer dänischen Politikerin gegen Russophobie in Europa

Es gibt nicht nur eine Wahrheit – Plädoyer einer dänischen Politikerin gegen Russophobie in Europa
Eine dänische Politikerin kritisiert den Narrativ der westlichen Massenmedien, die nur eine Wahrheit kennen: der gute Westen hier, das böse Russland dort. Gerade im Kampf gegen den dschihadistischen Terrorismus könnte Europa in Russland einen Bündnispartner finden.

Von Olga Banach

Marie Krarup ist Politikerin der rechtsgerichteten Dänischen Volkspartei und hat jüngst einen Kommentar veröffentlicht, in dem sie sich gegen die vorherrschende mediale Berichterstattung in Bezug auf Russland stellt. Der neue Kalte Krieg, den die meisten als Informationskrieg darstellen, versuche den Menschen stets den gleichen Narrativ aufzudrücken: Die Wahrheiten kommen aus Europa, die Lügen entstammen der Russischen Föderation. Das Internet trüge seinen Teil dazu bei, eine große Menge an nicht geprüften Informationen zu verbreiten.

Ihr Kommentar beginnt mit einem Blick auf die Ukraine-Krise, die der Medien-Mainstream auch in Dänemark fälschlicherweise mit dem Krieg im Kosovo verglichen hatte. Anschließend zitiert Krarup den Russlandexperten Peter Pomerantsev, der von einer "Verwaffnung der Wahrheit" ("Weaponization of Truth") sprach. Pomerantsev zufolge ist die Wahrheit nie absolut, sie ist immer eine Funktion bestehender Machtverhältnisse – eben eine Waffe. Diese Art von Wahrheit stelle eine Gefahr für die freien und unabhängigen Medien und eine auf Fakten und Objektivität basierende demokratische Debatte dar.

Die NATO-Erweiterung ist aus russischer Sicht eine Gefahr. Die Militärdoktrin in Europa aber basiert darauf, dass Russland ein "Revanchist" und "Imperialist" wäre. Russland als alliierten Partner zu sehen, wird von vorneherein ausgeschlossen. Die Idee der Schaffung guter diplomatischer Verbindungen zu Russland, wie sie in den 1990er Jahren sowie zwischen 2001 und 2004 noch weithin einen Konsens dargestellt hatte, scheint in Vergessenheit geraten sein.

Der Fokus auf die eine Wahrheit birgt unabsehbare Gefahren in sich, fasst Marie Krarup zusammen:

Wenn wir weiterhin die russophobe Hysterie unterstützen, nehmen wir uns selbst die Möglichkeit einer entspannten und vernunftgesteuerten Verbindung mit Russland. Wir riskieren permanente Spannungen, eventuell mehr Kriege und Bürgerkriege wie in der Ukraine, und wir schieben Russland von uns weg – in die Arme Chinas.

Krarup betont, dass eine gute Verbindung mit einem Land, den christliche Werte zugrunde lägen, auch hilfreich im Konflikt mit einem aggressiver auftretenden radikalen Islam sein könnte.

In einem der Kommentare zu Krarups Plädoyer stellt ein Leser fest, dass er noch keinerlei Anzeichen für "imperialistische" Pläne Russlands erkannt habe. Gleiches könne jedoch mit Blick auf terroristische Organisationen nicht behauptet. Selbst im Fall der Türkei wäre ein solcher Vorwurf noch angebrachter, in der immerhin die Spitzen des Staates öffentlich davon sprachen, das Reich der Osmanen wiederauferstehen zu lassen.

Marie Krarup war vor ihrem Wechsel in die Politik in der dänischen Botschaft in Moskau beschäftigt und hat neben Ökonomie auch Russisch unterrichtet. Jedem, der glaubt, es könne - zumindest in weltlichen Belangen - nur eine Wahrheit geben, rät sie, sich medizinische Hilfe zu holen.

Es sei zudem nicht Russland gewesen, welches entdeckte, dass man mit Informationen an Macht und Einfluss gewinnen kann. Diese Idee sei bereits so alt wie Cäsar.