Bilderstreit in der Ukraine: Fake-Kriegsfotos sorgen selbst in Washington für Kritik

Bilderstreit in der Ukraine: Fake-Kriegsfotos sorgen selbst in Washington für Kritik
Kritiker werfen einem ukrainischen Fotografen vor, Kriegsbilder zu inszenieren. Nach Kritik aus den eigenen Reihen erlangt der Fall eine internationale Dimension. Da der Fotograf mit dem Verteidigungsministerium in Kiew zusammenarbeitet, geraten die Behörden zunehmend in Erklärungsnot.

Es begann auf Facebook. Und es geht um Dmitri Murawski, einen studierten Chemiker aus Kiew, der jetzt als Leiter des Koordinierungs- und Informationszentrums beim Amt für Kommunikation und Presse des ukrainischen Verteidigungsministeriums arbeitet.

Bis vor kurzem bekleidete er auf freiwilliger Basis auch das Amt als Berater des Verteidigungsministers. In dieser Funktion veröffentlichte er am 15. August eigene Fotos von Kriegsschauplätzen in Schirokino bei Mariupol, die er nach eigenen Angaben im Juni dieses Jahres gemacht hatte. Die Serie hieß "Schmerz des Krieges". Murawski gilt als passionierter Kriegs-Fotograf.

Am 17. August veröffentlichte Juri Butusow, seines Zeichens Journalist des Nachrichtenportals „Zensor“, ein Bild aus dieser Serie. Dem Foto fügte er eine leicht ins Pathetische neigende Bildbeschreibung hinzu:

Ukrainische Krieger – das Hauptsymbol dieses Krieges; sie lassen ihren Kameraden nicht im Stich, aber der Tod lauert schon nebenan und sie sind hier, weil sie ein neues Leben verteidigen, das mit Familien und Kinderwagen irgendwann in diese Gegend zurückkehrt; das Leben, das im Hinterland blüht, weil irgendwo auf einem kleinen Landfetzen unsere Jungs ihren Schweiß und ihr Blut vergießen."

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Daran anschließend folgte der Aufruf, dieses Foto in alle Welt zu reposten: Solche Bilder seien würdig, berühmt zu werden. Das Foto sammelte über 12.000 Likes und wurde über 6.000 Mal geteilt.

Parallel zum Weg des Bildes um die Welt machten jedoch auch Anschuldigungen die Runde, wonach dieses und auch andere Fotos von Murawski möglicherweise inszeniert wären. Der Fotograf gab die Richtigkeit dieser Darstellung am Ende seines Postings indirekt auch selbst zu, indem er beteuerte, der Kriegsschauplatz und die Elitesoldaten auf dem Bild seien echt.

Die Reaktion auf das Bild fiel gespalten aus und mit der Erklärung des Fotografen war die Angelegenheit auch noch nicht erledigt. Der Verdacht der Inszenierung fand immer mehr Anhänger: So sei die Detonation einer angeblichen Mörsergranate lediglich der Effekt eines ferngesteuerten Knallkörpers gewesen. Der Fotograf geriet immer stärker in Erklärungsnot und ließ deshalb nun auch die abgebildeten Soldaten vor laufender Kamera für seine Version sprechen.

Der Skandal nahm jedoch ungebrochen seinen Lauf. Neben einem ukrainischsprachigen Artikel auf Radio Liberty vom 22. August 2016, in dem Militärexperten klar von einer gestellten Aufnahme ausgingen, publizierte eine Gruppe von 20 ukrainischen Fotografen noch am gleichen Tag einen offenen Brief, in dem sie sich von dem Rummel um das offenbar inszenierte Bild distanzierten. Sie warfen ihrem prominenten Kollegen vor, Russland eine Bestätigung für die Darstellung zu liefern, die Ukraine imitiere lediglich einen Krieg im Donbass. Außerdem sinke dadurch das Vertrauen in den ukrainischen Journalismus aufseiten "angesehener ausländischer Medien".

Die Befürchtung der Journalistenkollegen sollte sich denn auch zeitnah bewahrheiten: Die "angesehenen Medien" aus dem Ausland meldeten sich bereits am 26. August in Gestalt der "Washington Post" zu Wort und äußerten ihrerseits Zweifel an der Echtheit des Motivs. Um noch zu retten, was zu retten ist, versuchte man, mithilfe eines Verweises auf die Kunstgeschichte die These zu begründen, wonach sich das Bild immerhin noch in guter Gesellschaft befinde:

Sollte das Foto ein Fake sein, reiht es sich immerhin in eine lange Liste umstrittener Bilder ein, wie jenes des 'Fallenden Soldaten' von Robert Capa aus dem spanischen Bürgerkrieg."

Aus dem Schneider war man damit jedoch noch nicht: Denn wenn sogar schon "Washington" schief geguckt hat, muss das offizielle Kiew reagieren. Getreu dem Motto "Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage nur einen" gab das Verteidigungsministerium am 28. August sodann auch umgehend bekannt, dass Dmitri Murawski von seinem Amt als Berater suspendiert wurde. Der Minister bedauerte, dass der Bilderstreit "weit über die Grenzen der ukrainischen Gesellschaft hinausging".

Aber auch damit war die Affäre noch nicht gänzlich ausgestanden. Ein namhafter Berater des Präsidenten Petro Poroschenko, der Mediziner Juri Birjukow, ließ am 29. August via Facebook seiner Verdrossenheit freien Lauf. Jeden Tag postet er dort mehrere literarisch angehauchte, russischsprachige Stellungnahmen für seine 145.617 Abonnenten. Vor einer Woche klang das dann so:

So ein Artikel in so einer Zeitung kann ungleich mehr Schaden anrichten. Für unseren Sieg ist das äußerst gefährlich. Weil wir extrem von der Hilfe anhängig sind. All diese Humvees, AN-TRQ, Nachtsichtgeräte und vieles mehr, worüber nicht gesprochen wird – all das fällt nicht vom Himmel."

Um den befürchteten Imageschaden der Ukraine im Westen zu kompensieren, soll auch der Verteidigungsminister abtreten, forderte Birjukow. Dies sei erforderlich, damit die Aufrüstung weitergehen und Gelder weiter fließen können.
Diese Geschichte ist bezeichnend dafür, wie zahlreiche Segmente der ukrainischen Facebook-Öffentlichkeit denken.

Bild aus der Serie "Kinder des Krieges", Facebook von Dmitri Murawski
Bild aus der Serie "Kinder des Krieges", Facebook von Dmitri Murawski

Alle bemühen sich einstimmig um die Schaffung eines heldenhaften Kriegsepos, das die Welt von der außerordentlichen Bedeutung der Ukraine überzeugen soll. Wenn es an der gewünschten Dramatik mangelt - schließlich sterben in diesem Krieg gerade auf der anderen Seite Zivilisten -, soll diese durch die entsprechenden Bilder "geschaffen" werden. Fälschungen sind zu einem unverzichtbaren Element der Berichterstattung in ukrainischen Medien geworden.

Erst, wenn die Fälschungen zu offensichtlich werden, werden Teile der Medienschaffenden ansatzweise kritisch. Dass diese Kritik nur eine scheinheilige Masche ist, geben sie auch selbst zu. Es ist deswegen sehr fraglich, ob es nicht noch genügend an "epischen" Bilder eines erfundenen Krieges zwischen der Ukraine und Russland geben wird, die zu Bildikonen werden, obwohl man sie mit Fug und Recht als in gleicher Weise "umstritten" betiteln könnte wie das nun aufgeflogene Fake-Bild.