The Spectator deckt auf: Wladimir Putin lässt auf dem Berg Athos eine KGB-Mission installieren

Der Sprecher der Staatsduma, Alexej Naryschkin, vor dem Panteleimon-Kloster auf dem Heiligen Berg Athos.
Der Sprecher der Staatsduma, Alexej Naryschkin, vor dem Panteleimon-Kloster auf dem Heiligen Berg Athos.
Ein Journalist des britischen "Spectator " wittert eine russische Geheimdienstbasis auf der griechischen Mönchsinsel Athos. Die Russische Föderation soll sich demnach offenbar ein Netzwerk tschekistischer Mönche auf dem Territorium der NATO halten.

Es ist bekannt, wie traditionsbewusst die Engländer sind. Auch die Presse in dem Land, das auf eine der ältesten Medienhistorien der Welt zurückblicken kann, fühlt sich ihren Traditionen in standesgemäßer Weise verpflichtet. Dies gilt sogar, wenn es um wenig rühmliche Dinge geht wie die notorische Russophobie der englischen Presse.

Es sei ihnen gegönnt, Russland ist nun mal der liebste Feind und Tradition ist eben Tradition. Die bildungsbürgerliche Schwäche für russische Literatur und das Theater gehört ebenso dazu wie die antirussische Karikatur. Man denke nur an die englische Presse zu Zeiten des Krim-Krieges 1853-1855.

Ein Déjà-vu aus den Hochzeiten des klassischen Great Game musste den Leser des Spectators am vorletzten Wochenende erfassen. Wieder geht es um die Dardenellen, um die Krim und um Vorderasien, wieder geht es um Imperien und ihre Macht- und Ordnungsansprüche. Und natürlich geht es um Spione, diesmal allerdings unter dem Deckmantel des griechisch-orthodoxischen Glaubens.

Richard Newton. Die Träume der Kaiserin Ekaterina. 1794 / Darstellung aus dem Buch: В.М. Успенский, Медведи, казаки и русский мороз. Россия в английской карикатуре до и после 1812 г. (СПб.: Арка, 2014.) Quelle: http://propagandahistory.ru/2314/Rossiya-v-angliyskoy-karikature/
Richard Newton. Die Träume der Kaiserin Ekaterina. 1794 / Darstellung aus dem Buch: В.М. Успенский, Медведи, казаки и русский мороз. Россия в английской карикатуре до и после 1812 г. (СПб.: Арка, 2014.) Quelle: http://propagandahistory.ru/2314/Rossiya-v-angliyskoy-karikature/

Allerdings ist zu bezweifeln, dass der Autor des Artikels "Was steckt hinter dem seltsamen Interesse Wladimir Putins an Berg Athos?" diese Bezüge wirklich kennt. Dazu bringt er entschieden zu wenig an Kenntnissen und ein zu plumpes Verständnis bezüglich fremder Kulturen mit. Aber auch das ist verständlich. Sein journalistisches Ziel bestand eben darin, eine Mischung aus Kolonialroman und Agenten-Triller auf dem knappen Bildschirm-Raum des Internets zu kreieren und das ist ihm auch gelungen.

Hinter jedem Strauch ein FSB-Agent? Ein Wunder des Finanzausgleichs? Die

Alles wäre nichts, wäre es bei diesen Genres geblieben. Aber Jeremy Norman steigert sich so sehr in sein Kunstwerk hinein, dass es ihm mit seiner Aussage todernst ist und er ganz am Ende, wenn es um die Auflagen an die EU geht, auch noch in ganz strengen Worten politische Anregungen formuliert. Und damit schafft er es, wenn schon nicht ins Belletristikregal, so doch zumindest auf das RT-Schlachtbrett.

Der Gentleman muss lange auf sein Visum warten

Der so genannte "Heilige Berg Athos" ist eine autonome Mönchsrepublik auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki und gilt als die wichtigste Heilige Stätte der Weltorthodoxie. Nach dem Edikt des byzantinischen Kaisers Basileos I. aus dem Jahre 883 dürfen im Umfeld des Berges Athos auf der Halbinsel Mönche in völliger Abgeschiedenheit leben. Sie bewohnen zurzeit 20 Klöster und beten dort für die Welt. Von diesen sind nur drei Klöster nicht griechisch, nämlich das russische St. Panteleimon Kloster, das vor kurzem sein 1000-jähriges Bestehen feierte, sowie ein serbisches und ein bulgarisches.

Die Gläubigen während der göttlichen Liturgie im Pokrow-Dom im St. Panteleimon Kloster auf dem Heiligen Berg Athos.
Die Gläubigen während der göttlichen Liturgie im Pokrow-Dom im St. Panteleimon Kloster auf dem Heiligen Berg Athos.

Es muss unerhört sein, wenn dem Nachfahren eines Empires, das noch vor nicht allzu langer Zeit keinen Sonnenuntergang kannte, jemand auf eine so qualvolle Weise ein Visum abverlangt, wie die Verwaltung der sog. Mönchsrepublik auf dem Heiligen Berg Athos dies tut. Immerhin ist dieses Anliegen mit der Forderung verbunden, einen Pass zu kopieren und die Kopie einen Monat vor dem geplanten Erscheinen an die Verwaltung zu schicken - und dann auf sein für drei Tage gültiges Visum zu warten.

Immerhin bekam der Gute am Ende sein Visum, obwohl seine Absichten, wie sein Reisebericht zeigt, durchaus selbst etwas mit Spionage zu tun hatten. Wird er nun auch auf die schwarze Listen der Popen gesetzt, wie das die "demokratische" EU in Bezug auf 146 russische und ukrainische Bürger getan hat?

Unzulässige Archaik: Ein theokratischer Staat

Aber alles nach der Reihe. Zunächst bewegen wir uns auf Athos in einem "theokratischen Staat" wie dem Iran oder dem Vatikan. Was fehlt uns in dieser Liste unter dem Stichwort "Einreiseverbot"? Genau, Saudi-Arabien mit den Heiligen Stätten in Mekka und den Einreiseverboten für Nicht-Muslime. Aber in dem Fall ist das ist doch menschlich; Verbündete und eigene Einflusssphären können nicht in der Kritik stehen, wollen wir dem Autor doch auch das gönnen.

Hingegen erfahren wir gar Schauriges von unserem Reporter. So sei die Bewegungsfreiheit in dem seltsamen Mönchsstaat angeblich sogar eingeschränkter als in Nordkorea. War der Autor in Nordkorea? Diesbezüglich sagt er nichts, aber glauben wir ihm einfach mal, was er uns berichtet. Jedenfalls hat ihm vor allem die Regel, jede seiner drei Nächte auf der Insel an einem anderen Ort zu verbringen, offenbar besonders zugesetzt. Dafür konnte er allerdings auch mehr von der Insel sehen und – auf etwas Unheimliches stoßen!

Der Russe lauscht nebenan

Zum Beispiel auf die rege Bautätigkeit im und um das russische Panteleimon-Kloster. Oder auf renovierte Gebäude des Klosters und andere Bauten auf der Insel, die für das sonst so arme Griechenland viel zu gepflegt aussehen. Das musste Herrn Norman unausweichlich auf die russische Spur führen:

Wir haben gehört, dass russisches Geld eine wichtige Finanzierungsquelle auf der ganzen Halbinsel ist. Es ist unwahrscheinlich, dass dies Kirchenspende für die Rettung der Seele ist. Hat Russland etwa eine geheime Agenda, die solche Großzügigkeit erklären würde? Warum interessiert sich Herr Putin für diese geschlossene, autoritäre und überwachte Gemeinde?

Seinen eigenen Hinweis am Anfang des Artikels auf die "unheilige Allianz" des ehemaligen KGB-Tschekisten mit der Kirche scheint der Autor vergessen zu haben. Laut ihm nutzt Putin die Unterstützung der Kirche und ihrer Einrichtungen für propagandistische Zielen, weil er erkannt habe, dass der Glaube im Volk eine wichtige Rolle spielt. Deswegen auch Putins Besuche des Heiligen Berges, der seit dem 10. Jahrhundert den Status einer spirituellen Schatzkammer der Orthodoxie spielt.

Patriarch von Moskau und ganz Russlands Kirill und russischer Präsident Wladimir Putin während des Gespräches in der Bibliothek des St. Panteleimon Klosters auf dem Heiligen Berg Athos am 28.05.2016
Patriarch von Moskau und ganz Russlands Kirill und russischer Präsident Wladimir Putin während des Gespräches in der Bibliothek des St. Panteleimon Klosters auf dem Heiligen Berg Athos am 28.05.2016

Aber so einfach kann es doch nicht sein bei den Russen. Nö, nö, Kirche, Glauben, Spiritualität… Propaganda, wie oben erwähnt? Propaganda ist doch typisch russisch. Auch nicht. KGB, täusche uns nicht! Aber Norman lässt sich kein X für ein U vormachen und hat die rettende Idee:   

Etwas Tiefgründiges und Unheimliches scheint hier am Werke zu sein. Vielleicht nutzt Russland den Berg Athos als Abhörbasis oder Zentrum der Nachrichtendienste, das sich gut hinter der NATO-Frontlinie lokalisiert; wir bemerkten eine Anzahl verdächtig aussehender Antennen und Satelliten-Schüssel.

Die Gründe, warum Russland ein solches Leck im NATO-Hinterland nutzen sollte, mitten auf dem Heiligen Berg mit seinen Einreisebestimmungen und besonderer Verbindung zu Russland als größtem orthodoxen Land der Erde, lesen sich wie aus einem Lehrbuch zur klassischen Geopolitik.

Die Sehnsucht nach dem Great Game

Das Fazit des Autors ist klipp und klar: EU, NATO und sogar UNESCO sollten auf keinen Fall zulassen, dass Russland ein kleines NATO-Territorium in einer strategisch so wichtigen Zone wie dem Gebiet nahe der Meerenge von Bosporus und Dardanellen in sein Einfluss-Gebiet zieht. Ob das jetzt bedeutet, dass demnächst NATO-Sondereinheiten das Territorium der vermeintlichen tschekistischen Mönche stürmen werden, bleibt offen.

Aber halt: Man stelle sich einmal vor, was passieren würde, wenn Großbritannien spirituelle Bande mit einem strategisch so wichtigen Territorium knüpfen würde! Was der Autor den Russen zutraut, hätten doch sicherlich auch andere in petto. Und tatsächlich ist dieser Verdacht gegen die Russen auch irgendwie verräterisch.

Was Norman jedenfalls nicht erwähnt, ist, dass auch Prinz Charles im Jahr 2004 auf der Halbinsel war und dort von den Mönchen mit allen Ehren empfangen wurde. Wirft nicht das am Ende noch viel mehr an Rätseln auf...?

Trends: # Medienkritik