Nobelpreisträger Stiglitz: "Italien wird schon bald aus der Eurozone aussteigen"

US-Volkswirt und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht die Zukunft der EU kritisch.
US-Volkswirt und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht die Zukunft der EU kritisch.
War es den Verantwortlichen in Politik und Zentralbanken im letzten Jahr noch gelungen, mittels eines groß angelegten Austeritätsprogramms den Verbleib Griechenlands in der Eurozone zu erzwingen, könnte Italien schon bald den gemeinsamen europäischen Währungsraum verlassen.

Dies erwartet zumindest US-Volkswirt und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, der sich der "Welt" gegenüber skeptisch über die Zukunft des Landes in der Eurozone äußerte.

"Den Italienern wird gerade klar, dass Italien im Euro nicht funktioniert", erklärte der Autor des jüngst erschienenen Buches "Europa spart sich kaputt" gegenüber der in Berlin erscheinenden Tageszeitung. "Das ist für die Italiener emotional wirklich schwierig, und sie haben sich lange geweigert, diese Einsicht zu akzeptieren."

Im Laufe der letzten sechs Jahre hatte die so genannte EU-Troika aus Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Kommission versucht, mithilfe von Notkrediten in Höhe von mittlerweile 220 Milliarden Euro die griechische Schuldenkrise zu bewältigen. Der Regierung in Athen wurde in diesem Zusammenhang ein Sparprogramm aufgenötigt, von dem Kritiker sagen, es hätte das Potenzial, das soziale Gefüge des Landes vollständig zu zerstören.

Nutznießer der Hilfsmittel für Griechenland sind indessen nicht die öffentlichen Haushalte, denen bislang allenfalls knapp zehn Milliarden oder etwa fünf Prozent zugutegekommen sind. Der Rest dient zur Rettung ob der Schuldenkrise in Schieflage geratener europäischer Banken.

Die derzeitigen Krisen der Deutschen Bank, insbesondere aber der italienischen Großbank UniCredit, scheinen nun zunehmend auch in den Reihen politischer Entscheidungsträger der EU die Einsicht reifen zu lassen, dass sich das nach wie vor prekäre Rettungs-Beispiel Griechenland nicht unbegrenzt wiederholen lässt.

In diesem Zusammenhang erklärt auch Stiglitz:

Es wird in zehn Jahren vermutlich noch eine Euro-Zone geben, aber die Frage ist, wie sie aussehen wird. Es ist auf jeden Fall sehr unwahrscheinlich, dass sie immer noch 19 Mitglieder oder sogar noch mehr haben wird.

Der Nobelpreisträger spricht davon, dass man sich in Deutschland bereits mit einem unausweichlichen griechischen Euro-Aus abgefunden hätte. Darauf, dass auch Italien schon bald nicht mehr der Eurozone angehören könnte, deuten Zahlen hin, die Politiker inner- und außerhalb der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone lange unter Verschluss gehalten hatten.

In Italien soll sich allein ein Drittel aller nicht mehr bedienter Bankkredite des EU-Raumes konzentrieren. In mehreren Medien war die Rede von einer Gesamtsumme von 360 Milliarden Euro, auf die sich die nicht bedienten Kreditverbindlichkeiten in dem südeuropäischen Land belaufen soll – damit sollen etwa 21 Prozent aller Kredite in Italien "faul" sein. Allein 80 Milliarden Euro davon sollen sich in den Büchern der UniCredit befinden. Dazu kommt eine Verschuldung der öffentlichen Haushalte in Höhe von 135 Prozent des BIP – bei anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Stagnation.

Rette sich wer kann: Eine Filiale der italienischen Banca Monte dei Paschi

Politisch ist Italien ungleich mächtiger als das kleine Griechenland. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass Berlin und Brüssel die Regierung in Rom am Ende in ähnlicher Weise in die Enge treiben werden können, wie dies mit Blick auf Griechenland der Fall war. Der einzig verbliebene Strohhalm der europäischen Eliten ist ein Referendum über eine Verfassungsreform, das im Dezember stattfinden soll.

Die Reform soll unter anderem die parlamentarische Mehrheitsfindung straffen und dadurch Kontrollmechanismen zurückstutzen – was der Regierung ein Durchpeitschen groß angelegter Sparprogramme erleichtern würde. Ein "Ja" der Bevölkerung erscheint jedoch als äußerst fraglich.